Gegründet 1947 Donnerstag, 17. Oktober 2019, Nr. 241
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.07.2019, Seite 12 / Thema
Weltarbeiterklasse

Gespaltenes Weltproletariat

»Imperiale Lebensweise«, Arbeiteraristokratie und Opportunismus. Ein Beitrag zur Debatte um eine »neue Klassenpolitik«
Von Peter Schaber
RTX6Z67T.jpg
Proletarisierung des globalen Südens. Im Jahr 2010 lebten dort 79 Prozent aller Industriearbeiterinnen und -arbeiter. Der Trend ist ungebrochen (Textilfabrik in der Provinz Thai Binh, Vietnam, 13. Juni 2019)

Berlin ist hip und deshalb hat es eine Hanf- und Vaporizer-Messe. Ich bin linker Journalist und deshalb neben dem mageren Zeilengeld auf gelegentliche Aushilfsjobs auf Messen und Baustellen angewiesen. Und so kommen wir Ende Juni zusammen, die »Mary Jane«-Expo und ich. Für 20 Euro die Stunde, ein ganz guter Lohn, schraube ich irgendwelche Vitrinen zusammen und hänge Hochglanzbanner auf Trennwände. Der Job ist langweilig, der Kollege nett, die Messe riesig. Viele der Aussteller geben Zehn-, wenn nicht Hunderttausende Euro aus, um hier ihre Showrooms aufzubauen. Fette Holzkisten werden extra aus den USA eingeflogen, um die E-Zigaretten und Verdampfer im richtigen Ambiente ausstellen zu können. Plus macht hier aus dem Verkauf kaum jemand. »Das ist alles nur Werbung, der Brand, die Marke stehen im Mittelpunkt«, sagt mein Kollege, der sich mit diesem Business besser auskennt.

Einen Tag, nachdem wir mit dem Aufbau fertig sind, beginnt die Messe. Abertausende Kiffer und Raucher fluten die Messehalle in Treptow, HipHop und Techno dröhnen aus den Boxen, die mit ihrem Startup reich gewordenen jungen Firmenmanager mischen sich mit den Schaulustigen. Man chillt auf dem nahen Badeschiff, bläst Rauchwolken aus den diversen neu erworbenen Gerätschaften. Irgendwann frage ich meinen Kollegen, was für Zeug der Laden, für den wir verantwortlich sind, eigentlich verkauft. Er stellt mir die verschiedenen Modelle vor, der teuerste Vaporizer, mit dem man »gesund« Gras rauchen kann, kommt auf irgendwas zwischen 200 und 300 Euro. »Aber kommt eh alles aus China«, fügt er beiläufig hinzu. »Im Einkauf kostet das Stück 30, vielleicht 40 Euro«.

Wie bei den meisten Gütern, die blinken, glänzen oder aus Plastik sind, gilt heute auch in der Vaporizer-Industrie China, vor allem die Industriemetropole Shenzhen, als führender Produktionsstandort. Dort geht es anders zu als auf dem Berliner Badeschiff. Ein wenig erinnern die Beschreibungen an die Gründerzeit des Kapitalismus im Europa des 19. Jahrhunderts. Seit den 1970er Jahren wuchs Shenzhen von 30.000 auf rund 13 Millionen Einwohner, viele davon aus den ländlichen Gegenden in die Stadt gespülte Proletarier, die in der Sonderwirtschaftszone für den Export – häufig in die Staaten des Westen – produzieren. Niedrige Löhne, sechs bis sieben Tage die Woche Arbeit, überlange Schichten, ärmliche Wohnverhältnisse prägen die soziale Lage großer Teile der etwa 810 Millionen Proletarier im Land.¹ Es sind diese Arbeiterinnen und Arbeiter, die auch die hübschen Vaporizer zusammenschrauben, mit denen man sich am Rand des Badeschiffs ein bisschen Weed gönnt.

