Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Oktober 2019, Nr. 243
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.07.2019, Seite 12 / Thema
Politische Ökonomie

Die Kunst, sich selbst zu täuschen

Vorabdruck. Zu den Mythen und Irrtümern der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften
Von Klaus Müller
91405487.jpg
»Die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers« – Kurt Tucholsky (Caravaggio: Die Falschspieler, 1596, Öl auf Leinwand, 94,2 x 130,9 cm)

In den kommenden Tagen erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag von Klaus Müller der Band »Auf Abwegen. Von der Kunst der Ökonomen, sich selbst zu täuschen«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor einen Auszug aus dem ersten Kapitel. (jW)

Meine Schulfreunde von einst glauben, die heute lebenden Alten, also sie selbst, sähen jünger aus, als die Alten in unserer Kindheit ausgesehen hatten. Täuschen sie sich bewusst selbst, um sich zu gefallen? Kann es nicht sein, dass die Kinder von heute uns Alte genauso sehen, wie wir als Kinder die Alten damals sahen? Als ich klein war, zeigte mir Oma ein Foto des Großvaters, der früh, vor meiner Geburt, gestorben war. Ich sah einen alten Mann auf dem Bild, einen, wie mir schien, sehr alten. Heute sehe ich auf dem Bild, das eingerahmt im Arbeitszimmer hängt, einen Burschen, der es fertigbringt, Tag für Tag jünger zu werden. Eine Selbsttäuschung. Opa auf dem Foto kommt mir im Laufe der Zeit immer jünger vor, weil ich älter werde.

Die Relativität des Alters: Wir waren 17 Jahre alt, unser Deutschlehrer Mitte 30. Er schien uns uralt. Er erzählte uns, dass sich Goethe 1821 in Marienbad in die 17jährige Ulrike von Levetzow verliebt hatte. Wir waren uns einig: Der Dichter musste verrückt gewesen sein, mit 72 Jahren, mehr als doppelt so alt wie unser »uralter« Lehrer, einem Mädchen, gerade so jung wie wir, einen Heiratsantrag zu machen und sich einzubilden, die Blutjunge könne ihn, den Greis, lieben. Diese Geschichte habe ich später meinen Studenten erzählt. Und hinzugefügt: »Heute, da ich so alt bin, wie Goethe damals gewesen war, halte ich sein Werben um die Levetzow noch immer für bescheuert.« Um nach einer kurzen Pause zu ergänzen: »Aber ich kann es jetzt immerhin verstehen«. Das war ein bisschen geflunkert, der Pointe und der zu erwartenden Heiterkeit wegen. Natürlich verstehe ich auch heute nicht, wie der Alte ein Mädchen zur Frau begehren kann, das locker seine Enkelin sein könnte.

Selbsttäuschungen begleiten unser Leben. Wer kennt es nicht: Der Zug hält auf dem Bahnhof. Man blickt durchs Fenster und glaubt, nach einer Weile loszufahren. Dabei ist es der Zug auf dem Nebengleis, der sich in Bewegung setzt. Oder man denkt, der Nachbarzug setzt sich Bewegung, dabei steht er und wir fahren. Die Beispiele zeigen zweierlei: Wahrnehmungen können täuschen. Und was wir sehen, ist relativ, hängt ab von der eigenen Lage und Befindlichkeit. Wer gern Rotwein trinkt, glaubt der Nachricht, dass dies dem Herzen guttue, auch wenn das Gutachten des »Gesundheitsexperten« in Auftrag gegeben und bezahlt wurde von der Getränkeindustrie. Menschen halten für wahr, was sie sich wünschen. Sie wollen bestätigt bekommen, was sie glauben, um sicherzugehen. Und kriegen sie bestätigt, was sie glauben, wird aus dem Glauben Gewissheit.

