Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 26.07.2019, Seite 15 / Feminismus
Dichterin im Exil

Lyrik als Lebenshilfe

»Das Gedicht als Augenblick von Freiheit« – Hoffnung war ihre Lieblingsvokabel: Hilde Domin zum 110. Geburtstag
Von Christiana Puschak
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Hilde Domin im Juli 2004 in ihrer Wohnung in Heidelberg

Bereits als Kind war Hilde Domin fasziniert, wenn ihr Vater, ein »Demokrat und Idealist«, vor Gericht Angeklagte verteidigte. Sie wollte wie er den Anwaltsberuf ergreifen, studierte Jura, wandte sich dann aber wegen ihres großen Interesses an Politik der Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie bei ihren Lehrern Karl Jaspers und Karl Mannheim zu.

Geboren am 27. Juli 1909 als Hilde Löwenstein in Köln, wuchs die spätere, vielfach ausgezeichnete Dichterin in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Mutter, eine Sängerin und Pianistin, brachte ihr und ihrem jüngeren Bruder das Theater nahe – der Vater nahm die Kinder manchmal mit ins Gericht. Hier, in ihrem assimilierten jüdischen Elternhaus, fand Hilde, wie sie es zurückschauend nannte, »die Kraft des Dennoch«.

Während des Studiums in Heidelberg lernte sie den Archäologiestudenten Erwin Walter Palm kennen. Beide teilten das Interesse an Kunst und Philosophie. Doch früh zeichnete sich ab, dass Palms Weltsicht beträchtlich konservativer war als die ihre – gerade, was das Frauenbild anging.

Beide wussten 1932 die Zeichen der Zeit zu deuten und beschlossen, Deutschland zu verlassen. Ihre erste Station war Rom. In Florenz promovierte Hilde Domin über »Pontanus als Vorläufer von Machiavelli«. Eine von der Universität Florenz angebotene Dozentur schlug sie aus, kehrte nach Rom zurück und heiratete 1936 Palm. Wie sie rückblickend bemerkte »nach italienischem Recht, in dem die Frau fast nur Pflichten und der Mann fast nur Ansprüche hat«. Während dieser Zeit lebte das Paar »wortwörtlich von der Sprache«. Hilde Palm gab Sprachunterricht, half ihrem Mann bei der Vorbereitung seiner Vorlesungen und übersetzte seine wissenschaftlichen Arbeiten. Schon damals fand sie in belastenden Situationen Trost im Schreiben von Versen: »Ich knie nieder / und streichle / meinen verängstigten / Pantoffeln / das Fell«. Wegen ihres ursprünglichen Ziels, Anwältin zu werden, besuchte sie an der Universität Rom Kurse für Recht. Eigentlich wollten sie in Italien bleiben, wo sie sich wohl und glücklich fühlten. Aber dann griffen die faschistischen Rassengesetze auch dort.

Beide flohen 1939 nach England, wo sie unter anderem die Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf und die Galeristin Marguerite »Peggy« Guggenheim kennenlernten. Während Hilde Palm einen Lehrauftrag an einem College erhielt, wurde ihr Mann mehr und mehr depressiv. Aus seinem Schatten hervorzutreten, schaffte sie aber erst nach der Flucht in das Land, das ihre nächste Exilstation wurde: die Dominikanische Republik, die »Inseln ohne Hafen«. Ihr Mann war als Archäologe häufig unterwegs, sie weiterhin seine Übersetzerin, Korrektorin, Fotografin – »die Bodenmannschaft seines Flugzeugs«, wie sie es einmal in einem Interview nannte.

Eine heftige Ehekrise wie auch der Tod ihrer Mutter waren Auslöser dafür, dass sie zu dichten begann: »Ich habe mich in das Wort gerettet (…) und ging heim in das Wort. Ich richtete mir ein Zimmer ein in der Luft (…) von wo ich unvertreibbar bin.« Es war wie eine zweite Geburt. Sie entdeckte das Schreiben als Überlebenshilfe, wie ein »Weiteratmen, wenn die Realität (…) den Atem zu nehmen schien«. Im Exil wurde sie zur Dichterin. Ihr Mann jedoch zeigte für ihr Schreiben wenig Verständnis, sondern reagierte zunehmend eifersüchtig, als er die Qualität ihrer Gedichte erkannte – hegte er doch selbst poetische Ambitionen.

1954 kehrte Hilde Palm nach Deutschland zurück. Endgültig nieder ließ sie sich aber erst 1961. Aus Dankbarkeit gegenüber dem Exilort Santo Domingo, »wo sie mich aufnehmen müssen, / ohne Pass, / auf Wolkenbürgschaft«, wählte sie fortan »Domin« als Künstlernamen.

Mit ihrem ersten Gedichtband »Nur eine Rose als Stütze« wurde Hilde Domin 1959 schlagartig berühmt, er war die Summe eines erlebten und erlittenen Lebens. Walter Jens lobte die »Vollkommenheit im Einfachen« ihrer Verse, Karl Krolow bezeichnete sie als »Widersetzliche«.

Weitere Lyrikbände wie »Rückkehr der Schiffe« (1962) und »Hier« (1964) folgten, bevor sie mit der Anthologie »Doppelinterpretationen« (1966) die Gedichte anderer Autoren jeweils einer Selbst- und einer Fremdinterpretation unterzog. Damit trat sie in Kommunikation zum Leser und verfolgte das Konzept einer dialogischen Dichtung. So trug sie auch bei ihren zahllosen Lesungen in Schulen und Universitäten ihre Gedichte mehrmals vor.

Ihr Essay »Wozu Lyrik heute« (1968), ein bedeutender Beitrag zur Dichtungstheorie, kann als eine Antwort auf Adornos Verdikt »Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch« gelesen werden. Sie, die das Exil überstanden hatte, gab ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1987/88) aus gutem Grund den Titel »Das Gedicht als Augenblick von Freiheit«. Den Mut zum Leben zu stärken, gerade darin sah Hilde Domin ihre Aufgabe als Lyrikerin. Hoffnung war ihre Lieblingsvokabel, Sisyphos ihre lyrische Leitfigur: »mit nie ermüdendem Atem / die nie ermüdenden Hände / bergaufwärts gerollt / die Steine / die Herzen / werden Quelle und Brot«. Nie gab sie den Glauben an die Menschheit und die eigene Stärke verloren.

Im Alter von 96 Jahren starb Hilde Domin am 22. Februar 2006 in Heidelberg, »Hand in Hand mit der Sprache / bis zuletzt«.

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