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Aus: Ausgabe vom 07.08.2019, Seite 7 / Ausland
Türkei Nordsyrien

Vor dem Angriff

Türkei und USA verhandeln über »Schutzzone« in Nordsyrien. Kurden bereiten sich auf Offensive Ankaras vor
Von Nick Brauns
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Werden weiter kämpfen: Kurdische Volksverteidigungseinheiten nach dem Sieg in Kobani am 26. Januar 2015

Die türkische Regierung ist entschlossen, tiefer nach Nordsyrien vorzudringen. »Wir sind in Afrin, Dscharabulus und Al-Bab einmarschiert, und nun werden wir östlich des Euphrat einmarschieren«, verkündete Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntag in der westtürkischen Stadt Bursa vor Anhängern. Ziel sei die Zerschlagung des »Terrorkorridors«, begründet Erdogan den geplanten Angriff auf das von Kurden auch als Rojava bezeichnete Gebiet der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. »Nordsyrien muss in Brand gesetzt werden«, sekundierte der Führer der faschistischen MHP, Devlet Bahceli, dem türkischen Präsidenten. Vor dem Hintergrund der Wahlniederlage seines Kandidaten in Istanbul, der anhaltenden Wirtschaftskrise und Austritte führender Politiker aus der Regierungspartei AKP braucht Erdogan dringend Erfolge.

Zehntausende türkische Soldaten sowie dschihadistische Söldner sind gegenüber den grenznahen syrischen Städten Tel Abjad, Kobani und Serekaniye aufmarschiert. Um einen Krieg, mit dem die US-Regierung nach Informationen der Washington Post vom Wochenende innerhalb der nächsten zwei Wochen rechnet, doch noch abzuwenden, verhandelt eine ranghohe US-Delegation seit Montag in Ankara über die Forderung der Türkei nach einer »Sicherheitszone«. Denkbar wäre eine Pufferzone von fünf Kilometern, aus der sich die Demokratischen Kräfte Syriens (DKS) zurückziehen, so das von den US-Militärs übermittelte Angebot der Selbstverwaltungsbehörden an Ankara. Das Gebiet könne unter Aufsicht der »Koalition gegen den Islamischen Staat« stehen, eine Präsenz türkischer Militärs sei aber ausgeschlossen.

Ankara besteht dagegen auf einer 30 Kilometer tief ins Landesinnere reichenden »Sicherheitszone« unter Kontrolle des türkischen Militärs. In diesem Gebiet, das fast alle größeren Städte der Selbstverwaltungsregion umfassen würde, soll ein Großteil der 3,5 Millionen in der Türkei lebenden syrisch-arabischen Flüchtlinge angesiedelt werden. Denn deren Anwesenheit in der Türkei stößt dort auf wachsende Ablehnung. Ihr Transfer nach Rojava würde eine drastische demographische Veränderung und die Vertreibung eines Großteils der dort lebenden kurdischen Bevölkerung bedeuten.

Das türkische Beharren auf dem 30-Kilometer-Radius hat zudem einen strategischen Hintergrund. In dieser Entfernung verläuft die Verbindungsstraße vom Nordirak nach Aleppo. Mit der Einnahme dieser zentralen Handelsroute käme die türkische Regierung, deren Truppen derzeit auch im Nordirak vorrücken, ihren neoosmanischen Träumen näher. So zeigen türkische Regierungssender Landkarten, die das Gebiet vom syrischen Aleppo bis zu den Ölfeldern von Kirkuk im Nordirak als türkisches Territorium ausweisen.

Dass die USA, die nach Informationen der Washington Post noch 1.000 Soldaten in Nordsyrien stationiert haben, bei einem begrenzten türkischen Einmarsch tatsächlich zum Schutz ihrer taktischen kurdischen Verbündeten auf ihre türkischen NATO-Verbündeten schießen werden, ist unwahrscheinlich. Militärisch entscheidend ist allerdings, ob die USA auch den Luftraum freigeben. Denn in fehlender Luftabwehr besteht – wie sich schon bei der türkischen Invasion in Afrin im vergangenen Jahr gezeigt hat – die Achillesferse der DKS.

»Wenn der türkische Staat nicht bereit ist, einen Dialog für eine Lösung zu führen, dann sind wir bereit zum Krieg«, erklärte die Oberkommandierende der DKS, Newroz Ehmed, am Montag gegenüber Firat News. Während die Türkei Nordsyrien schrittweise erobern wolle, würden die DKS auch bei einem begrenzten Angriff die gesamte 600 Kilometer lange Grenze zum Kriegsgebiet machen. Vertreter der Selbstverwaltung warnen zudem, dass im Kriegsfall Tausende IS-Kämpfer aus Gefangenenlagern entkommen könnten.

Von der syrischen Regierung und ihren Verbündeten Russland und Iran kann die Selbstverwaltung keine Unterstützung erwarten. Auf einem Treffen der Astana-Gruppe zwischen dem Iran, Russland und der Türkei in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan wurde zu Monatsbeginn mit Blick auf Rojava die gemeinsame Ablehnung von »unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung errichteten« selbstverwalteten Gebieten und die Entschlossenheit, »dagegen vorzugehen«, bekundet. Mit der Verlegung großer Truppenkontingente nach Deir Al-Sor bereitet sich das iranische Militär offenbar auf einen Vorstoß in die noch von den DKS gehaltenen öl- und gasreichen Gebiete östlich des Euphrat vor.

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