Mit Wahrheit hat sie noch längst nichts zu tun. Die Werbeindustrie beutet die Bereitwilligkeit der Leute, sich manipulieren zu lassen, erbarmungslos aus. Marketinglehrer liefern praktische Tips und Tricks und helfen, wissenschaftlich verbrämt, die Bereitwilligen hinters Licht zu führen. Immer wieder finden sich Teilnehmer zu sogenannten Kaffeefahrten, obgleich bekannt ist, dass sie dort gegen ein Gratiskaffeegedeck oder Mittagessen irgendwelches Konsumgerümpel für unverschämt überhöhte Preise kaufen sollen. Und dies unter psychischem Druck. Fülle den gleichen Wein in fünf Gläser, etikettiere jedes Glas mit je anderem Namen und Preis. Die Mehrzahl der Verkoster wird behaupten, der teuerste Rebensaft habe am besten geschmeckt. Befragungen haben mehrfach bestätigt: Je höher der Preis, für um so wertvoller wird das Gut gehalten. Das mag manchmal stimmen, oft aber täuschen sich die Leute, indem sie sich einreden, etwas sei so, wie es nicht ist.

Was ist Nationalökonomie?

Was ist Nationalökonomie? Sie erkläre den Leuten, so Kurt Tucholsky, »die sich wunderten, warum sie kein Geld haben, weshalb dies so sei«. Und opfert die Wahrheit der Pointe, indem er ergänzt: Die Nationalökonomie hat »die Frage völlig gelöst: die Leute haben zwar immer noch kein Geld, wissen aber wenigstens, warum«¹. Tatsächlich zeigt ein Überblick über die volkswirtschaftliche Literatur, wie eine Wissenschaft selbst einfache Fragen nicht beantworten kann und in erster Linie um ihr Selbstverständnis ringt. Man fragt sich, ob die ökonomische Theorie eine exakte Wissenschaft oder reine Auslegungssache ist. Pseudolehre gar, ein Sammelsurium von Glaubenssätzen? Sie ist von allem etwas. Fix und fertige Antworten sucht man vergeblich. Wohin man blickt: die Begriffe unterschiedlich, die Modelle einseitig, die Standpunkte unverrückbar und verbreitet der Verzicht darauf, das Wesen in den Erscheinungen zu suchen. Auf die ökonomische Lehre trifft zu, was Sokrates von sich gesagt haben soll: »Ich weiß, dass ich nicht weiß.« Selbst wenn sie einmal recht haben, irren Ökonomen – was durchaus kein logischer Widerspruch ist. Ihre Theorien haben mit der Realität wenig zu tun. Sie sehen, was sie sehen wollen. Sie wollen sehen, was ihnen gefällt. Ihnen gefällt, was in ihr Weltbild passt. Wer ihre Lehren studiert, stößt auf viel Widersprüchliches und Paradoxes.

Die Geschichte der ökonomischen Theorie ist vor allem eine Häufung von Selbsttäuschungen. Ich kenne keinen Kollegen, der durch seine wissenschaftliche Arbeit versuchen würde, andere zu täuschen, aber viele, die Meister darin sind, sich selbst hinters Licht zu führen. Der US-amerikanische Ökonom John K. Galbraith nannte das den »unschuldigen Betrug«². Viele Aussagen der Wirtschaftswissenschaften sind mystisch und paradox. Es gibt viele Gewissheiten und wenige Wahrheiten. Dabei glaubt jeder, mitreden zu können: Ökonomie heiße, Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Mehr zu wissen, sei unnötig. Selbst aus einem Papagei könne man einen gelehrten Nationalökonomen machen. Er muss nur die beiden Worte Angebot und Nachfrage kennen, soll der englische Historiker Thomas Carlyle (1795–1881) gesagt haben.

Aber so einfach ist es nicht. Wirtschaftswissenschaftler handelten sich den Vorwurf ein, ihnen mangele es an Exaktheit, worauf einige von ihnen mit einer überzogenen Mathematisierung ihrer Disziplin reagierten. Dem Außenstehenden präsentieren sie sich mathematisch glänzend und inhaltlich desaströs. Sie erwecken den Eindruck, als gäbe es keine gefestigten Erkenntnisse. Zu jeder These findet sich die Antithese. These und Antithese gehen nicht auf in der Synthese einer neuen Position, obgleich dies möglich wäre, orientierte das Denken nicht auf das Einzelne, sondern, wie es Karl Marx wollte, auf das Ganze. Die Ökonomie, die noch der letzte glaubt zu verstehen, erscheint den Gelehrten kurioserweise unbegreiflich. Das hat zu tun damit, dass die menschliche Gesellschaft das komplexeste System ist, das wir kennen. Rückkopplungen zwischen den Handelnden und den von ihnen beeinflussten Größen bestimmen ihre Dynamik. Die Wirtschaft ändert sich, weil Menschen handeln, hoffen und sich fürchten. »Solche Rückkopplungen sind in der Naturwissenschaft nicht bekannt.«³ Tatsächlich ist die Gesellschaft komplexer als die Natur, ihre Zustände mannigfaltiger und widersprüchlicher.

