Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.08.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Nichtangriffsvertrag 1939

Keine Allianz

Vorsatz oder Fahrlässigkeit? Eine neue Studie zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen in den Jahren 1939 bis 1941 verfehlt ihr Thema
Von Detlef Kannapin
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Frist erkauft: Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages (Moskau, 28. September 1939)

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 ist ein Element in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Durch ihn war das Deutsche Reich in der Lage, die geplante Reihenfolge der imperialistischen Unterwerfung Europas bis zum späteren Hauptkriegsziel der Vernichtung der Sowjetunion in die Tat umzusetzen. Für die UdSSR, die über Jahre und noch bis Mitte August 1939 vergeblich um ein System der kollektiven Sicherheit mit Großbritannien und Frankreich gerungen hatte, damit das faschistische Deutschland in die Schranken gewiesen werden konnte, besaß der Vertrag folgende Vorteile: keine Verwicklung in den Krieg auf absehbare Zeit, keine antisowjetische Einheitsfront in Europa, territoriale Zugewinne zum Ausbau des strategischen Vorfeldes zur Abwehr eines deutschen Angriffs, kein japanischer Angriff, solange der Vertrag mit Deutschland bestand. Das sind die Fakten, die sich bei genauer Betrachtung des Kontextes der Entstehung des Zweiten Weltkrieges als unanfechtbar erweisen.

Keinesfalls kann daraus eine Zusammenarbeit, ein Bündnis, ein Pakt oder eine inhaltliche Übereinkunft zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion konstruiert werden. Keine der beiden Mächte hatte bis in den August 1939 hinein an einen solchen Vertrag auch nur gedacht, und noch die Besetzung Polens ergab sich für beide Seiten aus vollkommen gegensätzlichen Motiven. Genau eine solche Interessensgleichheit (Expansionsdrang und Herrschaftswille) unterstellt hingegen Claudia Weber in ihrem Buch »Der Pakt«. Die Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder folgt darin der von ihr als »ausgezeichnet« bezeichneten Studie »Bloodlands« des dubiosen US-Historikers Timothy Snyder, obwohl inzwischen durch eine Reihe von Repliken (verwiesen sei hier nur auf den ausführlichen Artikel »Timothy Snyder’s Lies« in der US-Zeitschrift Jacobin und das Buch »Blood Lies« von Grover Furr (beide 2014)) bekannt ist, dass viele der dortigen Aussagen über Stalin und die sowjetische Politik falsch oder zumindest fragwürdig sind. Weber traut sich, den Ansatz von Snyder noch zu radikalisieren, um die Vertragslaufzeit von 1939 bis 1941 in die »Mitte des Weltkriegsgeschehens zu rücken« und zu zeigen, dass »Hitler und Stalin« Europa und die Welt »für Jahrzehnte« teilten.

Sie behauptet dafür nicht nur ein intensives »Miteinander« der deutschen und sowjetischen Truppen auf dem polnischen Besatzungsgebiet, sondern auch »im Kern ein pragmatisches Arbeitsverhältnis« der an der Bevölkerungspolitik »beteiligten SS- und NKWD-Mitarbeiter«. Behaupten freilich lässt sich viel; sie müsste es dann nur noch beweisen. Ihre Hauptaktenressource ist der Bestand der sogenannten Volksdeutschen Mittelstelle, die für die Umsiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung Osteuropas nach Deutschland bzw. in die annektierten Gebiete zuständig war. Diesem Bestand steht keinerlei adäquate Quellenauswertung für die sowjetische Seite gegenüber. Die Autorin ist auch deshalb nicht in der Lage, die ihrem sozialen und politischen Inhalt nach deutlich voneinander abweichenden Maßnahmen der beiden Staaten in Osteuropa einzuordnen. Besonders auffällig ist, dass sämtliche Aussagen von sowjetischer Seite, die inhaltlich über die Grundzüge des Zweckabkommens hinausgehen und auf eine besondere Aggressionspolitik der UdSSR oder betonte »Deutschfreundlichkeit« hinweisen, lediglich mit Quellen aus zweiter und dritter Hand belegt werden, etwa aus der fragwürdigen, für die Zwecke des Kalten Krieges geschriebenen Memoirenliteratur deutscher Diplomaten und aus Aufzeichnungen von SS-Angehörigen, die ein Historiker, der Minimalstandards der Quellenkritik beachtet, nicht unbedingt als autoritatives Material für eine Analyse der sowjetischen Politik heranziehen würde.

Höhepunkt dieses – wenn man Vorsatz nicht unterstellen will – fahrlässigen Vorgehens ist eine zitierte Bemerkung der 1967 in die USA ausgereisten Stalin-Tochter Swetlana Allilujewa, derzufolge ihr Vater nach dem Krieg gesagt haben soll: »Ach, zusammen mit den Deutschen wären wir unschlagbar gewesen.« Die dazugehörige Fußnote verweist auf eine Ausgabe des Spiegel aus dem Jahr 1969 – wenn es in dem Hamburger Nachrichtenmagazin steht, das gerade in historischen Dingen bekanntlich seit je ein Muster an Seriosität und Korrektheit ist, muss es ja stimmen. Ein solcher Satz aus dem Munde Stalins ist einfach widersinnig, denn über die deutsche Stoßrichtung gen Osten bestand seit spätestens 1936 (und auch nach 1939) im Kreml nicht der geringste Zweifel. Hinsichtlich Polen unterlässt Weber eine Mitteilung darüber, dass die polnische Regierung, die 1934 einen eigenen Nichtangriffsvertrag mit Berlin abgeschlossen hatte (der selbstverständlich nicht als »Allianz« interpretiert wird), bis 1939 hoffte, Teil eines von Deutschland angeführten antisowjetischen Kriegsblocks zu werden. Ebenso fehlt der nicht ganz unwichtige Hinweis, dass die Sowjetunion während der Verhandlungen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der polnischen Exilregierung in London am 31. Juli 1941 die deutsch-sowjetischen Vereinbarungen vom 23. August und vom 28. September 1939 für ungültig erklärte. Weder stehen diese Vereinbarungen also in der »Mitte des Weltkriegsgeschehens« (dort befindet sich immer noch Stalingrad), noch teilten »Hitler und Stalin« Europa und die Welt im 20. Jahrhundert (das war eine Leistung der »westlichen« Führungsmächte nach 1945).

Nebenbei: Es muss irritieren, dass Autorin und Rezensent beide gleichen Jahrgangs (1969) sind und aus demselben Land (DDR) stammen. Offensichtlich sind der Lehrstoff des damaligen Geschichtsunterrichts der Klassenstufe 9 (1984) und die darauffolgende geschichtswissenschaftliche Universitätsausbildung höchst unterschiedlich wahrgenommen worden.

Claudia Weber: Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939–1941, C.H. Beck, München 2019, 280 Seiten, 26,95 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Dr. Günter Pelzl, Hennigsdorf: Sowjetische Lesart In seinem Artikel hat Detlef Kannapin das Problem der »unterschiedlichen Motive« bei der Aufteilung Polens im geheimen Zusatzprotokoll zum Nichtangriffsvertrag umgangen. Er nennt die Motive Stalins ni...
  • Ralph Petroff: Erfolg der Diplomatie Vielen Dank für diesen Artikel. Ich verstehe nicht, wie irgend jemand der Sowjetunion – oder, genauer gesagt, Stalin – diesen Vertrag ernsthaft vorwerfen kann. Wenn der eingeschworene Todfeind, der si...
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