Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 06.08.2019, Seite 12 / Thema
Philosophie

Ein Leben im Falschen

Vor 50 Jahren starb der Mitbegründer der Kritischen Theorie Theodor Wiesengrund Adorno
Von Jakob Hayner
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In den 1960er Jahren zählte Adorno zu den einflussreichen Intellektuellen der Bundesrepublik. Die ehrte ihn – u. a. mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt –, interessierte sich aber ansonsten wenig für den Philosophen. Adorno (M.) gemeinsam mit Heinrich Böll (l.) und Siegfried Unseld (r.) bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetze in Frankfurt (28.5.1968)

»Theodor W. Adorno, geboren am 11. September 1903, ist am 6. August 1969 sanft entschlafen.« Mit diesen knappen Worten wurde der Tod des Philosophen und Soziologen vor fünfzig Jahren in den Medien bekanntgegeben. Sein Vater entstammte einer jüdischen Weinhändlerfamilie aus Frankfurt, die Mutter war eine Katholikin mit italienischen Vorfahren und Sängerin. Der Junge wurde ebenfalls katholisch getauft, entschied sich aber später für eine protestantische Konfirmation. Von den Nazis wurde er als Jude verfolgt. Adornos akademischer Lehrer war der protestantische Theologe Paul Tillich, ein Vertreter der Religiösen Sozialisten. Als ein Denker des Utopischen hat Adorno den Gehalt der Religion retten wollen, nicht das Religiöse, das ihm fremd war. Man würde auch die Zeit im US-amerikanischen Exil unterschlagen, wenn man Adorno einfach als einen Frankfurter bezeichnete. Zwar kehrte er zurück, doch die Wunde der Vertreibung und Verfolgung war nicht geschlossen. Das zeigte noch der Name: Lautete er in den Zwanzigern noch Wiesengrund-Adorno, änderte er ihn im Exil zu W. Adorno – auch ein Zugeständnis an das sich dem englischen Sprachgebrauch als ­äußerst sperrig darstellende Wiesengrund.

Anstatt Adorno fein säuberlich zu kategorisieren, ist es sinnvoller, sein Leben und Werk als einen Spiegel des »Zeitalters der Extreme« (Eric Hobsbawm) zu begreifen. In einer Welt im Umbruch bleibt niemand unberührt, bleibt nichts identisch mit sich selbst.

Auflösung des Bürgerlichen

Eine der grundlegenden Erfahrungen Adornos war der Niedergang der bürgerlichen Klasse und ihrer Kultur. Seine Kindheit in Frankfurt und die in Amorbach im Odenwald verbrachten Sommer erlebte der kleine »Teddie« als ausgesprochen glücklich. Diese erinnerte Erfahrung strahlte über alles später Erlebte hinweg. Auf diese Weise behütet und geliebt zu sein, war für Adorno der eigentliche Sinn von Begriffen wie Familie und Heimat. Zugleich verspürte er aber schon die Fassadenhaftigkeit der bürgerlichen Existenz. Errichtet auf dem Klassenprivileg, war sie zugleich bedroht von der Dynamik, die das Bürgertum selbst hervorbrachte, von der Akkumulation des Kapitals. Im Zeitalter der Monopole, der Trusts und des Imperialismus verschwand die gesellschaftliche Basis der bürgerlichen Welt – und mit ihr diese selbst. Walter Benjamin, mit dem Adorno später eng befreundet war, hat diese Erfahrung in seinem Buch »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« reflektiert. Auf die überkommenen Monumente der Bürgerlichkeit fiel schon der Schatten des Faschismus. Weil Freiheit nicht substantiell und nicht für alle war, hatten es die Feinde aller Freiheit leicht. Dieses vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs ausgebildete Krisenbewusstsein war für Intellektuelle wie Adorno und Benjamin bezeichnend. Es zeigte zudem, dass auch für die oberen Klassen nun galt, was für die unteren schon der Normalfall war, nämlich in ihrem gesellschaftlichen Sein existentiell bedroht zu sein.

