Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. August 2019, Nr. 190
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Aus: Ausgabe vom 29.07.2019, Seite 8 / Ansichten

Der Spiegel schweigt

Archivfund zum Reichstagsbrand
Von Otto Köhler
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Der einstige Verfassungsschützer Fritz Tobias durfte sich Ende 1959 im »Nachrichtenmagazin« in einer elfteiligen Artikelfolge auslassen. Mit durchschlagendem Erfolg: »Über den Reichstagsbrand wird nach dieser Spiegel-Serie nicht mehr gestritten werden. Es bleibt nicht der Schatten eines Beleges, um den Glauben an die Mittäterschaft der Naziführer lebendig zu erhalten. Einer Jahrhundertlegende wird der Todesstoß oder, um im Bilde zu bleiben, der Dolchstoß versetzt. Wir haben künftigen Geschichtsschreibern ein kleines Stück Kärrnerarbeit abgenommen, was dem Journalisten nur höchst selten und mit viel Glück vergönnt ist.«

Das verkündete urbi et orbi der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein – am 25. November darf seine Mannschaft in der großen Montagskonferenz das sechzigjährige Jubiläum dieses Lehrschreibens begehen. Seit dem Tag dieser Verlautbarung hat sich manches verändert. Der Spiegel ist vom Hamburger Pressehaus – ewigliche Goebbels-Worte ruhen in dessen Fundament – 1968 bunt lackiert an den Dovenfleet gezogen, und seit 2011 liegt das neue imponierende Spiegel-Gebäude direkt am Hafen, an der Ericusspitze. Immobil, aber ansonsten kaum unterscheidbar von den Riesenkreuzfahrtschiffen, die alle Hafenstädte der Welt verpesten.

Die Nachricht, dass das Augstein-Dogma geplatzt ist, kam am Freitag nachmittag nach 15 Uhr. Die junge Welt räumte zügig die Titelseite der Wochenendausgabe frei, auch andere Blätter berichteten: Die Nazis haben ihre Unschuld am Reichstagsbrand verloren. Der Historiker Hersch Fischler hat zusammen mit seinem Kollegen Conrad von Meding im Nachlass des Spiegel-Autors Fritz Tobias ein Dokument entdeckt, das die Unschuld des angeblichen Brandstifters Marinus van der Lubbe belegt. Tobias, der vom Staatsschutz kam, sorgte sich um seine wieder eingestellten Nazikollegen. Das Dokument durfte daher nicht an die Öffentlichkeit gelangen, es hätte seine These vom Einzeltäter van der Lubbe widerlegt. Der ehemalige SA-Mann Hans-Martin Lennings hatte am 4. November 1955 bekundet – also vier Jahre vor der von Tobias verfassten und von Augstein zum Nachweis der Naziunschuld erhobenen Spiegel-Serie –, dass er zusammen mit anderen SA-Leuten den Kommunisten van der Lubbe auf Befehl im Auto zum Reichstag gebracht habe. Dort roch man schon den Rauch des Feuers, das van der Lubbe, der verspätet angeliefert wurde, der Legende nach erst entzünden sollte.

2001 noch hatte der Spiegel mit einem Eiersalat historischer Mutmaßungen abermals das Augstein-Dogma bestätigt: Der völlig ahnungslose Vegetarier Hitler habe gerade zu Hause bei dem ebenso unschuldigen Goebbels (der speiste Forelle) Eier mit Salat verzehrt, als Auslandspressechef Ernst Hanfstaengl anrief: Der Reichstag brennt. Die so gespielte Ahnungslosigkeit der Naziführer wurde zur Schlüsselszene für das Unschuldsdogma. Fritz Tobias hatte sie Hanfstaengls Memoiren entnommen. Und viele deutsche Geschichtswissenschaftler, zuletzt der angesehene Zeit-Historiker Volker Ullrich, haben das von ihm abgeschrieben, einschließlich der Quellenangabe. Hätten sie in dem von ihnen gewissenhaft angegebenen Hanfstaengl-Buch auch nur einmal nachgeschlagen, auf der gegenüberliegenden Seite hätten sie es gefunden: Hanfstaengl fühlte sich als Opfer eines Fakes – er glaubte, dass die Überraschung von Hitler und Goebbels gespielt gewesen sei.

Alle maßgebenden Medien haben inzwischen – wenigstens auf ihren Webseiten – über das neue Dokument berichtet, das die Nazitäterschaft am Reichstagsbrand belegt. Aber einer schweigt: der Spiegel, er schweigt jetzt schon zwei Tage lang (wenigstens bis zum jW-Redaktionschluss, Sonntag 17.30 Uhr). Zeit hatte er zu sprechen. Innerhalb der wenigen Stunden, die ihm bis zum Redaktionsschluss blieben – die Onlineausgabe wurde am Freitag gegen 19 Uhr ins Netz gestellt. Zu dieser Zeit musste auch die gedruckte Auflage abgeschlossen sein, es hätte an der Spitze des neuen Heftes noch eine neue Hausmitteilung geben können. Und über die vielen Websites, über die es verfügt, hätte das geübte Nachrichtenmagazin Stellung nehmen oder wenigstens die selbst vom Basisdienst der dpa vermeldete Nachricht von der Entdeckung liefern können.

Ja, er, der Spiegel, hätte sogar diesen Fund aus der Welt schaffen können. Einer tat es: Sven-Felix Kellerhoff, der geübte Fälscher von der alten Welt, der schon einmal ein ganzes Buch erfand, um dessen Autor besser verleumden zu können (jW, 28.2.2012). Kellerhoff hat am Samstag in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur überzeugend erklärt, dass das von »windigen Experten« präsentierte neue Dokument nicht aussagekräftig sei. Warum? Ganz einfach: Es stimmt nicht mit den Ermittlungsakten der damals schon ganz vom Nazigeist infizierten Politischen Polizei Preußens über den Tagesablauf van der Lubbes überein.

Liebe Kollegen vom Spiegel, macht diesen Relotius der Geschichtswissenschaft zu Eurem neuen – Ihr habt doch schon so viele Nieten verbraucht – Chefredakteur. Ihr kommt aus Eurer Verlegenheit heraus und der versierte, hochrenommierte Fälscher könnte an der Spitze des Spiegels seine Fähigkeiten voll entfalten.

Otto Köhler war von 1966 bis 1972 Medienkolumnist des Spiegel