Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Oder Säure trinken

Bedauernswerter Zustand: Alexander Gorchilins Filmdebüt »Acid«
Von Maximilian Schäffer
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»Ein bisschen Selbstkasteiung ist auch dabei«

Zwischen orthodoxer Kirche und kalifornischen Laptops vegetiert die russische Jugend. Zu schlau fürs Seelenheil, zu dumm für seriöse Vergeistigung, generiert sie an Bildschirmen Rhythmen mit Musikprogrammen und langweilt sich. Wer kein Oligarch ist, aber auch nicht zu jeder Bedingung ums täglich Brot schuften muss, nimmt chemische Drogen in Technoklubs und bumst im Rudel. Ab und zu kommen, sofern konservativ gesinnt, die Eltern in die Quere und nerven. Den Alten fällt zur Sinnbewältigung im leeren Cyberkapitalismus nämlich auch nicht mehr ein als Homophobie und die Gebetsschnur. Was will man da machen? Wenn die ständige Unruhe des undefinierbaren Hirnvakuums Schreikrämpfe auslöst, kann man nur noch vom Balkon springen oder Säure trinken.

Alexander Gorchilin stellt in seinem Erstlingswerk »Acid« den bedauernswerten Zustand seiner Peergroup dar. Der 27jährige trat bisher als Schauspieler in den Filmen von Kirill Serebrennikow in Erscheinung, zuletzt in »Leto«, einer Filmbiographie über den legendären Rockmusiker Wiktor Zoi. Serebrennikow stand anderthalb Jahre lang unter Hausarrest, inszenierte im März diesen Jahres trotzdem Verdis »Nabucco« an der Hamburger Staatsoper via Video und USB-Stick. Der Vorwurf, Subventionsgelder in Höhe von 68 Millionen Rubel (knapp 1 Mio. Euro) veruntreut zu haben, wurde bisher nicht bestätigt, der Regisseur kam im April auf Kaution frei. Serebren­nikow gilt der Künstlergemeinschaft klar als in Ungnade Gefallener, weil homosexuell und (auch deswegen) provokativ.

An diesen beiden Adjektiven versucht sich nun auch sein Ziehsohn Gorchilin, wenn auch uneindeutig und vorsichtig. Die Protagonisten von »Acid« heißen Sascha und Pete, sind Anfang 20 und wohnen in Moskau. Gerade ist ihr Freund Wanja psychotisch verzweifelt vom Balkon gesprungen, nach der Beerdigung feiern sie bei Schranztechno im Tanztempel, bis die Polizei kommt. Die Obrigkeit, sei sie staatlich oder kirchlich, ist im vermeintlich freien Russland des Films immer präsent. Ihre Kinder ficken trotzdem, wie sie wollen, werfen Pillen ein und erfinden sich Schicksale. Pete geht zur Polizei und zeigt sich selbst an, nicht weil er sich für den Selbstmord des Kumpels für schuldig hält, sondern weil er seinen Vater brüskieren will. Ein bisschen Selbstkasteiung ist auch dabei, solange bis in letzter Konsequenz Jesus ruft.

98 Minuten lang bekommt man unkommentierte Lebensszenen aufgetischt, die plakativ am Absurden kratzen. Penisse werden in Lösungen getaucht, sowjetische Pionierfiguren eingeschmolzen, Bisexuelle zu Familienvätern bekehrt. Gäbe es so etwas wie ein handfestes Narrativ oder wenigstens ein paar Spannungsbögen, wäre dem jungen Regisseur ein durchaus beachtliches Debüt gelungen. So hat man es eher mit einem spätpubertären Experiment zu tun, das zumindest in seiner Nähe zum jungen Russland eine beeindruckende Intensität entfaltet. Wer schon einmal einen Anruf aus Moskau bekommen hat – »Hallo Max, ich bin jetzt nicht mehr schwul!« –, der kann nachempfinden, welche Kämpfe dort gerade ausgetragen werden.

»Acid«, Regie: Alexander Gorchilin, Russland 2018, 98 Min., bereits angelaufen

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