Nun mögen einem Vaporizer egal sein. Mir jedenfalls. Aber es lässt sich Profit mit ihnen machen. Und was für die unnötigen Dampfinstrumente gilt, gilt für eine breite Palette jener Güter, die in den entwickelten imperialistischen Nationen verbraucht werden: Klamotten aus Bangladesch, Elektronik aus China, »exotische« Nahrungsmittel aus Afrika. Sie werden entlang der globalen Produktionsketten hergestellt, meistens von Arbeitern irgendwo im globalen Süden. Am Ende landen sie zur Konsumption in den Kernländern des kapitalistischen Weltsystems.

Dieser Prozess hat mit der Industrialisierung des globalen Südens seit spätestens den 1970er Jahren zu einer Arbeitsteilung im weltweiten Kapitalismus geführt, die der dänische Marxist und frühere Enteignungsaktivist Torkil Lauesen – etwas überspitzt – so beschreibt: »Der Imperialismus hat die Welt in primär produzierende und primär konsumierende Länder geteilt. (…) In den vergangenen Jahrzehnten ist es zu großen Veränderungen in der globalen Arbeiterklasse gekommen. Die neoliberale Globalisierung hat zu einer starken Proletarisierung des globalen Südens geführt. Zwischen 1980 und 2011 wuchs die Arbeitskraft weltweit von 1,9 auf 3,3 Milliarden Menschen an. Das entspricht einer Steigerung von 73 Prozent. Doch es sind nicht nur mehr als eine Milliarde neuer Arbeiterinnen und Arbeiter in den Kapitalismus integriert worden, auch die Arbeitsverteilung zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden hat sich radikal verändert. Im Jahr 1980 hielt sich die Anzahl der Industriearbeiterinnen und -arbeiter in Hoch- bzw. Niedriglohnländern in etwa die Waage. Im Jahr 2010 befanden sich 79 Prozent aller Indus­triearbeiterinnen und -arbeiter im globalen Süden.«² Diese globale Arbeitsteilung ist das Fundament dessen, was die Soziologen Ulrich Brand und Markus Wissen als »imperiale Lebensweise« beschreiben: »Insgesamt leben die allermeisten Menschen hierzulande auf Kosten der Natur und der Arbeitskräfte anderer Regionen in Europa und im globalen Süden.«³

Das ist zunächst einmal aus der eigenen Lebenswelt nicht schwer nachzuvollziehen, selbst, wenn man nicht zu den oberen Zehntausend gehört. Der Computer, auf dem ich diesen Text schreibe, ist aus China; das in ihm verarbeitete Coltanerz aus dem Kongo. Das T-Shirt, das ich trage, könnte sowohl aus Tunesien als auch aus der Türkei oder Indien kommen. Der Kaffee stammt aus Lateinamerika, die Cashewkerne daneben am Tisch aus Vietnam. Wenn ich gleich aufstehe, um in den Supermarkt zu gehen und den Wocheneinkauf für meine im Durchschnitt auf Hartz-IV-Niveau lebende Wohngemeinschaft zu machen, werde ich von Arbeitssklaven in Spanien produzierte Tomaten, Oliven aus Griechenland und – weil Anfang des Monats ist – eine Packung Schrimps aus jenen Aquakulturen erwerben, für die in Thailand schon 50 Prozent des Mangrovenwaldbestandes gerodet wurden.

Ulrich Brand schreibt dazu: »Eine Lebensweise, die auf derartigen Voraussetzungen beruht und immer auch die Produktionsweise einschließt, ist imperial. Das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wird wesentlich durch die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Naturverhältnisse andernorts ermöglicht. Das geschieht durch den im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsvermögen, die natürlichen Ressourcen und Senken im globalen Maßstab.«⁴

