Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 07.08.2019, Seite 5 / Inland
CO2-Emmissionen

Grünlackierte Klimakiller

Plug-in-Hybride werden vom Staat gefördert. Dabei sind sie längst nicht so umweltfreundlich wie behauptet
Von Ralf Wurzbacher
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Plug-in-Hybride werden trotz umstrittener Umweltbilanz vom Staat gefördert

Der vielgepriesene Hybridantrieb hält offenbar nicht das, was er verspricht. Dass Autos mit einer Mischung aus Verbrennungs- und Elektromotor bei hoher Leistungsstärke trotzdem besonders umwelt- und klimaschonend unterwegs wären, galt bisher als unstrittig. Entsprechend werden Kauf und Nutzung dieser Fahrzeuge vom Staat großzügig gefördert. Wie sich jetzt herausgestellt hat, geschieht dies eigentlich wider besseres Wissen. Das jedenfalls legen die Antworten der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag nahe. Demnach fällt die Ökobilanz der Technologie bei weitem nicht so rosig aus, wie gemeinhin unterstellt wird. Für den Grünen-Verkehrspolitiker Stephan Kühn ist das ein Fall von »Etikettenschwindel«.

Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom Montag ist man sich im Bundesverkehrsministerium sehr wohl bewusst, dass sogenannte Plug-in-Hybride, deren Batterie von außen über ein Kabel aufladbar ist, schlechter als ihr Ruf sind. Wie aus den Antworten des von Andreas Scheuer (CSU) geführten Ressorts hervorgeht, haben sich die bei Abgastests ermittelten CO2-Emissionen in den vergangenen Jahren merklich verschlechtert, von im Durchschnitt 41 Gramm pro Kilometer im Jahr 2015 auf 46 Gramm im vergangenen Jahr. Allerdings sind das Werte einer inzwischen überholten Messmethode, die zum 1. September 2018 durch das infolge des Dieselskandals eingeführte einheitliche WLTP-Verfahren abgelöst wurde. Unter den veränderten Bedingungen schneiden eine Reihe an Hybridmodellen noch einmal deutlich schlechter ab. So stößt der BMW 2er statt der davor kalkulierten 46 mal eben 65 Gramm CO2 pro Kilometer aus.

Auch das ist noch ein deutlicher Vorsprung gegenüber reinen Verbrennungsmotoren, die durchschnittlich 130 Gramm freisetzen. Stärker als beim herkömmlichen Antrieb fällt bei Plug-in-Hybridautos jedoch ins Gewicht, wie sie genutzt werden. Klimaverträglicher sind sie nur dann, wenn sie überwiegend auf kurzen Strecken verkehren und ihre Batterie möglichst häufig aufgeladen wird. Auf Langstrecken, das heißt bei ausgedehnten Fahrten auf Bundesstraßen und Autobahnen, rollt der Wagen hauptsächlich im Benzinbetrieb. Tatsächlich sind in Deutschland mehr als die Hälfte aller zugelassenen Hybridfahrzeuge als Dienstwagen gemeldet und damit in aller Regel auf langen Strecken im Einsatz.

Erst Ende der Vorwoche hatte die Regierung ein Maßnahmenbündel zur Förderung der Elektromobilität beschlossen. Ein Bestandteil davon ist die Verlängerung der ­Steuerprivilegien für als Firmenwagen genutzte Hybridautos. Auch wird hierzulande ein Neukauf mit 3.000 Euro bezuschusst, zur Hälfte aus öffentlichen Mitteln, zur Hälfte vom Hersteller. Dabei weiß die Regierung um die Fragwürdigkeit dieser Praxis. »Das Nachladeverhalten der Nutzerinnen und Nutzer ist entscheidend für den Anteil der elektrisch gefahrenen Kilometer und damit den mittleren Verbrauch und die mittleren CO2-Emissionen«, beschied das Verkehrsministerium auf die ­Anfrage der Grünen. Zur Frage, wie sehr auch Plug-in-Hybridfahrzeuge zum Klimakiller taugen, verwies die SZ auf Erfahrungen aus Großbritannien. Dort war im Vorjahr ­herausgekommen, dass viele Halter nicht einmal ihre Ladekabel ausgepackt hätten.

Beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) geht man davon aus, dass Plug-in-Hybridfahrzeuge der Oberklasse und des SUV-Bereichs »ein Vielfaches ihrer offiziellen Normwerte« verbrauchten. »Klimaschädliches Kohlendioxid wird dabei nur auf dem Papier eingespart und durch praxisferne Testbedingungen schöngerechnet«, erklärte Verbandschef Hubert Weiger am vergangenen Freitag anlässlich des vom Bundeskabinett auf den Weg gebrachten Gesetzespakets. »Die Bundesregierung läuft der Autoindustrie beim Plug-in-Hybrid in die umweltpolitische Sackgasse hinterher«, beklagte Weiger. Nötig wäre es dagegen, die Entwicklung von leichten und sparsamen E-Autos zu fördern und viel stärker in die bereits funktionierende Elektromobilität im öffentlichen Nahverkehr zu investieren.

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