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Aus: Ausgabe vom 12.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Wissenschaft

Bitte entspannen

Placebos können Schmerzen lindern, Krankheiten kurieren, Dopingmittel ersetzen – und Gemütszustände beeinflussen
Von Frank Ufen
Placebo Tabletten
Die roten wirken stimulierend, aber am wirksamsten sind die Kapseln: Placebopillen

Zwei Jahre vor Ende des Zweiten Weltkriegs war in einem US-amerikanischen Lazarett hinter der italienischen Front der Morphin-Vorrat völlig aufgebraucht. Kurzerhand injizierte der Arzt Henry K. Beecher den schwer verletzen und unter starken Schmerzen leidenden Soldaten nichts weiter als eine schwache Kochsalzlösung, erweckte aber den Anschein, es würde sich um Morphin handeln. Die Wirkung war verblüffend. Bei mehr als einem Drittel der Patienten verschwanden die Schmerzen weitgehend, oder sie gingen deutlich zurück.

Damit hatte die Medizin den Placebo-Effekt entdeckt oder, präziser ausgedrückt, wiederentdeckt. Es sollte allerdings noch lange dauern, bis es ihr gelang, zu den Mechanismen vorzudringen, die ihm zugrunde liegen. Der Effekt beruht darauf, dass allein die Erwartung, dass einem geholfen wird, das Gehirn veranlassen kann, bestimmte Botenstoffe und Hormone auszuschütten und die Produktion des Stresshormons Cortisol zu drosseln. Außerdem ist seit langem bekannt, dass es von entscheidender Bedeutung ist, ob Patienten ein Placebo vom Chefarzt, einer Krankenschwester oder einem medizinischen Laien bekommen und in welcher Umgebung.

Placebos funktionieren dann optimal, wenn das medizinische Personal selbst nicht weiß, dass es seine Patienten bloß mit einem Scheinmedikament behandelt. Merkwürdigerweise sind es nicht Esoteriker, die besonders gut auf Placebos ansprechen, sondern Menschen mit Charaktereigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Altruismus, Willensstärke, Unnachgiebigkeit oder Extrovertiertheit. Bei Kindern fallen diese Unterschiede noch kaum ins Gewicht, sie reagieren ohnehin auf Placebos viel empfindlicher als Erwachsene. Ansonsten sprechen einige Anzeichen dafür, dass es auch genetisch bedingt sein könnte, ob und in welchem Maße Menschen für Scheinmedikamente empfänglich sind.

Außerdem hat sich gezeigt, dass es nicht unwesentlich ist, welche Farben Placebo-Tabletten haben. Sind sie blau, haben sie eine beruhigende Wirkung, sind sie rot, eine stimulierende. Die Größe und Form von Medikamenten (so sind beispielsweise Kapseln wirksamer als Tabletten) und das Prestige der Hersteller spielen ebenso eine Rolle wie der Umstand, ob Patienten ein Placebo für ein billiges oder für ein teures Medikament halten – je mehr es angeblich gekostet hat, desto besser schlägt es an.

Placebos können nicht nur Schmerzen lindern oder Krankheiten kurieren. Sie können auch Dopingmittel ersetzen. In einem Experiment, das Wissenschaftler der Universität Glasgow kürzlich durchgeführt haben, bekamen Langstreckenläufer angeblich eine dem Dopingmittel Epo ähnliche Substanz gespritzt, bei der es sich in Wahrheit lediglich um eine Kochsalzlösung handelte. Das Placebo funktionierte erstaunlich gut. Die Probanden liefen fast 10 Sekunden schneller, noch dazu erholten sie sich viel besser als früher.

Placebos können nicht nur im Körper Reaktionen hervorrufen sondern auch auf die Psyche einwirken. Zu dieser Erkenntnis sind kürzlich der Psychologe Jens Gaab und seine Kollegen von der Universität Basel gelangt. Die Forscher berichteten darüber Anfang des Jahres im Fachjournal Scientific Reports. Gaab und sein Team hatten drei Experimente mit insgesamt 421 Probanden durchgeführt. Allen Testpersonen wurden kurze Filme gezeigt, in denen grüne Farbtöne dominierten. Sie wurden teils kommentarlos präsentiert, teils mit einer Erläuterung (»Grün beruhigt, weil es früh geprägte, emotionale Schemata aktiviert«). Während der Filmvorführungen legten die Psychologen gegenüber einem Teil der Testpersonen ein höflich-neu­trales Verhalten an den Tag, gegenüber dem anderen Teil ein freundlich-zuvorkommendes. In den darauffolgenden Tagen wurden die Testpersonen mehrmals gebeten, ihren emotionalen Zustand zu bewerten. Dabei ergab sich der Befund, dass die Filme sich dann positiv auf den Gemütszustand auswirkten, wenn sie von einer psychologischen Erklärung begleitet waren und wenn sie in einer entspannten Atmosphäre präsentiert wurden. Dieser Effekt hielt bis zu einer Woche an.

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