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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Falsche Annahme

Zu jW vom 29.7.: »Etwas zu rauschhaft«

Das Buch »Gewalt. Macht. Widerstand« von An­dreas Blechschmidt hat ein großes Manko: Der Autor geht davon aus, dass es linke Demonstranten waren, die im Hamburger Schanzenviertel ungestört mehrere Stunden unter polizeilicher Beobachtung wüten durften. Der Fotograf Andreas Scheffel, der seit langem die rechte Szene beobachtet, kennt ihre Protagonisten und berichtete – die jW hat das selbst in einer kleinen Seitenkolumne gebracht –, dass an die 70 Rechtsradikale nach Hamburg gekommen waren. Warum um alles in der Welt sollten Linke gerade im Schanzenviertel, einem »roten« Stadtteil, alles kaputtschlagen wollen? Das anzunehmen macht der Polizeidirektion die Arbeit ungebührlich leicht, die, wie allgemein bekannt ist, von vornherein darauf eingestellt war, die Linken zu diskreditieren, was sie bis auf den heutigen Tag mit Verbissenheit tut. Dass Blechschmidt selbst die Militanz als zum politischen Selbstverständnis der radikalen Linken gehörend ansieht, scheint ihn blind zu machen für das tatsächlich Vorgefallene. Seine Nachbarn im Schanzenviertel, die das Geschehen beobachteten, waren sich nämlich sicher, dass das keine Linken waren. Auch das Geschehen in Altona, wo Pkw normaler Bürger angezündet worden waren, war ein so sinnentleertes Tun, das auch zur Verleumdung der Linken diente, die angeblich Normalbürger in blinder Zerstörungswut hassen, dass es unsereins eigentlich auffallen müsste, da es sich grundsätzlich vom Verhalten der tatsächlichen Demonstranten unterschied, die gerade wegen ihrer Friedfertigkeit angegriffen und durch den »schwarzen Block« (früher hießen die autonomen Demoformationen so, heute die Provokateureinheiten der Polizei) als Gewalttäter hingestellt werden sollten. Die Demonstranten wissen meist sehr genau, wer sich da in ihre Reihen drängt, denn wenn man sie vertreibt, laufen sie unweigerlich zu den Polizeiautos. Meines Erachtens leistet Blechschmidt den Demonstranten einen Bärendienst mit diesem Buch.

Cornelia Praetorius, per E-Mail

Antisemitismus geschürt

Zu jW vom 2.8.: »Ausführlicher Bescheid«

Solange die Justiz derart eindeutige antisemitische Aussagen, dass »Israel unser Unglück« sei, als von der Meinungsfreiheit gedeckt ansieht, braucht man sich nicht wundern, dass der Antisemitismus gesellschaftsfähig geworden ist! Wenn aber andererseits Initiativen aktiv werden für einen gerechten Frieden in Nahost, wird dies fast schon hysterisch als antisemitisch angeprangert und verurteilt!

Irmela Mensah-Schramm, per E-Mail

Unwürdiges Gezerre

Zu jW vom 3./4.8.: »Auf dem Rücken der Flüchtlinge«

In der Tat, das politische Gezerre um einige wenige Menschen, die der Folter in Libyen entflohen sind, ist unwürdig für die EU, die sich die ach so heiligen Menschenrechte auf die Fahnen schreibt. Unsere Gäste empfinden seit Wochen, Monaten oder Jahren erstmals so etwas wie Sicherheit. Lange hat sie niemand mehr wie gleichwertige Menschen behandelt, ihnen ein Lächeln geschenkt oder sich für ihre Geschichten interessiert. Es fällt mir schwer, ihnen zu erklären, dass sie nicht an Land können, weil europäische Staaten sie ablehnen. Weil Menschen Angst vor ihnen haben oder ihren Reichtum nicht teilen wollen. Es tut mir im Herzen weh zu wissen, dass ihre beschwerliche Reise noch lange nicht vorbei sein wird, wenn sie europäischen Boden betreten haben. Dass ihnen Ausgrenzung und Rassismus drohen. Aber sie hoffentlich auch viel Unterstützung finden (…). Was mich ebenfalls bedrückt, ist zu wissen, dass wir im Mittelmeer dringend gebraucht werden. Mehrere hundert Menschen wagten Ende Juli die gefährliche Überfahrt, weit mehr als hundert starben, viele wurden in die Horrorcamps in Libyen zurückgeschleppt. Kein NGO-Schiff war vor Ort. Das straft wieder einmal die Lügen, die behaupten, die NGO-Schiffe seien ein »Pullfaktor«, d. h. die Menschen begäben sich nur in Gefahr, weil sie wüssten, dass sie gerettet werden. Mehrere NGO-Schiffe sind weiterhin unter hanebüchenen Vorwänden festgesetzt. Kapitäne von Handelsschiffen und Fischerbooten werden genötigt, wegzuschauen statt zu retten. Verantwortlich sind aber nicht nur der italienische Innenminister Matteo Salvini und seine Lega, sondern ebenso all die europäischen Staaten, die sich zu lange auf dem Dublin-Abkommen ausgeruht haben (…). Wir und die anderen NGOs werden alles tun, um bald wieder mit vereinter Kraft Menschen retten zu können. Obwohl wir uns wünschen, dass das nicht mehr nötig wäre und die Staaten der EU sich ihrer Verantwortung stellen, sichere Fluchtwege schaffen und so schnell wie möglich einfach aufhören, andere Länder auszubeuten und Kriege zu unterstützen, eine Entwicklungshilfe etablieren, die diesen Namen verdient hat, und keine gefälligen Diktatoren mehr unterstützen, damit niemand mehr aus seiner Heimat fliehen muss.

Barbara Held, Head of Mission »Alan Kurdi« (über die Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Keine Gerechtigkeit

Zu jW vom 5.8.: »Männlich, weiß, westdeutsch«

»In Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist der Osten allerdings dem Westen weit voraus«, heißt es in dem Artikel. Ja, wenn man eine Entwicklung zu gleich schlecht bezahlter Arbeit für gerecht hält! Wenngleich »die moderne Industrie sich entwickelt« und »die Arbeit der Männer durch die der Weiber verdrängt« wird (Kommunistisches Manifest), gilt für den deindustrialisierten Osten, dass die Männerarbeit nicht durch »Weiberarbeit« verdrängt, sondern im Westen oder im »wettbewerbsfähigen« Ausland erledigt wird. Es gibt deshalb kaum Bedarf an Arbeitsinstrumenten, die eine andere »Geschicklichkeit und Kraftäußerung« erheischen als die der Frauen. Wenn also nach Marx’ Erkenntnis »Geschlechts- und Altersunterschiede (…) keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse« haben, ist das kein erkämpftes Recht, sondern ein folgerichtiger Entwicklungsschritt.

Patrick Büttner, per E-Mail

Wir wünschen, dass die Staaten der EU so schnell wie möglich aufhören, andere Länder auszubeuten und Kriege zu unterstützen, damit niemand mehr aus seiner Heimat fliehen muss.