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Aus: Ausgabe vom 03.08.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Adolf Hitlers Lieblingsblume

Teil eins
Von Ludwig Lugmeier
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Nach dem Tod von Frau Fröhlich stand die unter meiner Mansardenkammer liegende Wohnung wochenlang leer. Für mich eine Zeit der Erholung. Frau Fröhlich war nämlich recht lärmig gewesen. Tagsüber hatte sie lautstark geschimpft und am Abend aus ihrer Jugendzeit stammende Platten gespielt. Dazu mit den Tenören und Chören um die Wette gesungen. Ihre Lieder verfolgten mich bis in den Schlaf. Aber jetzt ist sie tot. Gestürzt. Die Kellerstiege hinunter. Oberschenkelhalsbruch. Nun, sie war nicht mehr die Jüngste gewesen.

Frau Radodek, in der Etage darunter, der ersten Etage, verlässt seither kaum noch die Wohnung. Sie könnte ja ebenfalls stürzen und sich etwas brechen. Da geht es dann schnell in dem Alter. Und wer soll sich nach ihrem Ableben um Frantisek kümmern?

»Nicht wahr? Wer soll dann für meinen Frantisek sorgen«, lamentiert sie Anteilnahme erheischend. »Hoffentlich überlebe ich ihn. Auch wenn mir sein Tod das Herz brechen wird.«

Insgeheim hofft sie natürlich, dass ich mich Frantiseks annehmen werde. Ausgerechnet ich, der ich Hunde nicht ausstehen kann. Allein das Gesabber. Bei der Vorstellung, ihren Köter in der Wohnung zu haben, bekomme ich Magenbeschwerden. Ich würde ihn auf der Stelle vergiften.

»Aber Frau Radodek«, sage ich deshalb, »Sie sind doch das blühende Leben. Wer wird denn an so etwas denken?«

Und werfe einen Blick auf die Uhr. Doch Frau Radodek lässt einen so leicht nicht entkommen. Mit Frantisek fängt sie an, um dann von diesem und jenem zu schnattern, dass demnächst die Welt untergeht, weil die Polkappen schmelzen, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden oder die Butter teurer geworden ist, um schließlich über Herrn Hörlimann herzuziehen.

»Haben Sie einen Schnupfen? Ist Ihre Nase verstopft? Aber so riechen Sie doch! Unverkennbar Urin. Erst gestern geputzt, und schon hat er wieder auf die Treppe gepinkelt. Ich hab’ es mit meinen eigenen Augen gesehen. Sternhagelvoll, unser Hörlimann, dieses Schwein.«

Man darf Frau Radodek nicht jedes Wort glauben. Auch wenn Herr Hörlimann hin und wieder ein paar Gläser zu viel trinkt, so würde er doch niemals ins Treppenhaus pinkeln. Ein Kustos der gräflichen Schlossbibliothek! Ein Herr mit Bildung und guten Manieren! Frau Radodek dichtet ihm nur etwas an, weil sie ihm die parterre gelegene Wohnung missgönnt. Sie würde diese nämlich selbst gern belegen, damit sie nicht länger zu ihrer hochkreuchen muss mit ihren geschwollenen Beinen. Herr Hörlimann aber steht einem Wohnungstausch reserviert gegenüber. Am besten, man hält sich raus aus solchen Geschichten.

Das Haus, von welchem ich spreche, ist ein engbrüstiges Backsteingebäude. Solide gebaut, keine Frage, doch kam es im Lauf der Jahrzehnte herunter. Die Dielen sind morsch, das Dach ist marode, der Schornstein zerbröckelt. Es zieht an allen Ecken und Enden, und an den Wänden hat sich Schimmel gebildet. Der Aufzug steckt auch fest. Frau Niederbach, die Hausherrin, beteuert zwar, ihn reparieren zu lassen, sobald der Mechaniker, angeblich der einzige, der den komplizierten Mechanismus versteht, Zeit dafür findet, doch verspricht sie dies schon seit Jahren. Auch will sie das wacklige Treppengeländer durch ein stabiles ersetzen. Tatsächlich aber ist sie zu geizig, um im Treppenhaus die ausgebrannten Birnen zu wechseln, so dass man im Dunkeln hochtappen muss.

