Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 19. August 2019, Nr. 191
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Aus: Ausgabe vom 03.08.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Liebe zur Bombe

Von Arnold Schölzel
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Im Interview mit der Welt (Freitagausgabe) meint der deutsche, in Großbritannien lehrende Politikwissenschaftler Maximilian Terhalle, Deutschland sehe »nicht einmal die Gefahr« einer atomaren Eskalation, die sich aus dem Ende des INF-Vertrages über das Verbot landgestützter Atomraketen ergeben könnte: »Damit werden nukleare Mittelstreckenraketen wieder gebaut werden.« Seiner Sicht der Dinge entsprach auch die Widerspiegelung dieses vom Westen und speziell von den USA verursachten Desasters in den deutschen überregionalen Zeitungen. Die Devise hieß: Tiefer hängen, Kommentare vermeiden, Kleinklein erzählen und immer fragen, ob Moskau oder Washington den Vertrag zuerst verletzt haben. In ARD- und ZDF-Nachrichten: Gefahren gibt es allein im Wald und durch Migranten. Der AfD muss geholfen werden. Jenseits der deutschen Grenzen wird anders geschrieben. Der Wiener Standard zitiert z. B. am Freitag UN-Generalsekretär António Guterres, der im Februar, kurz nach Kündigung des INF-Vertrages durch die USA, in Genf vor der Abrüstungskonferenz erklärt habe: »Die Nationen müssen abrüsten, oder sie gehen unter.« Es drohe ein Kollaps der Abkommen zur Verhinderung eines Atomkriegs.

So etwas wird in der Bundesrepublik kaum zitiert. Terhalle kennt auch die Ursache: »Das ist Angela Merkels Vermächtnis. Sie hat die Sicherheitspolitik mit Blick auf China, Russland und die USA ganz bewusst nicht zum Thema öffentlicher Debatten werden lassen.« Zwar habe sie »die Bundeswehr da und dort engagiert«, aber kein strategisches Problembewusstsein zugelassen. Terhalle scheint da etwas persönlich zu nehmen. Er regte öfter deutsche Atomwaffen an, offenbar noch ohne Erfolg. Also wiederholt er: Wenn Trump Präsident bleibt, wenn es zum Krieg zwischen den USA und China kommt und wenn parallel Russland »uns« angreift: »Eine deutsche Atombombe wäre sicher nur Ultima ratio. Aber gemeinsame EU-Atomwaffen werden eine Option sein.« Angesichts des »Wenn«-Stapels fällt selbst Springers Welt ein, warum in der Bundesrepublik nicht so laut über Atomwaffen geredet werden sollte: »Eine solche Option wäre doch in der deutschen Bevölkerung niemals mehrheitsfähig«. Da weiß auch Terhalle wieder, wer seine Liebe zur deutschen Bombe in Wahrheit durchkreuzt: »Im Moment ist das Gespür für strategische Bedrohungen in der deutschen Bevölkerung stark erodiert.« Man müsse in ihr das Bewusstsein wecken, »dass Demokratie und Freiheit stark bedroht sind«. Und er hat auch schon einen, der das hinbekommt: »Friedrich Merz denkt an dieser Stelle sicher anders als Frau Merkel«. Und vielleicht auch Annegret Kramp-Karrenbauer. Strahlende Hoffnungen. Besser wäre, Terhalle suchte sich eine neue Bevölkerung.

Aber er hat recht: Die deutsche Presse ist bei Atomraketen kuschelig. Also schreiben die Hartgesottenen z. B. in der Neuen Zürcher Zeitung, so am Mittwoch Joachim Krause, Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Schlagzeile: »Der INF-Vertrag hat sich überlebt«. Das Problem, das er lösen sollte, habe sich »im Wege der Beendigung des Ost-West-Konflikts erledigt«. Neuer Kalter Krieg gegen Russland? Nein, meint Krause: »Das Hauptproblem europäischer Sicherheit besteht heute darin, dass Russland erneut damit beginnt, regionale Offensivstrategien zu entwickeln und diese durch Mittelstreckenraketen zu flankieren«.

So ist wieder einmal alles klar auf der atomaren Andrea Doria: Die einen zertrümmern einen Abrüstungsvertrag nach dem anderen, rüsten beispiellos auf und zerstören durch »Da und dort«-Kriege ganze Weltregionen wegen »unserer« Rohstoff- und Handelsinteressen, verursachen Elend und millionenfache Flucht. Unverändert bleibt: Der Russe ist schuld.

So ist wieder einmal alles klar auf der atomaren Andrea Doria: Die einen zertrümmern einen Abrüstungsvertrag nach dem anderen, rüsten beispiellos auf und zerstören durch »Da und dort«-Kriege ganze Weltregionen wegen »unserer« Rohstoff- und Handelsinteressen, verursachen Elend und millionenfache Flucht. Unverändert bleibt: Der Russe ist schuld.

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