Adorno sah die imperialistische Krise und ihre Auswirkungen vom Weltkrieg bis hin zur Niederschlagung der Novemberrevolution durch die mit der Sozialdemokratie paktierende Reaktion. Dadurch wurde sein Blick auf die Gesellschaft geschärft. Der große Feuilletonist Siegfried Kracauer, Verfasser der Studie »Die Angestellten«, war dem noch jugendlichen Adorno ein Lehrer, gemeinsam lasen sie die Kritiken von Immanuel Kant. Wie andere Intellektuelle der Weimarer Zeit wandte sich Adorno dem Marxismus zu, der sowohl die Krise des Kapitalismus erklären konnte, als auch einen revolutionären Ausweg aus ihr vorschlug. Ernst Blochs »Geist der Utopie« und Georg Lukács’ »Theorie des Romans« sowie später »Geschichte und Klassenbewusstsein« waren prägende Lektüren. Nach dem Studium und der Dissertation über Edmund Husserls Phänomenologie in Frankfurt zog es den musikalisch gebildeten Adorno nach Wien, wo Arnold Schönberg wirkte. Der hatte, so meinte Adorno, durch die freie Atonalität und die Zwölftontechnik einen bleibenden Fortschritt in der Behandlung des musikalischen Materials erzielt. Adorno nahm Unterricht bei Alban Berg und Eduard Steuermann, die beide zum Kreis um Schönberg gehörten, und probierte sich an eigenen Kompositionen. Auch der Besuch der Lesungen des einsamen Polemikers Karl Kraus hinterließ einen bleibenden Eindruck bei ihm.

Während des Studiums in Frankfurt hatte Adorno Max Horkheimer kennengelernt, der inzwischen an der Universität arbeitete und sich regelmäßig mit anderen linken Intellektuellen wie Friedrich Pollock und Karl Mannheim traf, die sich im Umfeld des 1923 gegründeten Instituts für Sozialforschung bewegten. Bei den vom Institut organisierten Veranstaltungen wie der »Marxistischen Arbeitswoche« kamen kritische Denker wie Karl Korsch, Karl August Wittfogel, Lukács, Pollock und andere zusammen, der erste Direktor war Carl Grünberg. 1931 übernahm Horkheimer die Leitung, das Institut gab nun auch die Zeitschrift für Sozialforschung heraus, für die auch Erich Fromm, Herbert Marcuse und Leo Löwenthal schrieben. In seinem Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« von 1937 legte Horkheimer das theoretische Fundament für die gemeinsame Arbeit. Die Kritik der fachwissenschaftlichen Vereinzelung sowie des bürgerlichen Positivismus standen im Zentrum, die »gesellschaftliche Totalität« sollte kritisch durchdrungen werden, um einer neuen Gesellschaftsform den Weg zu weisen. Von Karl Marx und Friedrich Engels nahm man den materialistischen Begriff der Gesellschaft, von Lenin einige Versatzstücke zum Verständnis der Politik, und die Psychoanalyse Sigmund Freuds bot die Grundlage einer materialistischen Subjekttheorie jenseits der bürgerlichen Psychologie, die sich das Individuum nur als rational handelnden Warenbesitzer vorzustellen vermochte. So entwickelte sich, was man Kritische Theorie oder später verkürzend Frankfurter Schule genannt hat.

Dialektik der Aufklärung

Aber eine Frankfurter Schule war die Kritische Theorie schon deshalb nicht, weil sie 1933 gezwungen war, diesen Ort zu verlassen. Die nächsten Stationen waren New York und Los Angeles. Adorno befand sich zusammen mit der Chemikerin Gretel Karplus, die er über Benjamin kennengelernt hatte, auf der Flucht. Die beiden heirateten in London, bevor sie über den Atlantik in die USA fuhren. Dort wurden sie mit dem neuesten Stand positivistischer Wissenschaft und Kulturindustrie konfrontiert. Wo in Deutschland der schale Idealismus des 19. Jahrhunderts noch in Verfalls- und Phrasenform fortexistierte, herrschte in den USA der Geist des Pragmatismus. Bei dem »Radioforschungsprojekt« und den »Studien zum autoritären Charakter« kamen Adorno und andere Mitarbeiter des Instituts in Berührung mit den neuesten Methoden der empirischen Sozialforschung, die sie später mit in die Bundesrepublik brachten. In Los Angeles, wo neben Thomas Mann und Schönberg auch Bertolt Brecht und Hanns Eisler Zuflucht gefunden hatten, war man im Zentrum des globalen Filmbusiness. Man traf auf den Regisseur Fritz Lang und den berühmten Charlie Chaplin. Zusammen mit Eisler verfasste Adorno das Buch »Komposition für den Film«, in dem sie sich scharf gegen die spätromantische und illustrative Filmmusik ihrer Zeit wandten und eine künstlerisch eigenständige, kontrastierende Komposition verlangten. Für Manns »Doktor Faustus« fungierte Adorno als musikalischer Berater und nahm großen Einfluss auf die Gestalt des Romans.

