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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 6 / Ausland

Das leere Schlauchboot

Tag 18 (18. Juli): Was ist mit den Menschen darauf passiert?
Von Valerio Nicolosi, TPI
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Die Seenotretter der »Open Arms« suchen im zusammengerollten Schlauchboot nach Spuren

Wir sind auf Erkundungsfahrt und sehen nichts. Tagelang begegnen wir niemandem. Ab und zu fliegt ein Militärflugzeug niedrig über unsere Köpfe hinweg. Offiziell soll die Operation »Sophia« hier patrouillieren – ohne Hilfe zu leisten –, um Menschenhandel und Schmuggel zu bekämpfen, aber es sind die NGO, die immer beobachtet werden. Als wollten sie sagen: »Wir wissen, dass ihr hier seid, wir überwachen euch.« So war das schon immer. Wir kennen die verschiedenen Flugzeuge bereits.

Da ist auch ein anderer, kleiner Flieger, die »Colibri«, den wir oft sehen. Er gehört der Organisation »Freiwillige Piloten« und patrouilliert, um Hilfe zu leisten. In der Vergangenheit haben diese Helfer nicht nur auf Schlauchboote und Kähne aufmerksam gemacht, die in Schwierigkeiten waren. Sie haben auch gefilmt, was auf See passiert, wenn andere Schiffe nicht eingreifen. Und die Menschen, die schreiend ertrinken.

Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, was die Journalistin und Schriftstellerin Cecilia Strada darüber geschrieben hat, dass Menschen auf See, wenn sie sterben, nicht »Hilfe« rufen, sondern den eigenen Namen, in der Hoffnung, dass jemand ihn hört und man ihn nicht vergessen wird. Dass jemand die Familie informiert. Ich glaube, selbst im Augenblick des Todes unsichtbar zu sein, gehört zu dem Schlimmsten, was es gibt.

»Wir haben zwei kleine Boote gesichtet, sie befinden sich in der Nähe von Lampedusa und halten Kurs auf die Insel.« In solchen Fällen wird die Funkverbindung zwischen »Colibri« und »Open Arms« gehalten. Aber wir sind zu weit entfernt und werden nicht eingreifen können, selbst wenn es einen Notfall geben sollte.

Die zweite Nachricht, die uns erreicht, bereitet uns Sorge: »Ein Schlauchboot ist untergegangen, wir können nicht sehen, ob da in der Gegend noch etwas anderes ist.« In diesem Fall kann »etwas anderes« alles oder nichts sein. Ein Motor vielleicht oder Gegenstände. Oder auch Leichen. Das wäre nicht das erste Mal und würde auch nicht das letzte Mal sein. Vergangene Woche strandeten in der Nähe von Zarzis 80 Leichen, Opfer eines Schiffbruchs.

Auf der Kommandobrücke ist nicht einmal Zeit zum Nachdenken. Die Motoren drehen auf, wir nehmen Kurs auf die Stelle, deren Koordinaten wir von der »Colibri« übermittelt bekamen.

Die Beklemmung ist deutlich spürbar, und auch ich bleibe davon nicht unberührt. Kein schöner Gedanke, Tote im Meer zu finden, auch weil diese schon im Zustand der Verwesung sein könnten, was alles noch viel schlimmer macht.

Ich beende meine Schicht und nutze die Zeit, noch etwas auszuruhen, denn eine der Regeln an Bord lautet: »Ruhe dich aus, wann immer du kannst. Wenn es zu einer Rettungsaktion kommt, kommst du eine ganze Weile nicht zur Ruhe.« Das gilt vor allem für die Leute von der Presse, denn nach einer Rettung sind wir zwar müde, aber dann beginnt eben unsere Arbeit. Mit den Menschen sprechen, sie interviewen, das Video schneiden, schreiben, die Fotos editieren. Das Ganze kann 20 bis 24 Stunden dauern, es ist besser, so ausgeruht wie möglich zu sein, wenn wir am Ziel sind.

»Die beiden Boote sind in Lampedusa angekommen, die Küstenwache hat ihnen geholfen.« Eine gute Nachricht beim Erwachen. Ich könnte noch einmal einschlafen, aber wir brauchen nur noch eine halbe Stunde bis zu der Stelle, wo das Schlauchboot gesichtet wurde. So ziehe ich es vor, die Kamera bereitzumachen und die Batterien zu kontrollieren.

Wir lassen ein Boot zu Wasser und nähern uns. An der Wasseroberfläche sind keine Leichen zu sehen, aber das Schlauchboot ist in sich zusammengerollt. Es ist groß, vielleicht zehn Meter lang, aber es hat keinen Motor mehr. Vielleicht sind die Menschenhändler gekommen und haben ihn mitgenommen, wie sie es immer tun, wenn die libysche Küstenwache ein Boot »gerettet« hat.

Oscar Càmps springt zusammen mit den Seenotrettern Emma und Santi ins Wasser. Es gelingt ihnen nach und nach, das Bündel zu öffnen und zu sehen, was sich darin findet. Aber da ist nichts. Wir wissen nicht, wann und wie es unterging. Ob den Insassen geholfen wurde, man das Boot stoppte oder ob es wegen technischer Probleme untergegangen ist.

Der Kunststoff ist sehr dünn, es ist eines dieser Schlauchboote, die seit etwa einem Jahr benutzt werden: Sie kosten nicht einmal 200 Euro, sind zehn Meter lang, ohne Holz, und eignen sich nicht im mindesten für die Seefahrt. Doch sie bieten Platz für mehr als hundert Personen, die wiederum einige hundert Euro für die Überfahrt bezahlen. Den lockenden Profit kann man sich ausrechnen.

Die Menschenhändler schicken die Migranten aufs Meer, es interessiert sie nicht, ob sie in Europa ankommen. Im Gegenteil! Die sogenannte libysche Küstenwache untersteht einer Regierung, die nicht einmal ihre Hauptstadt kontrolliert. Oft macht sie gemeinsame Sache mit den Menschenhändlern. Wenn sie diese Schlauchboote abfängt, bringt sie die Leute wieder an Land und übergibt sie den Gefängnissen, die von ebendiesen Menschenhändlern betrieben werden. So zirkulieren riesige Mengen an Geld. Dagegen müsste Europa etwas tun, indem es einen großen humanitären Korridor öffnet, durch den alle illegal in Libyen festgehaltenen Menschen evakuiert werden könnten.

Es gelingt uns, das Schlauchboot an Bord zu holen, der Kunststoff würde das Mare Nostrum noch weiter vergiften. Wir kehren mit diesem Boot zurück und fragen uns, wo die Menschen darauf geblieben sind, ob sie überhaupt noch leben.

Ich stecke ein Stück von diesem Schlauchboot ein und beschließe, es immer bei mir zu tragen und bei jeder Gelegenheit der Öffentlichkeit zu zeigen. Denn die Menschen sollen wissen, wie gefährlich diese Boote sind und wie leicht das Salz des Meeres dieses Stückchen Plaste zerfressen kann.

Übersetzung: Christiane Barckhausen-Canale

Unser Autor berichtet von Bord der »Open Arms«, die im Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten. Seine Beiträge für das italienische Onlineportal The Post International übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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