Was der Wiener Universitätsprofessor Brand und andere Soziologen nun neu für sich entdeckt haben – und auch nur in Teilen zureichend analysieren, weil sie eben bürgerliche Soziologen sind⁵ –, ist so neu nicht. Schon 1902 stellte der sozialistische Ökonom John Atkinson Hobson die Überlegung an, nach einer möglichen Aufteilung Chinas unter die imperialistischen Mächte könne es dazu kommen, dass der »größte Teil Westeuropas« sich so entwickle, wie einige Gegenden »in Südengland und an der Riviera« sowie in den »von reichen Leuten bewohnten Teilen Italiens oder der Schweiz« schon damals aussahen: »Ein Häuflein reicher Aristokraten, die Dividenden und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit einer etwas größeren Gruppe von Angestellten und Händlern und einer noch größeren Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im Transportgewerbe und in den letzten Stadien der Produktion leicht verderblicher Waren; die wichtigsten Industrien wären verschwunden, die Lebensmittel und Industriefabrikate für den Massenkonsum würden als Tribut aus Asien oder Afrika kommen.«⁶

Klar, die Passage beschreibt eine Tendenz. Und klar, auch heute gibt es noch ganz klassische Arbeiterklasse in den imperialistischen Hauptstaaten – und deren Zugehörige, anders als man mit dem Gerede von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« lange Zeit weiszumachen versuchte, gar nicht nicht einmal so gering an Zahl. Doch der für jede Klassenanalyse entscheidende Kern ist, wie der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin im Anschluss an Hobson formulierte: »Das Proletariat ist ein Produkt des Kapitalismus – des Weltkapitalismus und nicht nur des europäischen.«⁷

Krümel vom Tisch der Bourgeoisie

Wer den klassentheoretischen Analyserahmen auf den »eigenen« Nationalstaat beschränkt – wie das in der gegenwärtigen Debatte häufig der Fall ist –, kommt zu verheerenden Resultaten in der politischen Praxis. Denn, und das ist der zu Unrecht vergessene entscheidende Punkt, den Lenin nennt: Opportunismus und Sozialchauvinismus basieren gerade auf dieser globalen Arbeitsteilung und dass es sie gibt, liegt nicht nur daran, dass die Führer etwa der deutschen Sozialdemokratie korrumpierbare Verbrecher waren und sind, sondern dass die kapitalistische Entwicklung eine soziale Basis für diese Spaltung der Arbeiterbewegung hervorgebracht hat.

Als mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs offenbar geworden war, dass sich ein großer Teil der zuvor internationalistischen Arbeiterbewegung zur Vaterlandsverteidigung hinreißen ließ, begann Lenin, deutlich mehr Gewicht auf die Untersuchung der sozialen Basis von Opportunismus, Revisionismus und Sozialchauvinismus zu legen. In »Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale« spricht er von den Sozialchauvinisten als »Sozialisten in Worten, Chauvinisten in Wirklichkeit, die ›ihrer‹ Bourgeoisie helfen, fremde Länder zu berauben, andere Nationen zu unterjochen«.

Als Grundlage für den Sozialchauvinismus identifizierte Lenin den bereits zuvor bestehenden »Opportunismus«, also jene reformistische Strömung, die stets an der sozialen Abmilderung der Krise arbeitet, anstatt sie zum revolutionären Bruch zuzuspitzen. Der Opportunismus wiederum sei nicht einfach irgendein aus zufälliger Verirrung aufkommendes Phänomen, sondern habe seine Basis in Entwicklungen des Kapitalismus selbst, sobald dieser in sein imperialistisches, monopolkapitalistisches Stadium übergeht.

In den entwickelteren kapitalistischen Nationen ergibt sich nämlich durch den stetigen Zufluss von Surplus aus anderen Nationen die Möglichkeit, dass »einem kleinen Kreis der Arbeiterbürokratie, Arbeiteraristokratie und kleinbürgerlicher Mitläufer (…) Brocken von den großen Profiten der Bourgeoisie zufallen«.⁸

Lenin beschrieb eben jenes Phänomen, dass aktuell als »imperiale Lebensweise« diskutiert wird – allerdings mit mehr Nuancen, was klassenspezifische Lebensweisen angeht. Es gibt für ihn auch in den imperialistischen Nationen nicht eine einzige gemeinsame »imperiale Lebensweise« für alle, sondern auch hier existiert eine mannigfaltige Schichtung verschiedener Lebensweisen und Klassenrealitäten.