Das wichtigste Buch der Kritischen Theorie – die »Dialektik der Aufklärung« – entstand in Kalifornien, »weit vom Schuss«, wie Adorno mit Blick auf die Geschehnisse in Europa anmerkte. Die Exilanten waren zwar entronnen, doch die Barbarei noch nicht beendet. So wurde ein Beitrag über die Lager der Deutschen aus dem Kreise des Instituts von amerikanischen Soziologen abgelehnt. Es fehle die Datenbasis, so der zynische Kommentar. Die von Horkheimer und Adorno mit dem Untertitel »Philosophische Fragmente« versehene »Dialektik der Aufklärung« wollte verstehen, »warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt«. Wo Aufklärung, so die Analyse der Autoren, sich mit der Herrschaft identifiziert, statt sich gegen sie aufzulehnen, zerstört sie sich selbst. Das Bürgertum, das einst einige durchaus umstürzlerische Ideen in die Welt gesetzt hatte, um den Adel niederzuringen, war von einer revolutionären zu einer reaktionären Klasse geworden – vom Positivismus, dem Einverständnis mit der Ordnung und ihrer Gewalt, bis zum Faschismus, dem Einverständnis zur Aufrechterhaltung der Ordnung mit den Mitteln offener Gewalt, ist es nur ein gradueller Unterschied. Das war die Konsequenz aus Horkheimers Ausspruch, dass, wer vom Kapitalismus nicht reden will, auch vom Faschismus schweigen solle. Die »Dialektik der Aufklärung« ist eine Philosophie in Modellen der Wirklichkeit: von Odysseus als Prototyp des bürgerlichen Subjekts über den Marquis de Sade und Friedrich Nietzsche als den »dunklen Schriftstellern des Bürgertums« bis hin zu den später hinzugefügten »Elementen des Antisemitismus«. Zunächst erschien 1944 ein hektograhiertes Manuskript der Schrift, dann folgte 1947 eine Buchausgabe im Amsterdamer Querido-Verlag in sehr geringer Auflage. Im Nachkriegsdeutschland druckte erstmals die von Johannes R. Becher initiierte, in Ostberlin erscheinende Zeitschrift Sinn und Form im Jahre 1949 einen Auszug.

Besondere Bekanntheit erlangte das Kapitel zur Kulturindustrie mit dem Untertitel »Aufklärung als Massenbetrug«, mit dem Horkheimer und Adorno eine Theorie der Kunst im Spätkapitalismus vorlegten. Zwar verschwänden durch Radio und Kino das bürgerliche Publikum und dessen Exklusivität zugunsten einer massenhaften Verbreitung von Kulturprodukten, zugleich werde mit dieser Demokratisierung das Publikum aber um das Wichtigste betrogen, nämlich den transzendenten und utopischen Charakter des Kunstwerks. Im Monopolkapitalismus würden die Kulturprodukte direkt für den Markt und den Kunden produziert: An die Stelle künstlerischer Überlegungen treten kaufmännische, der Kunstmarkt ersetzt die Kunstgeschichte und statt der Eigenlogik des Werks dominieren Effekte. So werde verhindert, dass sich in der Kunst Wahrheit artikuliert. Keine Vorahnung eines anderen Zustands scheint mehr auf. Deswegen, so schlussfolgern die Autoren, verdoppele die Kulturindustrie nur das Bestehende und biete es den Konsumenten als scheinhaft anderes an. Mit ihr setze sich die Kultur der Angestellten durch – das Gegenmodell einer proletarischen Kultur, die von den Produzenten ausgeht. Horkheimer und Adorno verbinden soziologische und ästhetische Analyse und zeigen, wie auch die Kunst im Dienste des Bestehenden ihren aufklärerischen Charakter verliert. »Fun ist ein Stahlbad«, heißt es in dem Kulturindustrie-Kapitel, das bis heute durch die neuartige Sprache, die die Kultur der Zeit mit Begriffen von Hegel und Marx konfrontierte und den essayistischen Stil fasziniert.

