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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 8 / Inland
Wege aus der Klimakrise

»Wir wollen Ideen sammeln und uns weiterbilden«

Sommerkongress der »Fridays for Future«-Bewegung – mit sehr unterschiedlichen Gästen. Ein Gespräch mit Ragna Diederichs
Interview: Gitta Düperthal
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Demonstration der »Fridays for Future«-Bewegung in Halle an der Saale (15.3.2019)

Kommende Woche lädt die »Fridays for Future«-Bewegung von Mittwoch bis Sonntag zum Sommerkongress nach Dortmund ein. Geplant sind rund 150 Workshops sowie Podiumsdiskussionen mit Gesprächspartnern aus Wirtschaft und Wissenschaft. Was wollen Sie erreichen?

Vor allem wollen wir, dass sich die Aktiven besser kennenlernen, um – politisch und persönlich gestärkt – Pläne für das nächste Jahr schmieden zu können. 1.400 Leute haben sich bislang angemeldet. Als eine Gruppe von Schülerinnen, Schülern und drei Studierenden, alle im Alter zwischen 15 und 21 Jahren und aus verschiedenen deutschen Städten, organisieren wir den Kongress selbst.

Es ist bekannt, dass Aktivistinnen und Aktivisten der »Fridays for Future«-Bewegung auch die Auseinandersetzung mit für sie schwierigen Gesprächspartnern suchen. Setzen Sie das bei dem Kongress fort?

Wir haben sehr unterschiedliche Referenten eingeladen, um uns deren Ideen anzuhören. Unsere Bewegung hat sich darauf verständigt, dass wir die Klimakrise verhindern wollen. Wir werden verschiedene Ansätze diskutieren, wie das zu bewerkstelligen sein könnte.

Unter anderem haben Sie Otto Scharmer, Dozent am Massachusetts Institute of Technology, eingeladen. Er ist für seine »Theorie U« bekannt, mit der er sich vorrangig an Führungskräfte von Unternehmen wendet, um im Management neue Arbeitsprozesse anzuregen. Was erwarten Sie sich davon?

Wir stehen nicht hinter den einzelnen Theorien der von uns eingeladenen Referenten. Wir als Bewegung wollen Ideen sammeln und uns weiterbilden.

Scharmer wirkt als sogenannter Aktionsforscher auf Entscheidungen in den oberen Etagen der Konzerne ein. Von deren Interessen grenzen Sie sich nicht klar ab?

Wir haben auch mit Christoph M. Schmidt einen der Chefökonomen in Deutschland eingeladen. Das machen wir alles nicht aus persönlichen Sympathien heraus, sondern weil wir wissen wollen, welche Vorstellungen Menschen hegen, die momentan Macht haben.

Was ist Ihre Erwartung gegenüber dem Ökonomen Schmidt, der einer der fünf Wirtschaftsweisen ist?

Er berät die Bundesregierung bei ihrem Tun. Wir wollen wissen, weshalb er eine andere Form der CO2-Steuer befürwortet, als wir sie fordern.

Von ihm sind wohl keine Visionen zu erwarten, die die Umwelt verändern und zugleich Superreiche stärker zur Finanzierung von Lösungen heranziehen. Mit welchen Positionen werden Sie ihn konfrontieren?

Wir fordern einen Preis von 180 Euro pro Tonne CO2. So hoch werden laut Umweltbundesamt die Kosten sein, die uns und zukünftigen Generationen durch den Ausstoß des Treibhausgases entstehen. Aus unserer Sicht muss die CO2-Steuer sozial verträglich gestaltet werden und darf keinesfalls zu Lasten von Menschen mit geringem Einkommen gehen.

Können Lösungen, die Berater der Bundesregierung oder des Managements empfehlen, überhaupt ökologisch sinnvoll sein? Immerhin haben wir es hier mit der kapitalistischen Wachstumslogik zu tun.

Wenn es innerhalb dieses Systems nicht möglich ist, die Klimakatastrophe zu verhindern, sollten wir darüber nachdenken, was darüber hinaus passieren muss. Genau das erwarten wir von den demokratisch gewählten Politikern. Als Bewegung werden wir sie aufmerksam beobachten und kritisch begleiten.

Weiterhin haben Sie die junge Klimaaktivistin »Indigo« zur Debatte gebeten, die etwa zwei Jahre im Hambacher Forst gelebt und dort Widerstand gegen die Kohleindustrie geleistet hat. Sie hat ihr eigenes Leben komplett verändert. Ist das für Sie Vorbild?

Sie hat einen für Jugendliche ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Wir wiederum bereiten trotz Klausurenphase, Vorbereitungen für das Abitur oder den laufenden Sommerferien unseren Kongress in Dortmund vor. Die meisten Leute, die bisher gestreikt haben, haben zwar noch keinen Wald besetzt. Aber diese Perspektive ist für uns durchaus spannend.

Ragna Diederichs ist in der »Fridays for Future«-Bewegung aktiv und organisiert deren Sommerkongress mit