Die höhere Komplexität in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften – nicht gleichzusetzen mit einem höheren Grad an Kompliziertheit – ergibt sich daraus, dass hier Menschen agieren. Sie sind selbst hochkomplexe Geschöpfe, denken und tun heute dies und morgen das. Allenfalls kann man ihr durchschnittliches (Normal)verhalten simulieren und modellieren. Die Wirklichkeit erscheint den Ökonomen verworren, weil sie hochgradig komplex ist. Dabei sind konträre Meinungen normal. Und ohne Diskussion dessen, was strittig ist, kommt man nicht voran. Die Unterschiede erklären sich, von Missverständnissen und mangelndem Scharfblick abgesehen, aus gegensätzlichen Interessen und aus dem unbedingten Wille, recht zu haben. Wissenschaftler ticken so. Sie beharren auf ihrem Standpunkt. Getreu dem heldischen Prinzip: lieber glanzvoll scheitern als kläglich siegen. Ihre Meinung stirbt mit ihnen, es sei denn, ihre Schüler übernehmen sie. »Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.«⁴

Giordano Bruno wurde für die Erkenntnis, dass der Weltraum unendlich sei, mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bestraft. Heute müssen die Gelehrten, anders als im Mittelalter und der frühen Neuzeit, nicht mehr um Leib und Leben fürchten. Aber Ökonomen, die vom Mainstream ihres Faches abweichen, haben erhebliche Pro­bleme zu publizieren, werden ignoriert und sind faktisch ohne Chancen auf eine akademische Karriere. Menschen sind rechthaberisch. Ihre »angeborene Eitelkeit«, sagt Schopenhauer, »will nicht haben, dass, was wir zuerst aufgestellt, sich als falsch und das des Gegners als Recht ergebe«.⁵ Da jeder jeden überzeugen will, überzeugt am Ende keiner einen.

Streit unter bürgerlichen Ökonomen

Der Zoff zwischen »Keynesianern« und ihren neoliberal-monetaristischen Kontrahenten über die Zusammenhänge zwischen der Geldmenge und den Preisen, den Zinsen, der Beschäftigung und der Geldpolitik ist legendär. Neben Privatinteressen, Missverständnissen, Ehrgeiz und Missgunst gibt es zwei weitere Gründe dafür, dass die Realität verschieden interpretiert wird. Erstens hat das zersplitterte Denken, die Konkurrenz der Auffassungen über ökonomische Sachverhalte mit der Beschaffenheit der objektiven Realität zu tun. Die Wirkungs- und Variantenvielfalt ökonomischer Erscheinungen ist enorm. Sie ist quasi die »materielle Grundlage« für das zerfaserte Denken über sie. Die meisten Ökonomen versuchen nicht, die ökonomische Welt zu begreifen, wie sie existiert: komplex und ganzheitlich, in unaufhörlicher, wechselseitiger Beeinflussung aller ihrer Elemente, deren Zusammenspiel eine ungeheure Mannigfaltigkeit gegensätzlicher Erscheinungen entstehen, vergehen und wiederkommen lässt. Sie bevorzugen es, sich selbst zu täuschen. Sie neigen dazu, sich ihre Informationen so zu suchen und zu deuten, dass ihre Erwartungen und Interessen erfüllt werden. Ökonomen favorisieren spezifische Momente des Ganzen, ignorieren Fakten, die nicht zu ihrem Weltbild passen. Sie lassen nicht ab von ihren vorgefassten Ansichten, beharren auf ihrem Glauben, obwohl sie zumindest ahnen, dass sie sich irren könnten. Sie sind verliebt ins Detail, versteifen sich auf simple Ursache-Wirkungsbeziehungen, vertrauen blind Korrelationen. Das Gegenteil einer These schließen sie per se aus. Der Hang zu einfachen, monokausalen Erklärungen dominiert das Denken. Die Unfähigkeit, das Ganze als Gesamtheit sich gegenseitig bedingender, sich ausschließender und durchdringender Elemente und Seiten der Wirklichkeit zu verstehen, erklärt den desolaten Zustand der bürgerlichen Ökonomietheorie. Für die vernetzten Zusammenhänge der ökonomischen Wirklichkeit, für indirekte Wirkungen und Rückwirkungen interessiert sich kaum jemand.