»Minima Moralia«

Adornos »Minima Moralia« sind ebenfalls im kalifornischen Exil entstanden. Es handelt sich um »Reflexionen aus dem beschädigten Leben«, wie es im Untertitel heißt. Die Sammlung von Aphorismen hatte Adorno seinem Freund Horkheimer gewidmet. Es sind Miniaturen, die aus der eigenen Erfahrung hin ins Philosophische streben – und die zugleich zeigen, dass kritisches Denken auf den kapitalistischen Weltlauf kaum einen Einfluss hat. Alltägliche Beobachtungen werden mit allgemeinen Tendenzen in Beziehung gesetzt, sei es die Liebe, das Schenken oder das Wohnen. Es gibt keinen Bereich des Lebens, der nicht von der kapitalistischen Logik erfasst wäre, das Leben ist nur Anhängsel einer Produktionsweise, die auf die Vermehrung von Wert zielt. Zwar sträuben sich die Menschen, sich einer völlig widersinnigen Ökonomie zu unterwerfen, doch führt das vor allem zu falschen Kompromissen, die die Verhältnisse stützen. Adorno zielt darauf, dass sich die Menschen dieses Dilemmas bewusst werden und sich bewusst und widerständig gegen die Ordnung des Kapitals verhalten. Philosophie, die einst die Lehre vom richtigen Leben des einzelnen war, scheitert. So folgert Adorno: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Die Miniaturen der »Minima Moralia« funktionieren gestisch, sie zeigen eine Welt, die in ihrem Inneren absurd geworden ist, weil sie eine überlebte Eigentumsordnung und Produktionsweise konserviert, die verwüsteten und unheimlichen Landschaften des Spätkapitalismus. In Kalifornien schrieb Adorno auch seine »Philosophie der neuen Musik«, die er als einen Exkurs zur »Dialektik der Aufklärung« verstanden wissen wollte. Indem er Schönberg und Igor Strawinsky gegenüberstellte, zeigte er die ungeraden Wege des musikalischen Fortschritts. Materialbeherrschung schlägt um in Formalismus, wogegen Romantik regressiv sich sträubt.

Adornos Schriften waren auf deutsch verfasst. Anders als Horkheimer mit seiner »Eclipse of Reason«, die später als »Kritik der instrumentellen Vernunft« übersetzt wurde, veröffentlichte Adorno keine größeren Publikationen auf englisch. Er war auf ein deutschsprachiges Publikum angewiesen. Als Horkheimer 1949 in Frankfurt zum Professor berufen wurde und das Institut wieder aufzubauen gedachte, reiste Adorno erstmals seit seiner Flucht wieder in die Heimatstadt, ab 1953 wohnte er wieder dort. Zwei Jahre zuvor war das Institut mit eigenem Gebäude wiedereröffnet worden, Adorno fungierte als stellvertretender Direktor. Nun begann sein Wirken als Hochschullehrer und »öffentlicher« Intellektueller in der Bundesrepublik. Adorno zeigte sich als ein Kritiker der »wiederaufgebauten Kultur«, des westdeutschen Staates, der modern und reaktionär zugleich war. 1956, im Jahre des KPD-Verbots, des XX. Parteitags der KPdSU und der Kollektivierung der Landwirtschaft in der VR China, diskutierten Horkheimer und Adorno über ihre Rolle als linke parteilose Intellektuelle ohne die Perspektive auf eine Revolution. Man überlegte, ein neues Kommunistisches Manifest zu verfassen. Daraus wurde nichts. Was aber könnte Kritische Theorie sein? »Eine Theorie, die Marx, Engels und Lenin die Treue hält, aber nicht hinter die fortgeschrittenste Kultur zurückfällt«, so Adorno. Kunst stand für ihn selbstverständlich neben Philosophie und Soziologie, die Wahrheit schert sich nicht um die Grenzen der Fachwissenschaften.

