Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Dienstag, 17. September 2019, Nr. 216
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Aus: Ausgabe vom 03.08.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hummus

Von Maxi Wunder

»Du glaubst nicht im Ernst, dass du mit Dr. Seltsam nach Israel fliegen kannst … Der steht doch beim Mossad auf der schwarzen Liste, wenn er linke Abgeordnete in seine Show einlädt, die für die Rechte der Palästinenser eintreten!« Genossin Mechthild ist im Bilde. Der Doktor moderierte nämlich mal »Dr. Seltsams Wochenschau« mit illustren Gästen aus Politik und Gesellschaft, trägt wegen seiner Herzinsuffizienz einen Defibrillator, der aussieht wie ein als Pushup-BH getarnter Sprengstoffgürtel, und seinen Künstlernamen hat er von dem verrückten Nazi aus Stanley Kubriks Kalter-Krieg-Komödie »Dr. Seltsam – oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben«. »Warum sollten die so einen in ihr Land lassen?« Mechthild kann meine Naivität nicht fassen. Ich hole eine Zweitmeinung ein und befrage eine ehemalige Reiseleiterkollegin, die in Israel gearbeitet hat: »Keine Sorge, die können zwei harmlose Irre von echten Gefährdern unterscheiden.« Das klingt schon besser, denn wir müssen nach Haifa, einen Geburtstagsbesuch machen.

Die Kollegin sollte Recht behalten, wir landen ungehindert in Tel Aviv und fahren mit dem Zug nach Haifa. Die Hafenstadt liegt im Norden des Landes und ist die drittgößte Stadt Israels. Ab und zu riecht die Luft nach Ammoniak, denn es gibt eine große Düngemittelfabrik und überhaupt viel Industrie, Haifa hat das Image einer Arbeiterstadt. Das Wahrzeichen ist ein malerisches Gebäude mit goldenem Kuppeldach über terrassenförmig angelegten Gärten, ein Glaubensdenkmal. Es ist originellerweise weder jüdisch noch moslemisch oder christlich, sondern »Bahai«. Bahai ist eine mystische Religion, die von einem gewissen Bab in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Iran in Abspaltung vom Islam begründet wurde und – nach allem was ich darüber gelesen habe – durchgehend friedlich, menschenfreundlich und frauenbefreiend war. Klar, dass seine Religionsstifter im damaligen Persien hingerichtet wurden. Hier in Haifa auf dem Nordhang des Berges Karmel hat der Bab seine letzte Ruhe gefunden. Für Touristen eine Attraktion, für die relativ wenigen »Babi« ein Pilgerort.

Nun wäre es weltfremd anzunehmen, dass ausgerechnet auf diesem Fleckchen Erde sich die Deutschen nicht schon vor dem Ersten Weltkrieg wichtig gemacht hätten: 1869, als das Gebiet noch zum osmanischen Reich gehörte, gründete eine deutsche Sekte aus Süddeutschland namens »Tempelgesellschaft« in Haifa eine Kolonie. Spaziert man über den Ben-Gurion-Boulevard, wie die ehemals deutsche Dorfstraße heute heißt, wähnt man sich in einem schwäbischen Museumsdorf mit orientalischer Amüsiergastronomie.

In dieser Zeitung muss nicht erklärt werden, warum man sich als deutsche Linke in Israel doppelt und dreifach zerrissen fühlt. Da kommt so eine Klebemasse namens Hummus genau richtig: Die Basis ist Kichererbsenpüree, zeitsparenderweise aus der Dose, die mit Tahin (Sesampaste), Knoblauch, Olivenöl und Zitronensaft verrührt und mit Salz, Pfeffer und Kreuzkümmel gewürzt wird. Dieser Dip hat längst seinen völkerverbindenden Siegeszug über den Erdball angetreten und ist sehr wahrscheinlich das Futter der Zukunft, denn er ist preiswert, sättigend, schmackhaft und vegan.

Seine Lust auf unkoscheres Schweineschnitzel konnte Dr. Seltsam bei der Geburtstagsparty in einer Schwulenkneipe am Hafen befriedigen, wo er mit seinem elek­tronischen BH übrigens sehr gut ankam.

Dieser Brotaufstrich aus dem Orient hat längst seinen völkerverbindenden Siegeszug über den Erdball angetreten und ist sehr wahrscheinlich das Futter der Zukunft, denn er ist preiswert, sättigend, schmackhaft und vegan.

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