Sie selbst haust im Keller. In einem Lattenverschlag. Man stell’ sich nur vor: Die Hausherrin im Lattenverschlag! Küche, Büro, Wohnzimmer, Schlafzimmer – alles in einem. Zwischen Regalen mit Einmachgläsern ein Schreibtisch, vollgepackt mit Formularen, Quittungsblöcken, Schreibgeräten und tausend anderen Dingen. Ein Feldbett zusammengeklappt neben der Tür, eine nackte Birne unter der Decke. Dabei muss sie eine schöne Stange Geld auf dem Bankkonto haben. Allein, was sie an Miete kassiert! Und was verbraucht sie denn schon?

»Sie gönnen sich aber gleich gar nichts, Frau Niederbach«, sage ich und schüttle den Kopf. »Gehen Sie doch mal ins Kino. Es laufen sehr schöne Filme. Oder in den Park. Dort blüht jetzt der Flieder. Das bringt Freude ins Leben.«

Verständnislos blickt sie mich an. Als hätte ich ihr geraten, über den Atlantik zu schwimmen. Ein seltsames Weib. Der Physiognomie nach konnte es eine Schildkröte sein. Dazu dieser Höcker zwischen den Schultern. Und ernährt sich von Gemüse und Fisch, was meines Wissens auch bestimmte Schildkröten tun. Dosenfisch freilich. Ölsardinen. Fisch in Senf- und Tomatensoße. Diese gabelt sie direkt in den Schlund, ohne Brot, ohne Brötchen, und die Dosen leckt sie noch aus. Dann stehen sie wochenlang rum. Alles riecht fischig. Bis unters Dach. Als ob das Haus eine Fischdose wär. Doch was will man da machen?

Im großen und ganzen kann ich mich jedoch nicht beklagen. Das Haus liegt verkehrstechnisch günstig, und zum Park sind es nur zehn Minuten. Wir Mieter grüßen uns freundlich, zumeist jedenfalls. Herr Hörlimann streichelt sogar Frau Radodeks Köter. Ärger und Zwiespalt trägt lediglich ihr Enkel ins Haus, Fridolin, dieser rotzfreche Lümmel, der noch dazu schielt. Er wohnt zwar nicht hier, doch kommt er seine Omi regelmäßig besuchen, um mit ihrem Frantisek Gassi zu gehen. »Kellerassel«, rief er zur Frau Niederbach runter, und wenn es nach Urin riecht … Aber lassen wir das.

Frau Fröhlichs einstige Wohnung wurde mittlerweile an die Firma Hades vermietet. Jedenfalls hat man an die Wohnungstür einen Zettel mit dem Namen gepinnt. Auf dem Briefkasten und dem Klingelschild steht ebenfalls »Fa. Hades« zu lesen. Benützt wird die Wohnung noch nicht. Es wurde auch kein Mobiliar angeliefert. Das wäre uns Mietern schwerlich entgangen. Frau Radodek mit Sicherheit nicht. Sie nimmt ja großen Anteil am Leben der andern.

Nun frage ich mich, was für eine Art von Firma das sein mag und wann sie ihre Tätigkeit aufnehmen wird. Auch der zurückhaltende Herr Hörlimann zerbricht sich den Kopf. Es sei eigenartig, gibt er zu bedenken, dass sich eine Firma in einem Haus niederlasse, dessen Aufzug nicht funktioniere, noch dazu in der zweiten Etage. Zudem habe Frau Niederbach immer nur an alleinstehende, ältere Personen vermietet. Weshalb sie da eine Ausnahme mache? Auch sei Hades ein ungewöhnlicher Name. So habe der Totengott der Griechen geheißen.

