Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 03.08.2019, Seite 5 / Inland
»Moritzburger Erklärung«

Kapitalismus frisst Wald

Klimawandel: Forstminister der Länder fordern eine Milliarde für die Rettung sterbender Ökosysteme. Krisengipfel im September
Von Susan Bonath
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Mittlerweile will auch die CDU die natürlichen Lebensgrundlagen vor dem Kollaps bewahren (Ohrdruf in Thüringen, 15.8.2007)

Geplünderte Ressourcen, zerstörte Umwelt: Der auf Profitmaximierung basierende Kapitalismus hinterlässt seine ökologischen Spuren. Das sichtbare Waldsterben hat nun auch die CDU auf den Plan gerufen. Die Landesforstminister der Union wollen Deutschlands Wälder »vor dem Kollaps bewahren«. Mit ihrer am Donnerstag beschlossenen »Moritzburger Erklärung« fordern sie dafür vom Bund in den nächsten vier Jahren 800 Millionen Euro »für akute und langfristige Maßnahmen zum Erhalt des Waldes«. Die Länder sollen diese Summe dann auf mehr als eine Milliarde Euro aufstocken. Darauf haben sie sich bei dem Treffen im sächsischen Moritzburg mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) verständigt. Klöckner hat für September einen nationalen Krisengipfel einberufen.

Der Deutsche Forstverein begrüßte am Freitag die Pläne für den Waldgipfel. Die Wälder in der Bundesrepublik seien in einem katastrophalen Zustand, sagte dessen Geschäftsführerin Alexandra Arnold gegenüber dem Deutschlandfunk. »Es ist kein Alarmismus, wenn man von einem Waldsterben 2.0 spricht«, betonte sie. In den 1980er Jahren seien Schwefeleinträge das Problem gewesen. Dagegen habe man damals Filter in Kraftwerke einbauen können. »Der Klimawandel lässt sich aber nicht so schnell beheben.«

Zuvor hatte auch der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates (DfWR), Georg Schirmbeck, Alarm geschlagen. Am Donnerstag mahnte er in der Neuen Osnabrücker Zeitung: »Wir brauchen kein Waldpalaver, sondern konkrete Beschlüsse: Haushaltsmittel für das Räumen des Schadholzes, und zwar sofort.« Geschädigt seien die Bäume durch die Dürren 2018 und 2019, Hitze, Stürme und Schädlingsbefall. In weiten Teilen Deutschlands sei der Nadelholzmarkt zusammengebrochen, klagte Schirmbeck.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) begrüßte ebenfalls den geplanten Waldgipfel. Es sei gut, wenn die Minister die Notsituation erkennen, erklärte der Verband am Donnerstag. BUND-Vorsitzender Hubert Weiger warnte allerdings vor einem »Showgipfel«: »Was wir jetzt dringendst brauchen, sind konkrete und effektive Maßnahmen, um das Waldsterben 2.0 zu stoppen«, mahnte er. Dazu gehörten etwa ein Umbauprogramm hin zu naturnahen Laubmischwäldern sowie finanzielle Hilfen für private Forstwirte und Waldbesitzer. Beides zusammen werde etwa 1,5 Milliarden Euro kosten, so Weiger. Dies, betonte er, könne aber nur zusammen mit wirksamen Klimaschutzmaßnahmen gelingen. Darunter versteht er unter anderem den sofortigen Kohleausstieg und »eine Wende in der Agrarpolitik weg von industrieller Massentierhaltung und ausgeräumter Agrarlandschaft hin zu ökologischer Landwirtschaft«.

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald hatte in dieser Woche erklärt, dass seit dem Dürrejahr 2018 bereits 120.000 Hektar Wald in Deutschland abgestorben seien. Das wäre gut ein Prozent der gesamten Waldfläche. Besonders dramatisch ist die Situation im Norden und Osten Deutschlands. Thüringenforst meldete 1.300 Hektar tote Fichten und 14.200 Hektar verdurstete Buchen, insgesamt drei Prozent der gesamten Waldfläche. Der sächsische Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) sprach sogar von 100.000 Hektar zerstörtem Wald allein in seinem Bundesland, das wäre ein Fünftel des Bestandes.

Der Naturschutzbund (Nabu) warnte explizit vor einer akuten ökologischen Katastrophe in Sachsen-Anhalt. Dort war es laut Deutschem Wetterdienst (DWD) 2018 und 2019 am trockensten, weniger als 30 Liter Regen pro Quadratmeter fielen im Juli. Im bundesweiten Mittel beträgt die Niederschlagsmenge zu dieser Jahreszeit 78 Liter pro Quadratmeter. Bereits im Juni hatten Bauern an der Mittelelbe mit der Noternte begonnen und massive Einbußen beklagt. Am Mittwoch betrug der Wasserstand des Flusses in Magdeburg gerade noch 45 Zentimeter. DWD-Sprecher Andreas Friedrich mahnte: »In einigen Orten fiel lediglich ein Viertel oder Fünftel des Regensolls.« Vielerorts habe die Dürre katastrophale Ausmaße angenommen.

Die Linke forderte bereits Ende Juni in einem Strategiepapier, man müsse »das Klima, nicht den Kapitalismus retten«. Denn dies sei, so heißt es darin, zugleich Sozial- und Friedenspolitik. Nur konsequente Klimapolitik könne neue Ungerechtigkeiten vermeiden, die zuerst den Schwächsten die Lebensgrundlagen raubten und sie zur Flucht zwängen.

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