Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 01.08.2019, Seite 15 / Medien
Unverzichtbar

Stimme des Widerstands

Rundfunkgeschichte(n): Vom FARC-Sender zum lokalen Friedensradio
Von André Scheer
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Senden aus dem Dschungel: FARC-Kämpfer im »Rundfunkstudio« (undatierte Aufnahme)

Die FARC-Guerilla in Kolumbien kämpfte nicht nur mit der Waffe in der Hand. Auch im Radio waren die Aufständischen aktiv. Im Laufe von rund 25 Jahren bauten die Revolutionären Streitkräfte ein nahezu landesweites Netz von Rundfunkstationen auf, die als Cadena Radial Bolivariana – Voz de la Resistencia (CRB, Bolivarisches Rundfunknetz, Stimme des Widerstands) berichteten.

Obwohl die FARC bereits Mitte der 1960er Jahre entstanden, betrieben sie lange keinen eigenen Sender. Erst 1991, nach den bitteren Erfahrungen des in den 1980er Jahren gescheiterten Friedensprozesses, als Tausende Mitglieder der als legale Partei gegründeten Unión Patriótica ermordet worden waren, entschieden sich die FARC, ihre Positionen offensiver als bisher zu verbreiten.

So ging in der Sierra Nevada im Norden Kolumbiens zum ersten Mal die Voz de la Resistencia als Stimme der 19. Front auf Sendung. Wie sich Comandante Solis Almeida im Mai 2017 gegenüber dem Internetportal Verdad Abierta erinnerte, wurde die erste Testsendung von einem Lager der Guerilleros aus gefunkt. Begeistert bestätigte der Comandante Simón Trinidad den Empfang – das Signal hatte er in der Küche des Lagers empfangen. Doch bald machte sich Enttäuschung breit, wie Almeida schmunzelnd berichtete: Bei der ersten Anlage soll es sich um ein Walkie-talkie gehandelt haben, das zwar für die Kommunikation über weite Entfernungen ausgelegt, für Rundfunksendungen aber gänzlich ungeeignet war.

Der erste richtige Sender (15 Watt) wog 48 Kilogramm – eine Herausforderung für die Aufständischen, denn das Gerät musste bei jedem Standortwechsel mitgeschleppt werden. Trotzdem waren die FARC zumindest im Operationsgebiet ihres »Bloque Caribe« an der Karibikküste regelmäßig zu hören. Später wurde eine 250 Watt starke Anlage angeschafft. Die Sendungen bestanden aus Kommuniqués des Oberkommandos, politischen und satirischen Programmen und Musik verschiedener Gruppen, die sich aus den Reihen der Guerilleros gebildet hatten. Gesendet wurde nicht nur auf Spanisch, sondern auch in den Sprachen indigener Gemeinden, etwa der Wayuu, der Kakuamos, Arhuacos oder Yupkas.

Ende 2016 unterzeichneten FARC und Regierung einen Friedensvertrag. In ihm wurde festgelegt, die Guerillaorganisation zu einer legalen Partei umzuwandeln. Im März 2017 strahlte die Cadena Radial Bolivariana ihre letzten Sendungen aus. Vereinbart worden war mit der Regierung, an ihrer Stelle bis zu 30 lokale Stationen einzurichten, um den Friedensprozess zu unterstützen. Doch zwei Jahre später gab es diese noch immer nicht. Erst im Juni gingen die ersten beiden »Friedensradios« in Betrieb.

Im Departamento Tolima sendet nun Chaparral 103.5 FM zunächst vier Stunden täglich. In der übrigen Zeit übernimmt man das Programm des staatlichen Radio Nacional de Colombia. Der Chef des Friedenssenders, Manuel Bolívar, hat früher Nachrichtenvideos der FARC produziert. Im Gespräch mit dem kolumbianischen Alternativsender Contagio Radio zeigte er sich optimistisch, die Sendezeiten bald ausdehnen zu können. Auch der Schwestersender Ituango 92.3 FM, der Anfang Juli in Antioquia auf Sendung ging, plant ein 24-Stunden-Programm.

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