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Aus: Ausgabe vom 07.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Kontroverse um den Reichstagsbrand

»Das kann ich nicht sagen«

Hochbetrieb am Reichstag: Wer waren die Mittäter van der Lubbes?
Von Leo Schwarz
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Hier noch in Siegerpose: Der von Georgi Dimitroff in der Verhandlung vor dem Reichsgericht in die Enge getriebene Hermann Göring

Alle Brandexperten, die sich »von 1933 bis heute« näher mit dem Feuer im Reichstagsgebäude befasst hätten, seien, wie Benjamin Hett 2014 schrieb, zu der Überzeugung gelangt, dass es »irgendwo zwischen höchst unwahrscheinlich und unmöglich« sei, dass Marinus van der Lubbe in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit das Feuer im Plenarsaal allein und ohne Hilfe verursacht habe. Außerhalb des Plenarsaales fanden sich nur kleinere, zum Teil von allein erloschene Brand- und Schmorstellen, die er dagegen durchaus allein verursacht haben kann.

Van der Lubbe war 1931 aus dem Jugendverband der Kommunistischen Partei Hollands ausgeschlossen worden und hatte sich der »Gruppe Internationaler Kommunisten« (GIC) angeschlossen, die über recht enge (von den Ermittlern später vollkommen ignorierte) Verbindungen nach Deutschland verfügte. Am 18. Februar 1933 war er in Berlin eingetroffen, wo er mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrere Kontaktadressen aufsuchte. Das Lennings-Dokument stützt die Annahme, dass er dabei an einen oder mehrere Polizeispitzel geriet, die ihn in die vorbereitete Inszenierung eines »kommunistischen Aufstandes« einspannten. Seine Selbstbezichtigungen dürften ein Versuch gewesen sein, die entkommenen »Genossen« zu schützen. Vor dem Reichsgericht betonte er in einem seiner wenigen wachen Momente, den Plenarsaal nur durchquert und dabei zwei Vorhänge angezündet zu haben. Angesprochen auf die nachgewiesenen Brandstellen auf dem Präsidententisch, den Abgeordnetenplätzen, der Regierungsbank usw., erklärte er: »Das kann ich gar nicht sagen, wer das angesteckt hat.«

Van der Lubbe war nicht der einzige Mensch, den die Polizei in der Brandnacht am Reichstag aufgriff: Der NSDAP-Reichstagsabgeordnete Herbert Albrecht rannte gegen 21.35 Uhr – nur ein paar Minuten nach der Festnahme van der Lubbes – aus dem Portal V an der Nordseite, ohne auf Rufe zu reagieren; Polizisten verfolgten ihn und stellten seine Identität fest. In seinem Abschlussbericht über die Brandermittlungen log Kriminalkommissar Walter Zirpins am 3. März, dass es sich hier um eine »noch nicht ermittelte Person« gehandelt habe. Kurz nach Mitternacht bemerkte ein Polizeiwachtmeister eine weitere Gestalt, die sich innerhalb der Stunden zuvor vorgenommenen Absperrung »aus dem Schatten des Gebäudes loslöste«. Die Person, ein gewisser Wilhelm Heise, trug Ausrüstungsgegenstände eines Schornsteinfegers sowie neun Universalschlüssel bei sich und gab an, »häufig im Reichstag tätig zu sein«. Dem Eindruck des Polizisten nach bemühte er sich, »starke Trunkenheit« vorzutäuschen. Er wurde nach einer Gegenüberstellung mit zwei NSDAP-Reichstagsabgeordneten bereits um 4.45 Uhr entlassen und nie wieder befragt.

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