Neben dem mangelnden Gefühl für die Komplexität des Ganzen wie des Einzelnen existiert ein zweiter Grund für die Zerrissenheit des ökonomischen Denkens. Er war über ein Jahrhundert lang typisch für die Unterschiede im Herangehen der Ökonomen an ihren Gegenstand. Viele lassen sich blenden vom Offensichtlichen. Sie bleiben ausschließlich dem Wahrnehmbaren verhaftet. Sie halten tiefschürfende Untersuchungen für entbehrlich. Sie verzichten auf die Suche nach dem in den Erscheinungen verborgenen Wesen und sind überzeugt, das Empirische spreche für sich, sei Beweis genug. Dabei ist seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) bekannt, dass man unterscheiden muss zwischen der Erscheinung und dem Wesen des sinnlich Erfassbaren. Der Schein kann täuschen und das Wesen des Widergespiegelten verhüllen. Die alltägliche Erfahrung nimmt nur ihn wahr. Von ihrem Standpunkt aus ist wissenschaftliche Wahrheit oft paradox. Fast zwei Jahrtausende glaubten die Gelehrten, dass sich die Sonne um die Erde dreht, bis Kopernikus, Kepler und Newton zeigten, dass hinter dem falschen Schein die Erdbewegung steckt. Für die Nationalökonomie ist die Hegelsche Unterscheidung von fundamentaler Bedeutung: »Es gilt hier, (…), dass, was der gemeine Menschenverstand irrationell findet, das Rationelle, und sein Rationelles die Irrationalität selbst ist«.⁶

In der Ökonomik wimmelt es von Paradoxien, und Einfaltspinsel glauben, je paradoxer die Sache ist, desto weniger wahr sei sie. Der Profit scheint dem Gesamtkapital zu entspringen, doch resultiert er aus dessen variablem Teil, mit dem die Arbeitskräfte entlohnt werden. Der Arbeiter scheint dem Kapitalisten seine Arbeit zu verkaufen, und es sieht so aus, als sei der Lohn der Preis für diese Arbeit. Er verkauft aber seine Arbeitskraft, und der Lohn ist der Geldausdruck des Wertes der Arbeitskraft. Ihn erhält er unter der Voraussetzung, dass er den vollen Arbeitstag arbeitet. Daher scheint es, als ob er für die ganze und nicht für die kürzere Zeit entlohnt würde, in der er ein Äquivalent seines Tageswertes schafft.

Die Welt der Ökonomen ist eine komplexe Welt. Bei ihrer Erfassung sind Reduktionen unvermeidlich. Doch nicht die notwendigen selektiven Wahrnehmungen sind das Problem, nicht das Bemühen, das Einzelne zu verstehen, sondern im Verkürzten das Ganze, das Absolute zu sehen. Es ist notwendig, die Komplexität des dynamischen Systems Volkswirtschaft zu durchschauen und sich immer wieder mit Fragen zu beschäftigen, die seit Jahrhunderten die ökonomische Literatur prägen.

Marxistische Ökonomen uneins

Marxistische Ökonomen sind ebenso zerstritten. Kontroversen zwischen der sogenannten Neuen Marx-Lektüre und der als »Traditions- bzw. Arbeiterbewegungsmarxismus« abgekanzelten marxistisch-leninistischen Deutung des Marxschen Werkes dauern mittlerweile seit mehr als fünf Jahrzehnten an. Eine Annäherung ist nicht in Sicht. Die Gräben sind tiefer denn je. Die »Neue Marx-Lektüre« behauptet, der »parteigelenkte Arbeiterbewegungsmarxismus« habe die Theorie von Marx und Engels falsch dargestellt und erst sein Fiasko ermögliche es, Marx zu entdecken und richtig zu lesen. Hans-Georg Backhaus glaubt zu wissen, der »orthodoxe Marxismus« habe »die Kernsätze der Werttheorie bis heute ignoriert und kollektiv beschwiegen, der Rohentwurf (…) blieb den Theoretikern des Marxismus-Leninismus unzugänglich, der Text als Ganzes ein Buch mit sieben Siegeln«.⁷ Die Vorwürfe sind derart lächerlich, dass sie, wären sie in ihrer Tragweite nicht so ernst, heiter und gelassen übergangen werden könnten. Man lese die Lehrbücher der »Politischen Ökonomie des Kapitalismus«, die in den sozialistischen Ländern erschienen sind, und vergleiche ihren Inhalt mit dem der drei Bände des »Kapitals« und den »Grundrissen«. Wer dabei auch nur auf die geringste Dissonanz in Grundaussagen stoßen wird, dem vermache ich als Finderlohn die goldene Taschenuhr, die ich von meinem Urgroßvater geerbt habe.

