Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 03.08.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Ausbeutung in Spanien

Saure Beeren aus Huelva

Im Süden Spaniens werden Migranten in der Landwirtschaft ausgebeutet. Aktivisten machen darauf aufmerksam
Von Carmela Negrete
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Die Flucht über das Meer haben sie überstanden, doch in Motril blicken sie in eine ungewisse Zukunft

Seit drei Jahren treffen sich Aktivisten aus ganz Spanien zur »Karawane für offene Grenzen« (Caravana Abriendo Fronteras), um gegen die Abschottungspolitik der Europäischen Union und gegen die Ausbeutung von Migranten zu protestieren. 2017 waren sie dazu nach Italien gereist, im vergangenen Jahr versammelten sie sich am Grenzzaun in Ceuta, der spanischen Exklave in Nordafrika. Nun setzten sie ihren Protest entlang der spanischen Südgrenze fort. Die Tour begann in der Hafenstadt Motril in der Provinz Granada am Mittelmeer, wo viele Flüchtlinge mit ihren Schlauchbooten ankommen. Die Teilnehmer waren in Tarifa und erneut in Ceuta, wo sie vor den Internierungslagern demonstrierten, in denen Migranten ohne gültige Papiere festgehalten werden. Die letzte Etappe führte in die Provinz Huelva, um auf die Ausbeutung von Einwanderern auf den landwirtschaftlichen Plantagen aufmerksam zu machen.

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Demonstration in Huelva für die Einhaltung der Tarifverträge. Links im Bild: José Antonio Brazo Regalado von der Gewerkschaft SAT

So müssen sich in der kleinen Gemeinde Lepe Mi­granten als Tagelöhner in den Gewächshäusern verdingen, um Blaubeeren und Erdbeeren anzupflanzen. Sie selbst müssen seit Jahren in einem riesigen Hüttendorf leben. Der 28jährige Abou aus Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) ist einer von ihnen. Er ließ seine Frau und seinen neunjährigen Sohn zurück, hat sie seit acht Jahren nicht mehr gesehen. Abou arbeitet als Blaubeerpflücker in Lepe und haust seit fünf Jahren in einer Hütte ohne Wasser und Strom. Vorher hatte er sich drei Jahre in Marokko auf dem Berg Gourougou durchgeschlagen und von Abfall ernähren müssen. In Melilla, der zweiten spanischen Exklave, kletterte er auf den Grenzzaun, wurde von der Polizei verprügelt, allerdings – im Unterschied zu anderen Leidensgefährten – nicht nach Marokko zurückgeschickt. Doch bis heute hat er keine gültigen Aufenthaltspapiere bekommen: »Das Problem ist der auch rechtliche Rassismus in Spanien«, sagt er.

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Im Slum von Lepe versteht man, was Ausgrenzung bedeutet

Rechts von ihm sitzt Busmane Faye aus Senegal, der seit sechs Monaten in den Hütten lebt. Er hat hier Orangen gepflückt, aber nun ist die Saison zu Ende, und er wird nach Albacete gehen, um dort Zwiebeln und Knoblauch zu ernten. Andere wollen sich nicht äußern und auch nicht fotografiert werden. Die Familien in der Heimat sollen nichts von ihrem Schicksal erfahren.

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Abou (links im Bild) hat seine Familie seit acht Jahren nicht mehr gesehen

Von außen sehen die Hütten des Lagers in Lepe aus wie Haufen von Baumaterial. Während in anderen Ortschaften nur einige wenige solche Baracken entstanden sind, gibt es in Lepe Dutzende von ihnen. Auf den Wegen zwischen den Hütten versteht man, was es heißt, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Doch solche Slums gibt es nicht mehr nur an den Gemüsefeldern von Huelva oder Almería, sondern auch in Madrid und anderen Großstädten. Dort leben vor allem Angehörige der Minderheit der Roma, zum Beispiel seit mehr als drei Jahrzehnten in El Vacie bei Sevilla. Selbst für die linken Parteien Spaniens ist das selten ein Thema, schon gar nicht in den Wahlkämpfen. Oft gibt es Vorurteile gegenüber den Bewohnern. Diese wollten so leben und betrieben illegale Geschäfte wie Drogenhandel, heißt es dann.

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Sicherheit gibt es nicht: Oft brechen in der Hüttensiedlung Brände aus. Dann verlieren die Arbeiter ihre letzte Habe

Bei der Erdbeerernte in Huelva werden vor allem Frauen beschäftigt. Die Unternehmer rechtfertigen das damit, dass die Früchte empfindlich seien und deshalb von »zarten Händen« gepflückt werden müssten. Die Arbeiterinnen werden auf Grundlage eines Abkommens zwischen Madrid und Rabat in Marokko für die Saison angeheuert. Ausgewählt werden gezielt Frauen, die Familie haben, damit sie auch wirklich nur für die Zeit der Saison nach Huelva kommen. Sie werden oft Opfer von Misshandlungen, berichtet José Antonio Brazo Regalado, Verantwortlicher der andalusische Landarbeitergewerkschaft SAT in Huelva. Zudem brächten die Unternehmer die Arbeiterinnen und Arbeiter systematisch um ihren Lohn, weil diese oft nicht lesen und schreiben können.

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Die marokkanischen Arbeiterinnen Hanaa Orori (l.) und Soumia El Garrab (r.) kämpfen gegen die miserablen Arbeitsbedingungen

Zwei der Arbeiterinnen aus Marokko, die seit Jahren immer wieder nach Lepe kommen, sind Hanaa Orori und Soumia El Garrab. Sie gehören zu denen, die sich gegen die Bedingungen wehren, unter denen sie arbeiten müssen. Sie mussten krank arbeiten, in Wohncontainern auf den Feldern hausen, weit entfernt von den Dörfern. Schikane und Belästigungen gehören zum Alltag, vor einiger Zeit lösten Berichte über Vergewaltigungen auf den Erdbeerfeldern einen über die Grenzen Spaniens hinausreichenden Skandal aus.

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