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Aus: Ausgabe vom 31.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Festival

»Stardust we are«

Hüpfende Hippieherzen: Eindrücke vom Burg-Herzberg-Festival
Von Thomas Behlert
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Wenn die Blaskapelle House spielt: Meute aus Hamburg

Wieder hatte es uns gepackt: Wir alten Männer, nebst dem Neffen, fuhren Richtung Hessenland, um den letzten Hippies beizustehen, ihnen bei der Steigerung des Bierkonsums zu helfen, Felder mit Zelten vollzustellen, Staub zu fressen und die Gesundheit durchs Einatmen lebenswichtiger Kräuter zu erhalten.

Am Fuße der ehrfürchtigen Burg Herzberg sangen und musizierten vom 25. bis 28. Juli zum 51. Mal Kapellen unterschiedlicher Art gar herrlich. Kaum bogen wir in die Straße der Erleuchtung ein, die uns direkt in den musikalischen Himmel führen sollte, überholten uns zwei splitterfasernackte Radfahrer. »Mögen sie auf Satteln sitzen«, dachten wir einen Moment, dann riefen wir mit noch ausgetrockneten Kehlen das Motto des Wochenendes: »Stardust we are.«

Die »Familie« hatte uns wieder. An vier Tagen begegneten wir Menschen, die keine Anzüge trugen, ihr Handy irgendwo abgelegt hatten, da der Empfang sowieso nicht funktionierte. Rechten Fettfressen begegneten wir nicht. Überall Rastalocken, lange graue Haare, Bärte, die den dünnen Hals bedeckten, offen hängende Brüste und wunderbar schwangere Frauen, die nie einen Helikopter besteigen werden.

Herzberg, ein Name, den die außergewöhnliche Musikerin Sophie Hunger im Reich der Legenden vermutete, so schön kann die Wirklichkeit ja nicht heißen. Als legendär stuften wir das Konzert der Schweizerin ein, sie präsentierte eine sehr wohltuende Mischung aus Electro-Beats, zärtlichen Gesängen auf Deutsch, Französisch und fast nicht zu erkennendem Schwyzerdütsch, ausuferndem Indierock, Tango, Jazz und Blues. »Main Stage«, »Freak Stage« und »Mental Stage« hießen die Bühnen, gespielt wurde Garagenrock, verwirrender Krautrock von jungen, spielwütigen Musikern, Psychedelic- und Folkrock, der manch Hippieherz erweichte und Tränen der Freude aus den benebelten Augen trieb. Uns Ossis an den Rand des Wahnsinns brachten Polis aus dem Vogtland: Junge Musiker erinnern mit alten Instrumenten (Hammond B-3) und ausufernden Soli an Zeiten des Ostrocks, an Stern Combo Meißen, die frühen Silly und Electra. Ein berauschendes Erlebnis.

Nachgereicht ein Gruß an die Brigaden der Toilettenreinigung, die bei großer Hitze und Regen (am Sonntag) mit riesigen Saugrohren und großartigen Desinfektionssprühern für Sauberkeit sorgten, keine Gerüche aufkommen ließen und das hygienisch sensible Publikum zufrieden stellten.

Vor allem das Außergewöhnliche wurde auf den Bühnen des Festivals gefeiert. Das Golden Dawn Arkestra aus Austin in Texas wirbelte den Musikgeschmack durcheinander. Wie einstmals Sly & The Family Stone oder der Zauberkünstler Sun Ra verarbeiteten zwei lustig tanzende Sängerinnen und ein als Inka verkleideter Guru den goldenen Beat der 70er mit Funk, vielen Bläsern und Discorhythmen zu einem großen Ganzen, das die Zuschauer zu ekstatischen Zuckungen verleitete. Ähnliches passierte noch einmal am Samstag, als Meute mit Bassdrum, Snare, Marimba, Sousafon, Saxophon und Posaune das bisher Gehörte umstülpte und ganz ohne elektronischen Schnickschnack die warme Luft am Rande der Burg noch heißer werden ließ. Doch bevor es soweit war, zogen wie jedes Jahr zum »Murmeltiertag« hunderte Gitarrenschüler an die »Freak Stage«, um bei Peter Bursch neue Griffe zu lernen. Am Ende reichte es natürlich nur, um vor dem Zelt »Smoke on the Water« oder Songs vom frühen Dylan zu schrubbeln.

An allen wunderbaren Tagen erklang viel Neues und Bekanntes: Daniel Norgren zupfte die Gitarre zum Verlieben, Mamadou Diabaté zelebrierten kraftvolle afrikanische Klänge, UFO machten den meisten Krach, Chris Robinson Brotherhood spielten gut abgehangenen US-amerikanischen Rock, Graham Nash Songs aus allen Epochen seiner Karriere und die Polen Riverside kreativen und eindringlichen Prog-Rock. Ein wahrhaft sternenschönes Festival!

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