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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Preußischer Fusel

Wenn Junkern der Kamm schwillt: Eine Glosse von Friedrich Engels aus dem Jahr 1876
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Kartoffeln rein, Schnaps raus: Der 1817 erfundene »Pistoriusapparat« half den Junkern, mit Staatsgeldern das Volk zu vergiften

Am 4. Februar (1876) interpellierte Herr von Kardorff die Reichsregierung wegen der hohen Besteuerung des deutschen »Sprits« in England und Italien. Er machte die Herren darauf aufmerksam, dass »in unseren östlichen und nördlichen Provinzen weite Länderstrecken, Hunderte von Quadratmeilen eines ziemlich unfruchtbaren, sterilen Bodens, zu einer verhältnismäßig hohen Ertragsfähigkeit und Kultur gediehen sind durch einen sehr ausgedehnten Kartoffelbau, und dass dieser Kartoffelbau wieder zur Grundlage die Tatsache hat, dass über diese Länder zahlreiche Brennereien zerstreut liegen, in welchen die Spritfabrikation als landwirtschaftliches Nebengewerbe betrieben wird. (…) Wie bedeutend die hierbei in Frage kommenden Interessen sind, das kann sich jeder klarmachen, der überlegt, dass wir aus der Spiritussteuer für unsere Staatseinnahmen etwa 36 Millionen Mark entnehmen, trotzdem Deutschland von allen Ländern der Welt die niedrigste Spiritussteuer besitzt, z. B. eine fünfmal niedrigere als Russland.«

Den preußischen Junkern muss in der letzten Zeit der Kamm sehr geschwollen sein, dass sie den Mut haben, die Augen der Welt auf ihre »Spritindustrie«, vulgo Schnapsbrennerei zu ziehn.

Im vorigen Jahrhundert wurde in Deutschland nur wenig Branntwein destilliert, und dieser nur aus Korn. (…) Gegen Anfang dieses Jahrhunderts vermehrten sich die Brennereien auf dem Lande als Nebengewerbe der größeren Gutsbesitzer und Pächter, besonders in Hannover und Braunschweig. Sie fanden Abnehmer, einerseits durch den sich stets weiterverbreitenden Branntweingenuss, andrerseits durch die Bedürfnisse der stets wachsenden und stets kriegführenden Armeen, die ihrerseits wieder den Geschmack am Branntwein in immer weitere Kreise trugen. (…)

Der Wendepunkt für die Brennerei war aber die Entdeckung, dass man Branntwein nicht nur aus Korn lohnend herstellen könne, sondern auch aus Kartoffeln. Damit wurde das ganze Gewerbe revolutioniert. (…) Die Brennerei verzog sich mehr und mehr vom fruchtbaren Kornland aufs unfruchtbare Kartoffelland, d. h. von Nordwestdeutschland nach Nordostdeutschland – nach Altpreußen östlich der Elbe. (…)

Wie aber kamen die armen, durch den Krieg und ihre dem Vaterland gebrachten Opfer angeblich total ruinierten ostelbischen Junker zu den Mitteln, vermöge deren sie ihre drückenden Hypothekenschulden in einträgliche Schnapsbrennereien verwandelten? (…) Unsre patriotischen Junker erhielten (…): erstens Staatshülfe in verschiedenen direkten und indirekten Formen, und zweitens kam ein Umstand hinzu, den wir besonders ins Auge fassen müssen. Bekanntlich war in Preußen 1811 die Ablösung der bäuerlichen Frondienste und überhaupt die Auseinandersetzung zwischen Bauern und Gutsherrn gesetzlich derart geregelt worden, dass die Naturalleistungen in Geldleistungen umgewandelt, diese kapitalisiert und entweder in barem Geld in bestimmten Ratenzahlungen oder aber durch Abtretung eines Stücks bäuerlichen Landes an den Gutsherrn oder auch teilweise in Geld, teilweise in Boden abgelöst werden konnten. Dies Gesetz blieb ein toter Buchstabe, bis die hohen Kornpreise 1816 bis 1819 die Bauern in den Stand setzten, mit der Ablösung voranzugehen. Von 1819 an nahmen die Ablösungen in Brandenburg raschen Fortgang, langsamer in Pommern, noch langsamer in Posen und Preußen. Das auf diese Weise den Bauern zwar gesetzlich, aber widerrechtlich (denn die Fronlasten waren ihnen widerrechtlich aufgezwungen worden) abgenommene Geld, soweit es nicht in altadliger Weise sofort verjubelt wurde, diente hauptsächlich zur Anlage von Brennereien. Auch in den übrigen drei genannten Provinzen breitete sich die Brennerei in demselben Maße aus, in dem die bäuerlichen Ablösungen die Mittel dazu lieferten. Die Schnapsindustrie der preußischen Junker ist also buchstäblich mit dem den Bauern abgenommenen Gelde gegründet worden. Und sie ging flott voran, besonders seit 1825. Schon zwei Jahre später, 1827, wurden in Preußen 125 Millionen Quart (etwa 143 Millionen Liter, jW) Schnaps gebrannt (…).

Man begreift, dass nunmehr ganz Deutschland, soweit sich die Einzelstaaten oder Zollverbände von Einzelstaaten nicht durch Zollschranken dagegen eindämmten, von einer wahren Sturmflut von preußischem Kartoffelfusel überströmt wurde. (…) Die Besoffenheit, die früher das Drei- und Vierfache gekostet hatte, war jetzt auch den Unbemitteltsten tagtäglich zugänglich gemacht, seit der Mann für 15 Silbergroschen die ganze Woche lang im höchsten Tran bleiben konnte. (…).

Die einzige Industrie, die es zu noch verheerenderen direkten Wirkungen (…) gebracht hat, ist die englisch-indische Opiumindustrie zur Vergiftung von China.

Friedrich Engels: ­Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag. In: Der Volksstaat vom 25. Februar 1876 und vom 27. Februar 1876. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 19. Dietz-Verlag, Berlin 1976, Seiten 37–42.

Auf Grund dieser Artikelserie von Engels und des Sonderdrucks wurde die Verbreitung seiner Schriften von der Bismarck-Regierung in Deutschland verboten.

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