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Sein Hinweis rief bei Frau Radodek einen Schwächeanfall hervor. Da sie sich am Treppengeländer festhalten wollte, trat ein, was ich seit langem befürchtet: Das Geländer gab nach und krachte hinunter. Hätte ich Frau Radodek nicht zu fassen gewusst, wäre sie ebenfalls hinuntergestürzt. Gar nicht auszudenken in ihrem Alter. Das mindeste wäre ein Oberschenkelhalsbruch gewesen – und die Folge hat man ja bei Frau Fröhlich gesehen. Kaum, dass sich die Staubwolke legte, buckelte Frau Niederbach die Treppe herauf.

»Mieterpack!« schimpfte sie. »Euch werd’ ich helfen!«

Sie sprühte vor Zorn und fuchtelte bedrohlich mit einer Gabel. Frau Radodek klammerte sich an ihren Enkel, Frantisek kläffte, als würde ihm das Fell abgezogen, und Herr Hörlimann flüchtete die Treppe hinauf. Ich schnappte nach Luft und sagte: »Aber ...«, immer wieder nur: »Aber ...« Mehr fiel mir nicht ein. »Aber Frau Niederbach, aber …« Wer hätte dem bucklicht Weiblein auch solchen Zorn zugetraut.

Die Narben auf meiner Wange, zwei Finger breit unter dem Auge, stammen von den Zinken der Gabel. Ich bin sicher, Frau Niederbach wollte mich blenden. So schnell, wie sie zustach, zack, zack, zack, wäre es ihr auch geglückt, hätte nicht dieser Fridolin die Initiative ergriffen. Als sie auf mir kniete, um mir den fatalen Stich zu versetzen, rief er: »Fass, Frantisek!« Worauf Frantisek Frau Niederbach angriff.

Obwohl ich, wie schon erwähnt, Hunde nicht mag, kann ich nicht umhin, Frantisek meine Anerkennung und meinen Dank auszusprechen. Hätte er sich so hasenfüßig gezeigt wie Herr Hörlimann, stünde ich heute erblindet im Leben. Obzwar nur ein Mops, legte er den Kampfesgeist eines Wolfs an den Tag. Zuerst biss er Frau Niederbach in den Schuh, dann in die Wade. Nach jeder Attacke sprang er zurück, stürmte aber sogleich erneut auf sie los. Die Gabel, mit der sich Frau Niederbach wehrte, stachelte seine Kampfeswut an. Er knurrte und fletschte die Zähne. Sodann sprang er ihr mit einem Satz an die Brust und biss sie in die Wange. Eine beachtliche Leistung, denn verhätschelt und mit Schokolade gefüttert, litt Frantisek unter Fettleibigkeit und kam dadurch schnell außer Atem. Keine Spur mehr davon. Selbst mit der Gabel im Leib griff er noch an. Zur Beendigung des Kampfes führte allerdings ein Stoß von Frau Radodeks Enkel in Frau Niederbachs Rücken. Sie purzelte vom Treppenabsatz der ersten Etage bis vor die Tür zu Herrn Hörlimanns Wohnung. Die Stiege zum Verschlag krabbelte sie auf allen vieren hinunter.

Herr Hörlimann, der mich tags darauf bat, in seine Wohnung zu treten, um bei Kaffee und Kuchen ein Gespräch unter vier Augen zu führen, bedauerte den entsetzlichen Vorfall, wie er den Überfall von Frau Niederbach nannte. Er wäre mir gerne zur Hilfe geeilt, doch sei er, so leid es ihm tue, ein ängstlicher Mensch. Frau Niederbach, meinte er, sollten wir jedoch mit Nachsicht begegnen. Sicherlich habe sie bloß die Nerven verloren. Es täten sich nämlich sonderbare Dinge im Haus. So habe er wieder Musik spielen hören.