Irrtümer und Fehldeutungen der »Neuen Marx-Lektüre« sind umfangreich. Angetreten, die Dogmen des Offizialmarxismus zu entlarven, erhebt sie haltlose Vorwürfe, die längst selbst zu Dogmen erstarrt sind. Sie definieren den Inhalt der elementaren Kategorien wie z. B. Geld, Kreditgeld, Ware, Wert, Arbeit anders als Marx, lehnen das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und andere Marxsche Erkenntnisse ab. Marx konnte sich nicht entschließen, die Bände zwei und drei des »Kapital« zu veröffentlichen. Ist das Grund, an allem zu zweifeln, was drinsteht? Die »aufgeklärten« Marxisten der »Neuen Marx-Lektüre« nehmen der Marxschen Politischen Ökonomie ihren historischen Gehalt und stellen nahezu alles zur Disposition: den Doppelcharakter der Ware und der warenproduzierenden Arbeit, die Wertformanalyse, also die komplette Wert- und Geldtheorie und damit die ökonomische Theorie Marx’ insgesamt.

Der von der »Neuen Marx-Lektüre« kon­struierte Gegensatz zwischen ihm und Friedrich Engels hat sich nach erstmaliger Edition Marxscher Texte innerhalb des MEGA–Projekts erneut und endgültig als haltlos erwiesen. Der Streit darüber, welche Forschungs- und Darstellungsmethoden Marx wählt, hält an. Die »neuen Marx-Leser« meinen, es sei ausschließlich die logische Methode, die »alten Marx-Leser« sagen, Marx wende die dialektische Methode an. Sie schlösse logische und historische Elemente ein. »Während die ›Neue Marxlektüre‹ das gegenwärtige Sein des Kapitalismus von seinem Werden und Vergehen trennt (…), betont Marx nachdrücklich den Zusammenhang von Entstehung, Existenz und Vergehen.«⁸ Das historische Element in Marxens Werk anzuerkennen, heißt nicht, das logische auszuschließen. Die logische Methode ist keine Begriffsanknüpfungsmethode, die Begriffe aus Begriffen entwickelt. Auch wenn Marx nicht von der logischen Methode spricht, ohne Begriffsbestimmungen, Vergleiche, Analysen, Synthesen, Abstraktionen und Verallgemeinerungen ist sein Werk undenkbar. Es darauf zu reduzieren und ihm das Historische abzusprechen, dagegen eine eklatante Leerstelle der »Neuen Marx-Lektüre«. Dialektik – das ist auch die Einheit von Logischem und Historischem. Marx wendet sie im »Kapital« meisterhaft an.

Anmerkungen

1 Kaspar Hauser: Kurzer Abriß der Nationalökonomie, Die Weltbühne, 15.9.1931, Nr. 37, S. 393

2 John K. Galbraith: Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs. Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft, München 2004

3 Klaus Mainzer: Komplexität, Paderborn 2008, S. 13

4 Max Planck: Wissenschaftliche Selbstbiographie, Leipzig 1948, S. 22

5 Arthur Schopenhauer: Die Kunst, recht zu behalten, Ditzingen 2014, S. 10 f.

6 MEW 25, S. 787

7 Hans-Georg Backhaus: Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik, Freiburg/Wien 2018, S. 17

8 Holger Wendt: Authentischer Marxismus als Programm. Ein Essay, in: Marxistische Blätter, Heft 3/2018, S. 28

Klaus Müller: Auf Abwegen. Von der Kunst der Ökonomen, sich selbst zu täuschen. Papy­rossa-Verlag Köln 2019, ca. 300 Seiten, 24 Euro

Veranstaltung zum Buch mit dem Autor am 20. August in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6 in 10119 Berlin