Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 01.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Hongkong vs. Hongkong

Proteste sorgen für Wirtschaftseinbruch
Von Sebastian Carlens
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Unter feindlicher Flagge: Prowestliche Demonstranten vor der Kwai-Chung-Polizeistation in Hongkong, 30. Juli 2019

Während Randalierer in Hongkong auch am Mittwoch gewalttätig gegen die Polizei vorgegangen sind, droht der Metropole eine weitere Gefahr – eine, die Stadt und Einwohner sehr empfindlich trifft: Das Bruttoinlandsprodukt der Sonderverwaltungszone ist im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent gesunken, wie am Mittwoch aus Regierungsdaten hervorging. Zwar ist das noch ein Jahreswachstum von 0,6 Prozent, doch liegt dies deutlich unter den Erwartungen: Eigentlich sollte die Wirtschaftskraft im Jahresvergleich um 1,6 Prozent steigen. In einer Stadt, die über keine regulären sozialen Sicherungssysteme verfügt, hat dies direkte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und damit die ökonomische Lage der Menschen.

Die Stadtregierung begründet den Einbruch mit »gedämpftem Welthandel« und »weniger Investitionen«. Sicherlich, der von den USA vom Zaun gebrochene Handelskrieg trifft auch Hongkong. Gravierender dürften aber die Einbußen sein, die durch die seit Wochen anhaltenden Demonstrationen entstehen. Der innerchinesische Tourismus, ein wichtiger Umsatzbringer, ist drastisch zurückgegangen; Singapur, Japan und Großbritannien haben bereits Reisewarnungen ausgegeben. Seit gewalttätige Proteste auf die Handelsdistrikte übergegriffen haben, bangen etliche Hongkonger um ihre Jobs. Der größte Handelsverband erklärte, es sei im Juli und August mit einem Umsatzrückgang im zweistelligen Bereich zu rechnen.

Dabei sind die Hintergründe der aktuellen Auseinandersetzungen sowieso sozialer Natur: Die einstige Kronkolonie hat bereits in den 80er Jahren, vor der Rückkehr zu China, eine Deindustrialisierung wie die damalige Kolonialmacht Großbritannien durchgemacht. Heute lebt die Stadt vom Handel, zehrt aber auch von einer gigantischen Immobilienblase. Die durchaus vorhandenen Möglichkeiten, aus der einmaligen Stellung im chinesischen Wirtschaftsgefüge Nutzen zu ziehen, scheinen dabei sehenden Auges verpasst zu werden: Sei es, dass die Volksrepublik eine Schnellzuganbindung baut, sei es, dass eine Brücke eine neue Verbindung im Perlflussdelta schaffen soll – in Hongkong wird gegen alles protestiert. Irgendeinen Plan haben die Demonstranten offenkundig nicht. Sonst würden sie nicht für eine Rückkehr in koloniale Knechtschaft, sondern beispielsweise für Sozialversicherungen kämpfen.

Das ist das wahre Dilemma: Eine Minderheit lässt sich von prowestlichen Kräften aufpeitschen, ihren Honig ziehen die radikalen Anstifter dabei aus den Zukunftsängsten der Menschen. Erst durch die gewalttätigen Eskalationen werden diese allerdings real – ein Drama, das der deutschen bürgerlichen Presse keine Erwähnung wert ist. Die Hongkong-Bürger, sie sind die Bauernopfer in einem geopolitischen Spiel gegen die Volksrepublik. Das ist dem Westen natürlich vollkommen egal. Doch darum sollte man, bei allem wohlfeilen Gerede der hiesigen Medien über »Demokratie«, wissen.

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