Er wies mit dem Daumen nach oben: »In der zweiten Etage, wo Frau Fröhlich ... sehr richtig, wo die Firma Hades … genau, verehrter Herr Schmitz. Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein und dieses Edelweißlied, das Frau Fröhlich so gern … Wahrscheinlich geht sie als Geist um. Aber greifen Sie zu! ­Nusskuchen. Von meiner Schwester gebacken.«

Herr Hörlimann hatte sich mit Geschmack eingerichtet. Auf einem orientalischen Teppich ein Beistelltischchen mit gedrechselten Beinen. Ergänzend ein gediegenes Sofa, eine bleiverglaste Biedermeiervitrine und im Bücherregal ledergebundene Bücher. Das Silberlöffelchen, mit dem ich in der Kaffeetasse rührte, zierte ein Krönchen. Alles in allem: ein bewundernswertes Ensemble. Störend wirkte nur der faule Geruch und der Schimmel, welcher schwarz an den Wänden emporwuchs. Dazu das ständige Knarzen und Knarren. Doch geknarzt und geknarrt hatte es seit jeher im Haus. In meinen vier Wänden knarzt und knarrt es unaufhörlich. Daran gewöhnt man sich mit den Jahren. Allerdings erliegt man gelegentlich einer akustischen Täuschung. Herrn Hörlimann schien es so ergangen zu sein, als er die Musik spielen hörte.

»Frau Fröhlich ist tot, mausetot, Herr Hörlimann«, wandte ich mich gegen seine Vermutung, sie habe diese Lieder zum Klingen gebracht. »Ich habe sie mit hochgebundenem Kinn im Sarg liegen sehen. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass es spukt! Frau Fröhlich als Geist? Sie sind doch ein aufgeklärter Mann, Herr Hörlimann. Wie ich sehe, stehen neben den Werken von Goethe und Schiller auch die Werke von Immanuel Kant im Regal.«

Herr Hörlimann musste lachen. Ein Scherz sei das gewesen. Geister gäbe es nicht, nein, nein, nein, nein. Geister seien Nebelgebilde, Ausgeburten kranker Gehirne. Und Aberglauben verabscheue er. Auf seinem Panier stünde in großen Lettern: Vernunft. Um ein Phänomen zu erklären, müsse man sich an die natürlichen Ursachen halten. Deshalb habe er ebenfalls an eine akustische Täuschung gedacht, als die Lieder erklangen. Und sogleich, jawohl, sogleich sei er die Treppe hoch zur Wohnung der verstorbenen Frau Fröhlich gestürmt und habe an der Türe gehorcht.

»Und?«

»Ich konnte sogar das Kratzen der Schallplatte hören.«

»Also doch,...«

»Aber Herr Schmitz!« sagte er. »Sie glauben doch nicht …«

In diesem Moment setzte die Musik wieder ein. Paukenschläge, so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Und dazwischen der Chor: Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, bommbommbomm, und das heißt, bommbommbomm, Ääärika. Herr Hörlimann wies wieder nach oben und fragte: »Akustische Täuschung, Herr Schmitz?« Dann entnahm er der Vitrine einen vorsintflutlichen Schussapparat, eine Steinschlosspistole, und lud sie mit Pulver und Blei. Entschlossen, die natürlichen Ursachen des Phänomens zu ergründen, stiegen wir die Treppe hinauf.

Ludwig Lugmeier, geboren 1949 in Kochel am See in Oberbayern, lebt seit 1996 als freier Autor in Berlin. Veröffentlichte Romane, Gedichte, Erzählungen, Rundfunkfeatures, Reportagen und Essays, zuletzt 2017 »Die Leben des Käpt’n Bilbo. Faktenroman« (Verbrecher-Verlag). Am Mittwoch feierte er seinen 70. Geburtstag – wir gratulieren unserem Autoren von ganzem Herzen.

An dieser Stelle erschien von ihm zuletzt in der Ausgabe vom 23./24. Februar die Geschichte »Mimmi«.

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