Gegründet 1947 Freitag, 20. September 2019, Nr. 219
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben

Ratten auf Crystal

Von Helmut Höge
Ratte_aus_Gullydecke_60449395.jpg
Chemie kann auch Teil der Lösung sein: Kanalratte im Gullydeckel

Der Biologe Cord Riechelmann kam kürzlich in einem FAS-Artikel über Mississippi-Alligatoren (die in ihren »Nestern« abhängig von der Außentemperatur entweder Weibchen oder Männchen hervorbringen) umstandslos vom Marxschen Gedanken über den »Stoffwechsel des Menschen mit der Natur« auf eine Polizeimeldung aus Tennessee zu sprechen: Dort hatte die Polizei im Internet dringend davor gewarnt, illegale Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente im Klo zu entsorgen, weil deren Rückstände nicht geklärt werden können.

Das können auch die Berliner Wasserbetriebe in Europas modernstem Klärwerk Schönerlinde nicht. Zu allem Überfluss ist Deutschland auch noch Weltmeister beim Entsorgen von Medikamenten im Klo. In Tennessee hat diese Einfältigkeit gefährliche »Meth Gators« hervorgebracht: Alligatoren auf Speed bzw. Crystal Meth. »Von Gänsen, Enten und anderen Wasservögeln wussten die Polizisten offensichtlich schon, dass sie über Drogen im Wasser hyperaktiv und merkwürdig werden können«, schreibt Riechelmann.

In Berlin geschieht ähnliches, aber der Wiener Künstler und Philosoph Fahim Amir sieht das ganz anders als die Polizei in Tennessee. In seinem Buch »Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte« (2018) schreibt er, dass es unter dem Clubunderground des Berghain noch einen weiteren Untergrund gebe – den echten, die Kanalisation.

Amir geht davon aus, dass all die Drogen, die im Berghain genommen werden, ja auch wieder raus müssen – und dann eben in die Kanalisation fließen, »wo die dort lebenden Tiere in wahren Duschen von Hormonen und anderen potenten Molekülen gebadet werden«.

2016 hatte Amir das Nachwort für die Merve-Ausgabe des »Manifests für Gefährten« der feministischen Biologiehistorikerin Donna Haraway geschrieben. Für »Schwein und Zeit« geht er von Haraways Begriff »Agency« aus, um so den Widerstand von Tieren wahrnehmen zu können und sie nicht immer nur als Opfer zu sehen. Amir will kein Spielverderber sein, deswegen kann er sich durchaus vorstellen, dass es da in der Kanalisation unter dem Berghain »amphetamingedopte Ratten gibt, die vor sich hinraven, hochfrequent kopulierende Kakerlaken auf Kokain, kuscheltrunken aneinander abrutschende Kröten auf MDMA oder Ketamin-Mäuse in psycho-aktiver Dissoziation«.

In der Kanalisation schwimmen aber noch ganz andere Substanzen, die in die offenen Gewässer gelangen: In vielen nordamerikanischen Seen finden die Chemiker z. B. Östrogene in erheblichen Mengen. Die männlichen Fische entwickeln sich dadurch zu Weibchen. Ähnliches passiert auch umgekehrt: Die Welt berichtete, chinesische Biologen hätten festgestellt, dass das Abbauprodukt DHT des Hormons Testosteron, das von Bodybuildern eingenommen wird, um ihr Muskelwachstum zu forcieren, »Froschweibchen vermännliche«.

Spektrum der Wissenschaft schrieb über die Arbeit von Zoologen der schwedischen Universität Umea. Die Zoologen hatten die Wirkung von Medikamentenrückständen in Gewässern untersucht, konkret: den Effekt des angstlösenden Wirkstoffs Oxazepam auf Flussbarsche. Sie beobachteten deren Verhalten vor und nach Zugabe des Medikaments und stellten fest, dass die Fische durch das Präparat aktiver wurden, schneller fraßen und forscher waren. »Normalerweise sind Barsche scheu und jagen in Schwärmen. Das ist eine bewährte Überlebensstrategie. Doch diejenigen, die in Oxazepam schwimmen, sind wesentlich mutiger«, erklärte einer der Wissenschaftler.

Amir erwähnt einen positiven Effekt der weltweiten Vermarktung des potenzsteigernden Mittels Viagra: »Die Umsatzzahlen von Robbengenitalien aus Kanada und Rentierbastgeweihen aus Alaska brachen nach Einführung von Viagra durch den Pharmakonzern Pfizer im Mai 1998 massiv ein. Ähnliches gilt für Seegurken, Seepferdchen, Geckos und die Grüne Meeresschildkröte.« Den Grund sieht Amir einerseits in der schnell überprüfbaren Wirkung des chemischen Mittels und der Unsicherheit bei der Einnahme der magischen Mittel, andererseits im Preis: »Viagra, gerade als Generikum, ist oft günstiger als die entsprechenden Pendants aus Tierkörpern.« Dem Autor kam darüber die Idee, »dass ›Chemie‹ nicht nur Bestandteil ökologischer Probleme ist, sondern auch Teil der Lösung sein könnte«.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton