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Aus: Ausgabe vom 05.08.2019, Seite 5 / Inland
Einkommensschere

Männlich, weiß, westdeutsch

Daten der Bundesagentur für Arbeit weisen erhebliche Lohnunterschiede zwischen Ost und West, Frauen und Männern, Migranten und Deutschen auf
Von Susan Bonath
In Ingoldstadt verdienen deutsche Männer 60 Prozent mehr als Fra
In Ingolstadt verdienen deutsche Männer 60 Prozent mehr als Frauen und Deutsche 91 Prozent mehr als Migranten

In Sachen Lohnarbeit bleiben ältere einheimische Männer aus Westdeutschland privilegiert. Nach neuen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die die Linksfraktion im Bundestag ausgewertet hat, erhielten sie zum Jahresbeginn 2019 die höchsten Bruttoeinkommen. Das liegt zunächst an gravierenden regionalen Lohnunterschieden. Die 60 Landkreise und Städte mit den niedrigsten Durchschnittslöhnen liegen im Osten.

So verdienten Vollzeitbeschäftigte in Ostdeutschland zuletzt im Schnitt 2.707 Euro brutto. In Westdeutschland bekamen sie mit rund 3.434 Euro fast 27 Prozent mehr. Die niedrigsten Löhne zahlten Unternehmen im ostsächsischen Görlitz mit rund 2.272 Euro. Im bayrischen Ingolstadt lagen die mittleren Gehälter für eine Vollzeitstelle mit fast 4.900 Euro fast doppelt so hoch.

Ingolstadt ist zudem ein Paradebeispiel für besonders große Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen. Während erstere für eine Vollzeitarbeit im Mittel 5.357 Euro brutto erhielten, hatten weibliche Beschäftigte bei gleicher Stundenanzahl lediglich ein durchschnittliches Bruttoeinkommen von 3.350 Euro. Damit verdienten dort Männer rund 60 Prozent mehr als Frauen. Der Lohnunterschied zwischen deutschen und ausländischen Beschäftigten lag in Ingolstadt zum letzten Jahreswechsel sogar noch höher, nämlich bei 91 Prozent. Auch bezogen ältere Beschäftigte etwa 75 Prozent mehr Lohn als unter 25jährige, die sich mit durchschnittlich 2.800 Euro zufriedengeben mussten.

In Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist der Osten allerdings dem Westen weit voraus. Dort bekamen Frauen und Männer in Vollzeitjobs annähernd gleiche Löhne. In Brandenburg etwa erhielten sie sogar um vier Prozent höhere Durchschnittslöhne als Männer. In Sachsen-Anhalt bekamen weibliche Beschäftigte rund 1,4 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern 0,6 Prozent mehr im Monat bei einer 40-Stunden-Woche. Dabei lagen die durchschnittlichen Einkommen jedoch insgesamt nur zwischen 2.496 Euro (Mecklenburg-Vorpommern) und knapp 2.600 Euro (Sachsen-Anhalt und Brandenburg). In Thüringen verdienten Männer rund sechs Prozent mehr als Frauen und in Sachsen drei Prozent, dies bei ähnlich geringer Lohnhöhe. In Berlin zahlten Unternehmen mit rund 3.242 Euro monatlich die höchsten Löhne im Osten des Landes. Dort verdienten Männer im Mittel drei Prozent mehr als Frauen.

Bundesweit gerechnet, verdienten Männer für eine Vollzeitarbeit rund 15 Prozent mehr als Frauen. Hier machte der Osten einiges wett, denn im Westen betrug der Unterschied bei den Bruttolöhnen zwischen weiblichen und männlichen Beschäftigten fast 18 Prozent. Auch hier variiert die Lücke jedoch erheblich zwischen den einzelnen Ländern, die größte klaffte zum letzten Jahreswechsel in Baden-Württemberg. Dort lagen die Einkommen von abhängig beschäftigten Männern um ein Viertel höher als die von Frauen. In Bremen und im Saarland betrug die Differenz rund 21 Prozent, in Bayern, Hamburg und Niedersachsen 19 Prozent. Die geringste Lohnungleichheit in Westdeutschland herrschte zuletzt in Schleswig-Holstein. Dort bekamen Frauen für einen Vollzeitjob rund zwölf Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Noch gravierendere Lohnungleichheit herrschte zwischen einheimischen und ausländischen Lohnabhängigen. Während letztere im bundesweiten Mittel etwa 2.530 Euro brutto im Vollzeitjob verdienten, gab es für deutsche Arbeiter und Angestellte mit rund 3.403 Euro fast ein Drittel mehr. In Ostdeutschland fiel dieser Lohnunterschied mit 21,5 Prozent etwas geringer aus, im Westen betrug er 33,5 Prozent.

Noch eine weitere Gruppe fällt weit zurück bei den Einkommen: junge Berufseinsteiger. Im bundesweiten Vergleich lagen unter 25jährige mit einem mittleren Monatseinkommen von 2.408 Euro für eine 40-Stunden-Woche um gut 37 Prozent unter dem Gesamtdurchschnitt bei den Einkommen. In Westdeutschland klaffte sogar eine Lücke von rund 40 Prozent, im Osten von knapp einem Drittel.

Auf dem Spitzenplatz bei den Löhnen landeten damit ältere einheimische Männer im Westen. In Hamburg verdienten männliche Beschäftigte im Mittel rund 4.010 Euro monatlich, in Baden-Württemberg 3.953 Euro, in Bayern 3.664 Euro. Die geringsten Durchschnittslöhne erzielten Ausländer in Thüringen mit 1.878 Euro, gefolgt von unter 25jährigen in Mecklenburg-Vorpommern mit 1.959 Euro. Die weiblichen Beschäftigten erzielten ebenfalls in Thüringen die geringsten Einkünfte. Im Schnitt zahlten die Unternehmen Frauen 2.449 Euro brutto für eine Vollzeitarbeit.

In der Berechnung der Renten spiegeln sich diese gravierenden regionalen Unterschiede beim Einkommen nicht wieder. Hier gelten einheitliche Bemessungsgrundlagen für die Rentenpunkte. In Ostdeutschland muss ein Beschäftigter für einen ganzen Punkt von aktuell 31,89 Euro genau 35.887 Euro brutto pro Jahr erzielen, das sind 2.991 Euro im Monat, also fast 300 Euro mehr, als das ostdeutsche Medianeinkommen zum Jahreswechsel betrug. Im Westen beläuft sich die Bemessungsgrundlage für einen Rentenpunkt von aktuell 33,05 Euro auf 38.901 Euro. Dazu muss ein Beschäftigter derzeit monatlich 3.242 Euro brutto erzielen. In den alten Bundesländern liegt der Durchschnittsverdienst für Männer insgesamt um fast 400 Euro höher, weibliche Beschäftigte verdienen dort im Mittel knapp 200 Euro weniger. Besonders für Migranten, Frauen und Ostdeutsche ist Altersarmut damit vorprogrammiert.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. ( 5. August 2019 um 13:40 Uhr)
    Ist die Formulierung: »In Sachen Lohnarbeit bleiben ältere einheimische Männer aus Westdeutschland privilegiert«, Schludrigkeit und Gedankenlosigkeit beim Verfassen des Textes geschuldet oder steckt ernste Auffassung dahinter? Ein Privileg bedeutet je nach Kontext Gnadenerweis, Vorrecht, und im Mittelalter konnten jene Personen Privilegien erteilen, die Rechte oder Besitz an Untertanen frei weitergeben durften. Dies waren in erster Linie der Kaiser (bzw. König) und die Päpste. Aber auch ein Grundherr konnte einen seiner Untertanen privilegieren, indem er ihn zum Beispiel vom Frondienst befreite.
    Nun zeigt der Artikel in der Tat erhebliche Lohnunterschiede zwischen verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen in Deutschland auf, und es ist allgemein bekannt, dass z. B. Arbeiter in Gewerken mit Tarifbindungen und starken Gewerkschaften mehr vom erwirtschafteten Produktionswert als Lohn nach Hause tragen als andere schwach organisierte und gesellschaftlich diskriminierte Gruppen bzw. die Diskriminierung gerade darin besteht, dass sie ihre Arbeitskraft unter Wert verkaufen müssen.
    Warum aber eine generellere Schlechterstellung als positiv bewertet werden soll, wie Susan Bonath schreibt: »In Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist der Osten allerdings dem Westen weit voraus. Dort bekamen Frauen und Männer in Vollzeitjobs annähernd gleiche Löhne«, bleibt wohl ihr Geheimnis, denn Männer und Frauen verdienen gemeinsam schlecht – was soll daran »weit voraus« sein, »zusammen zurück« wäre da wohl eher angebracht.
    Fazit: Dieser Artikel könnte ein Bewerbungsschreiben für eine Tätigkeit in einem Kapitalistenverband sein, um »Privilegien« abzubauen und das Lohnniveau auf ein gleichberechtigtes niedriges Niveau zu senken. Augen auf beim Schreiben, Augen auf in der Redaktion.

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