Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kveite-Suppe

Von Maxi Wunder

Norwegen geht’s gut, es hat viel Öl und Gas und den höchsten Lebensstandard der Welt. Sein Prokopfeinkommen ist stattlich, das durchschnittliche Vermögen pro erwachsenem Einwohner liegt bei 320.475 Dollar, fünf Prozent der Norweger sind Millionäre, 3,8 Prozent arbeitslos. Leider schmilzt in Norwegen gerade ein Gletscher weg, der Jostedalsbreen, den ich noch aus meiner Jugend mit viel Eis kenne. In den 90ern habe ich nämlich in der Nähe des Sognefjords ein Ökopraktikum in der Milchwirtschaft gemacht, vermittelt von einem renommierten deutschen Bioanbauverband. Auf einem Bauernhof mit zwölf Kühen, einem Bullen, zwei Schafen, einem Ziegenbock sowie fünf Stallkatzen bekam ich als ungelernte ausländische Arbeitskraft als Gegenleistung für einen 14-Stunden-Tag freie Kost und Logis.

Der erste Bauer, für den ich arbeitete, war ein sogenannter Tyskerbarn, Sohn einer Norwegerin und eines deutschen Offiziers aus dem Zweiten Weltkrieg. Eines Abends im Januar schloss er mich von außen in den Geräteschuppen ein. Aus dem konnte ich mich zwar nach Stunden mit Fußtritten gegen die Tür befreien, aber meine Nerven lagen blank. Ich flüchtete im Stockdunkeln zu einem benachbarten Bauern, wobei ich im Schnee auch noch über ein totes Pferd fiel. Der Nachbar nahm mich recht freundlich auf, ich war nicht die erste Magd, die der psychisch kranke Kollege vergrault hatte. »Er ist ein Nazikind. Er ist kaputt. Viele Norweger haben sich nach dem Krieg gerächt an den Kollaborateurinnen und ihren Kindern«, erklärte mir Yngvar, ein »reiner« Norweger, der aussah wie Hemingway mit Pudelmütze. Bei ihm, seinem tschechischen Knecht Marek und seiner kleinen Tochter Sofia lernte ich in Ruhe um fünf Uhr morgens Kühe melken, füttern, Stall ausmisten und abends norwegisch kochen. Schon skurril: Frau fährt in eines der fortschrittlichsten Länder Europas und macht als unbezahlte Stallmagd und Köchin eine Zeitreise in die Vergangenheit, nur um rauszukriegen, wie eigentlich Biomilch entsteht. »Strafexpedition«, lästerte meine Mutter in Berlin, aber für das folgende Rezept, Kveite-Suppe (für vier Personen), meine ich, hat es sich gelohnt:

Während ein Liter Gemüsebrühe kocht, schneidet man 700 g Kartoffeln und eine Zwiebel in Würfel und schwitzt diese in einem Topf in etwas Speiseöl an. Mit der Brühe ablöschen, vier Stück Sternanis dazugeben, Salz und Pfeffer. Das Ganze 20 Minuten köcheln lassen. Den Anis entfernen und die Kartoffelsuppe pürieren. Jetzt ein halbes Pfund Steinpilze und einen Apfel in Stücke schneiden und nacheinander in einer Pfanne mit etwas Öl anbraten, dann wieder herausnehmen. Ein Pfund gewürfelten Heilbutt (auf norwegisch »Kveite«) zwei bis drei Minuten in der Pfanne braten und salzen. 200 ml Biosahne schlagen und zusammen mit den Pilzen, den Apfelstücken und dem Heilbutt in die Suppe geben. Salz und frisch gemahlenen Pfeffer dazu und mit Brunnenkresse garnieren.

Regio:

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