Gegründet 1947 Donnerstag, 19. September 2019, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 7 / Ausland
Türkei / Syrien

Frisches Blut für das Kalifat

US-Verteidigungsministerium und Kurden warnen vor Wiederaufbau von IS in Syrien und Irak
Von Nick Brauns
Islamischer_Staat_60527199.jpg
Konvoi von IS-Kämpfern in Syrien (undatiert)

Die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) bleibt eine Bedrohung in Syrien und dem Irak. Die Terrororganisation habe sich nach dem Verlust territorialer Kontrolle zu einer aufständischen Kraft gewandelt, deren Taktik »gezielte Tötungen, Hinterhalte, Selbstmordattentate und das Anzünden von Feldern« beinhalte. So heißt es in einem vom Büro des Generalinspekteurs im US-Verteidigungsministerium, Glenn A. Fine, veröffentlichten Quartalsbericht über die seit 2014 von den USA gegen den IS durchgeführte Operation »Inherent Resolve« (Natürliche Entschlossenheit). Das Pentagon schätzt die Zahl der im Untergrund agierenden IS-Mitglieder auf 14.000 bis 18.000, darunter 3.000 ausländische Kämpfer. Großes Rekrutierungspotential sieht der Generalinspekteur im nordsyrischen Flüchtlingslager Al-Hol, wo sich unter den 70.000 Bewohnern rund 45.000 Familienangehörige von gefallenen oder gefangenen IS-Kämpfern befinden sollen, zwei Drittel seien Kinder und Jugendliche. Die von den USA unterstützten »Syrischen Demokratischen Kräfte« (SDK) könnten in Al-Hol nur »minimale Sicherheit« aufrechterhalten, was im Lager die »widerstandslose Verbreitung der IS-Ideologie« möglich mache. Zudem mache sich der IS ethnische und kulturelle Spannungen zwischen den SDK mit ihrer emanzipatorischen Einstellung bezüglich Geschlechterrollen und der »traditionellen arabischen Gesellschaft« zunutze. So stelle der IS in Deir Al-Sor, wo es bereits zu gewaltsamen Protesten gegen die SDK kam, die kurdisch geführte Militärallianz als »neue Besatzungskraft« dar.

Der Verweis des Pentagon auf das vermeintliche Unvermögen der SDK, ohne Militärhilfe langfristige Operationen gegen den IS durchzuführen und die befreiten Gebiete dauerhaft zu halten, dürfte der Rechtfertigung einer weiteren Stationierung von US-Streitkräften dienen. »Der Abzug oder die Reduzierung« der US-Truppen könne die von den USA gestützten Kräften in Syrien zwingen, »alternative Partner und Ressourcen« zu suchen, heißt es in dem Report. Ende letzten Jahres hatte US-Präsident Donald Trump einen vollständigen Abzug der US-Truppen aus Syrien angekündigt. Rund die Hälfte der ursprünglich 2.000 in Nordsyrien stationierten Militärs hat seitdem das Land verlassen. Das aber könne »schädlich für die Mission der Vereinigten Staaten sein, insbesondere wenn die Alternative (…) unsere Vision für die Zukunft des Irak und Syrien nicht teilt«, warnt der Generalinspekteur. Gemeint ist wohl, dass die politische Führung der auch als Rojava bekannten nordsyrischen Selbstverwaltungsregion zu einem Ausgleich mit Damaskus oder einer Kooperation mit Russland kommen könnte. So hatte der »Demokratische Syrienrat« als politische Vertretung der SDK bereits kurz nach Trumps Rückzugsankündigung Gespräche mit der syrischen Regierung aufgenommen. Die angebotene Eingliederung der SDK in die syrische Armee scheiterte bislang an der starren Haltung Damaskus’, im Gegenzug die Selbstverwaltungsstrukturen anzuerkennen.

Parallel zu den Vorbereitungen der Türkei für einen Einmarsch in Nordsyrien sowie den laufenden türkischen Operationen im Nordirak haben Schläferzellen des IS in beiden Ländern ihre Aktivitäten intensiviert. Zuletzt starben am Mittwoch drei Kinder bei einem Bombenanschlag vor einer Mädchenschule in der nordsyrischen Stadt Tirbespi. In Kamischli konnte am selben Tag eine Attentäterin rechtzeitig überwältigt werden. Wie ein Mitarbeiter des Operationszentrums der Sicherheitskräfte der Selbstverwaltungsregion gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur ANF erklärte, haben viele der bei Antiterroroperationen gefassten Islamisten zugegeben, ihre Anweisung von IS-Mitgliedern in der Türkei oder aus den türkisch besetzten Gebieten in Nordsyrien erhalten zu haben. Das Rojava-Informationszentrum identifizierte in einem am Donnerstag veröffentlichten Report mehr als 40 frühere IS-Kämpfer, die nun als Kommandeure oder Koordinatoren der von der Türkei unterstützten Söldnertruppen im besetzten Afrin tätig sind. Über solche Verbindungen zwischen dem IS und dem NATO-Partner Türkei schweigt der Pentagon-Bericht allerdings.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Ein Kämpfer protürkischer Milizen am 12. Februar in Tadef in der...
    17.02.2018

    »Stabilisierung« à la USA

    Washington braucht Krieg in Syrien, um den Mittleren Osten »neu zu ordnen«. Türkei, Iran und Russland sind Gegenspieler
  • Partnerschaft auf Augenhöhe? Die Kämpfer der kurdischen YPG erfr...
    13.11.2017

    Great Game

    In Syrien wie im ­gesamten Nahen Osten ringen Regional- und Großmächte um Einfluss. Die Position der USA ist dabei ­schwächer geworden
  • Interessenallianz: US-Spezialkräfte mit einem Kämpfer der Volksv...
    14.07.2017

    Washingtons Bodentruppen

    Wie die kurdischen Volksverteidigungskräfte in die von den USA gestellte Falle getappt sind

Mehr aus: Ausland