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Aus: Ausgabe vom 05.08.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Wortschatz der rechten Szene

Zur rechten Zeit

Handwörterbuch reaktionärer Kampfbegriffe neu bearbeitet
Von Markus Bernhardt
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In der Jungen Freiheit können Rechte nachlesen, welche Debatten ihre Szene gerade beschäftigen

Es ist ein altbekanntes Phänomen: Rechte Ideologen versuchen, anderweitig besetzte Begriffe reaktionär umzuprägen oder mit sprachlichen Neuschöpfungen Pseudodiskurse über Scheinprobleme anzuzetteln. Die damit erzeugte Konfusion ist immer ärgerlich und manchmal auch gefährlich. Erfreulich ist deshalb, dass im Wochenschau-Verlag nun die zweite, komplett überarbeitete und erweiterte Auflage des »Handwörterbuchs rechtsextremer Kampfbegriffe« erschienen ist, das sich vor allem an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren richtet, die in Schulen, der Sozialarbeit oder den Gewerkschaften tätig sind. Das Buch bietet ihnen eine kompetente Hilfestellung, um von Faschisten genutzte Propagandabegriffe erkennen und vor allem richtig einordnen zu können.

Der Band versammelt sowohl Wendungen, »die seit Jahrzehnten im Sprachgebrauch der extremen Rechten anzutreffen sind, als auch vergleichsweise neue oder wieder aufgewertete Begriffe«, schreiben die Herausgeber. Ausgewählte Kategorien sind etwa: »68er«, Demokratie, Freiheit, Flüchtlinge, »Gender-Ideologie«, »Kameradschaft«, »Staatsversagen«, Kapitalismus, Natur und »Political Correctness«. Den Beiträgen wird stets ein repräsentatives Originalzitat vorangestellt, das dann kurz eingeordnet und vertieft analysiert wird. Mitunter schließt sich eine gelungene Kritik der jeweiligen rechten Argumentation an. Auf weiterführende Literatur wird verwiesen.

Ein Beispiel: Im Kapitel über »Dekadenz« wird die Wochenzeitung Junge Freiheit zitiert. Dort fand sich 2016 dieser Satz: »Dekadenz ist unser zentrales Problem. Dekadenz heißt in erster Linie Formschwäche«. Der Politikwissenschaftler Felix Kronau schreibt dazu: »Der Begriff ›Dekadenz‹ beschreibt in extrem rechten Publikationen einen zunehmenden ›Verfall‹ der ›westlichen‹ bzw. ›deutschen‹ ›Kultur‹. Es wird angenommen, dass die Grundlagen ›abendländischen‹ Zusammenlebens vergessen und verloren würden.« »Dekadenz« stelle demnach eine »Schwäche der eigenen ›Kultur‹ und ›Gemeinschaft‹ dar«. Vertiefend verweist Kronau auf den im Zusammenhang mit Dekadenz häufig von Neonazis verwendeten Begriff der »Gemeinschaft« und den des »Volkes« und zeigt auf, wie die Rechte – in diesem Fall das Institut für Staatspolitik – diese mit einem »Körper« gleichsetze, der »genau wie organische Wesen einer Alterung, Krankheit und damit einem allmählichen Energieverlust unterworfen« sei.

Der Vorteil der immer gleichen Strukturierung der einzelnen Beiträge des Bandes liegt nicht nur in der besseren Lesbarkeit. Dadurch ermöglichen die Herausgeberinnen und Herausgeber auch Menschen, die bislang keinerlei Einblick in den Wortschatz der rechten Szene haben, die Texte ohne jegliches Vorwissen zu rezipieren. In einer Zeit, in der reaktionäre Demagogie an Einfluss gewinnt, ist insbesondere dieser Aspekt zu begrüßen.

Bente Gießelmann, Benjamin Kerst, Robin Richterich, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hrsg.): Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe. Wochenschau-Verlag, 2., komplett überarbeitete und ergänzte Auflage, Frankfurt am Main 2019, 424 Seiten, 29,80 Euro

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