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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 2 / Inland
Strategien von Neonazis

»Sie wollen peu à peu Akzeptanz gewinnen«

Rechte machen sich vermehrt in ländlichen Räumen breit. Erfolge der AfD ermutigen sie dabei. Ein Gespräch mit Andreas Speit
Interview: Kristian Stemmler
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Treffen der Neonaziszene bei einem Musikfestival im thüringischen Themar (29.7.2017)

In Ihrem neuen Buch »Völkische Landnahme«, das Sie gemeinsam mit Andrea Röpke verfasst haben, warnen Sie davor, dass sich Rechte vermehrt in ländlichen Regionen ansiedeln. Sie betrieben dort »nationale Graswurzelarbeit«, sagen Sie. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Wir stellten fest, dass aus verschiedenen rechten Milieus he­raus Siedlungsprojekte angestrebt wurden, etwa in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Brandenburg. Sowohl von extrem Rechten, die aus dem subkulturellen Raum kommen, als auch von neuen Rechten um das »Institut für Staatspolitik« des Verlegers Götz Kubitschek. Die Intention ist immer, die eigene Gesinnung in Ruhe ausleben zu können, die Kinder nach autoritären Mustern zu erziehen und peu à peu politische Akzeptanz zu gewinnen.

Hat diese Entwicklung etwas damit zu tun, dass in den ostdeutschen Bundesländern nach 1990 Immobilien relativ günstig zu erwerben waren?

Das ist ein Aspekt. Mecklenburg-Vorpommern ist zur Vorzeigeregion für derartige Siedlungsprojekte geworden. Ein weiterer Punkt ist, dass zivilgesellschaftliche Strukturen dort meist nicht so entwickelt sind, also kaum Gegenwehr zu erwarten ist. Und drittens: Aus Sicht der Rechten sind die neuen Länder das nicht entfremdete Deutschland, während ihnen Westdeutschland wegen seines Multikulturalismus als verlorenes Gebiet gilt.

In Ihrem Buch verweisen Sie darauf, dass rechte Siedler nicht immer als solche zu erkennen sind. Sie könnten von Ihrem Auftreten nach auch als alternative »Ökos« durchgehen.

Viele verbinden das Thema Umwelt- und Naturschutz mit den Grünen, der 68er-Bewegung, den Hippies et cetera. Aber es handelte sich von Anfang an um ein politisch umkämpftes Feld. Es gibt eine lange Traditionslinie von Rechten, die sich für »Heimatschutz« engagieren. Das geht durch die Geschichte der Ökologiebewegung hindurch. Immer wieder haben sich rechte und linke Gruppierungen aneinander gerieben – bis heute.

Naturverbundenheit kann also in rechtes Denken abkippen?

Die Gefahr besteht. Wenn man keine emanzipatorischen Vorstellungen hat, sondern die Naturgesetze ins Soziale überträgt, wird es heikel.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich Rechte so Inseln schaffen, in denen man sie schwerer kon­trollieren kann?

Ja. Überall, wo sie eigene Räume und privates Gelände haben, können sie ohne staatliche Zugriffsmöglichkeiten Brauchtumsfeiern ausrichten oder musikalische Events organisieren. Das hat nicht nur eine Wirkung nach innen in die Szene, die sich dadurch festigt. Sie suchen auch den Kontakt zu den Menschen in der Kommune, zu den Nachbarn, wollen sich als sympathisch darstellen.

In dem Kontext gibt es ein trauriges Beispiel. Denken Sie an Jamel, ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist der bekannteste Rechtsextremist der Region inzwischen als Kommunalvertreter in ein Amt gewählt worden, während die Frau, die sich dort stark gegen rechts engagiert, es nicht geschafft hat.

Zur aktuellen Entwicklung: Ihr Kollege Robert Andreasch warnte vor kurzem vor einer weiteren Eskalation der Gewalt in der Neonaziszene. Stimmen Sie ihm zu?

Die Szene hat sich in den letzten Jahren enorm radikalisiert. Das Münchner NSU-Verfahren hat nicht zu einer Einschüchterung geführt, vielmehr wurden die schwachen Urteile – mit Ausnahme der Strafe für die Hauptangeklagte – in der Szene bejubelt. Um es zuzuspitzen: Man hat gesehen, dass gemordet werden kann, ohne dass es große Konsequenzen gibt. Bis heute wissen wir nicht, wie viele Unterstützer dieser NSU wirklich hat. Da sind meines Erachtens viele Täter davongekommen.

Bestätigt es die Neonaziszene nicht auch, wenn aus der AfD keine wirklichen Distanzierungen kommen, sondern eher halbgare Statements?

Man hat ja gesehen, dass vor dem Mord an Walter Lübcke aus allen rechten Milieus gegen ihn gehetzt wurde, zum Teil auch von ehemaligen CDU-Parteifreunden. Natürlich beflügelt das die Szene, das ist ein Wechselspiel. Wenn in der Gesellschaft die Ressentiments zunehmen, fühlen sich Rechte ermutigt. Zumal sich sich die AfD mit ihren Wahlerfolgen weiter radikalisiert hat.

Andreas Speit ist­ ­Journalist und Autor

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