Nie wieder Auschwitz

Wie kaum ein anderer nahm Adorno die Verbrechen der Nazis in sein Denken auf. In seinem Vortrag »Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit« wies er darauf hin, dass die Ursachen des Nazismus keineswegs beseitigt seien. Auch der Antikommunismus als ein zentrales Moment der Ideologie des »Dritten Reichs« bestehe fort. »Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie«, sagte Adorno. Er formulierte zugleich eine Kritik des wahnhaften Nationalismus, der gerade deshalb so zerstörerisch sei, weil er anders als im bürgerlichen Zeitalter jeglicher Grundlage entbehre. Dass es nach den Verbrechen der Nazis nicht einfach so weitergehen könne, wollte er dem bundesdeutschen Publikum zu verstehen zu geben. »Hitler hat dem Menschen im Stande seiner Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe«, schrieb Adorno in seiner »Negativen Dialektik«. Mit diesem 1966 erschienenen Werk wandte er sich einerseits gegen den Positivismus und andererseits gegen die Ontologie. Adorno beharrte auf einem kritischen Begriff von Metaphysik, einem Denken der möglichen umfassenden Veränderung und Befreiung. Metaphysisches, also spekulatives Denken, verteidigte er gegen die Vorwürfe des Idealismus oder Obskurantismus als das eigentlich moderne Denken, als utopisches Denken in Widersprüchen.

Von eigentümlicher Ironie ist es, dass sich Jürgen Habermas als Schüler und Assistent von Adorno deutlich gegen das Metaphysische wandte, womit er die Kritische Theorie zur Kommunikationstheorie verunstaltete. Das Verhältnis zur jüngeren Generation gestaltete sich für Adorno im allgemeinen nicht leicht. Zwar beeinflusste er die protestierenden Studenten Ende der 1960er Jahre, die wandten sich aber auch gegen den alternden Professor – beispielsweise mit dem berüchtigten »Busenattentat«. Adorno attestierte den Neuen Linken, dass sie sich, statt verändernd in die Welt einzugreifen, oftmals in symbolischen Aktionen erschöpfen würden. Das nannte er »Pseudoaktivität«, eine selbstbestätigende Bewegung auf der Oberfläche. Ähnliches beobachtete er auch in der Kunst. Mit der »Verfransung der Künste« und den Happenings werde Kunst eher simuliert statt gemacht. Die »Entkunstung der Kunst« begriff er als Pendant zur Kulturindustrie. In seiner »Ästhetischen Theorie«, neben Lukács’ »Eigenart des Ästhetischen« der letzte große Versuch der Moderne, Kunst im Lichte der Philosophie Hegels zu begreifen, bezeichnete er die Rettung des ästhetischen Scheins als das Zentrum seiner Ästhetik. In der künstlerischen Form selbst zeigen sich die Widersprüche der Gesellschaft, die Konflikte, Klassenkämpfe und Antagonismen. Das war seine Überzeugung, für die er mit Samuel Beckett oder auch mit und gegen Brecht argumentierte. Die Realität könne zwar Material, aber nicht Maßstab der Kunst sein.

Utopisches Denken

Die »Ästhetische Theorie« konnte Adorno nicht mehr vollenden. Sie ist posthum als Fragment erschienen. Adorno stand für ein utopisches Denken in Philosophie und Kunst. Materialismus, Metaphysik und Ästhetik bilden den Mittelpunkt seines Werks. Dazu gehört auch die Kritik der Verdinglichung, ohne der Illusion zu verfallen, dass man ihr so einfach entkommen könnte – der Sozialphilosoph war durchaus kein Anhänger romantischer Schwärmerei. Vernunft bestimmt sich in bezug auf ihren Gegenstand, also in bezug zur Vernünftigkeit der Welt. Nicht auf Freiheit vom Objekt, sondern Freiheit zum Objekt zielt Adornos Denken. Das betraf auch sein eigenes Werk, betrachtete er seine Gedanken doch nicht als Eigentum, sondern als Versuch, etwas über die Welt, wie sie ist und wie sie sein sollte, mitzuteilen.

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