Dennoch: Staat und Bourgeoisie in den Ausbeuternationen erschaffen eine »bevorrechtete Arbeiterschicht«, die Trägerin eines bestimmten gesellschaftlichen Bewusstseins wird. Dieses ist in erster Linie durch den Kompromiss mit »ihrer« Bourgeoisie bestimmt, enthält dadurch aber auch andere charakteristische Momente: »Zusammenarbeit der Klassen, Verzicht auf die Diktatur des Proletariats, Verzicht auf die revolutionäre Aktion, rücksichtslose Anerkennung der bürgerlichen Legalität, Misstrauen dem Proletariat, Vertrauen der Bourgeoisie gegenüber.«⁹

Die Taktik des Opportunismus ist der »Reformismus«, wie Lenin ausführt. Aus einer revolutionären Perspektive sind Reformen kein Selbstzweck – der Kampf um sie ist dem Zweck der Erhöhung des Organisationsgrades der Klasse untergeordnet, um den »Kampf gegen die Lohnsklaverei noch hartnäckiger fortzusetzen«. Der Reformismus dagegen verkauft die Reformen als Verbesserung des Lebens im Kapitalismus, den man ohne revolutionären Bruch zum Wohle aller umgestalten könne. Er ist das Mittel, »die Arbeiter mit Hilfe von Almosen zu spalten, sie zu täuschen, vom Klassenkampf abzulenken«.¹⁰

Das hatte schon um die Wende zum 20. Jahrhundert eine immense Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse, denn selbst damals, so konstatiert Lenin, sei die bürgerliche Demokratie schon so entwickelt gewesen, dass die Massen nicht mehr geführt werden können ohne ein »weitverzweigtes, systematisch angewandtes, solide ausgerüstetes System von Schmeichelei, Lüge, Gaunerei, das mit populären Modeschlagworten jongliert, den Arbeitern alles mögliche, beliebige Reformen und beliebige Wohltaten verspricht – wenn diese nur auf den revolutionären Kampf für den Sturz der Bourgeoisie verzichten«.¹¹

Opportunismus heute

Lenins Überlegungen mögen heute sprachlich barock anmuten. Sie sind gut hundert Jahre alt. Und dennoch haben sie bis heute viele Stärken. Der imperialismustheoretische Ansatz verhindert von vornherein jene Verengung auf den nationalstaatlichen Rahmen, die in der Weltsystemtheorie im Gefolge Immanuel Wallersteins und Samir Amins seit den 1970er Jahren so folgerichtig kritisiert wurde. Denn auch im Bereich der Klassenanalyse ist es im Zeitalter globaler Produktions- und Wertschöpfungsketten nicht besonders zielführend, etwa die soziale Situation der Arbeiterklasse in Deutschland getrennt von der der Weltarbeiterklasse zu betrachten.

Opportunistische Parteien – die offen proimperialistische Sozialdemokratie sowieso, aber etwa auch Die Linke – formulieren ihre Programme auf ebendieser Grundlage. Da wird zwar auch davon geredet, dass es weltweit Kapitalismus, Krisen und Ausbeutung gibt. Aber das steht völlig unverbunden da, ohne jeden Bezug etwa zu den Thesen, die im Unterkapitel »Deutschland – eine Klassengesellschaft« des Programms von Die Linke formuliert werden. Dementsprechend wird den Lohnabhängigen auch nur noch attestiert, dass sie ein objektives Interesse daran haben, »ihre Einkommen, Arbeitsbedingungen und ihre soziale Absicherung durch betriebliche, tarifliche und gesetzliche Regelungen zu verbessern und so die kapitalistische Herrschaft und Ausbeutung zu beschränken« – nicht zu überwinden.¹² Die einzige Funktion, die eine solche Linke hat, ist die Verhandlung um die Verteilung der »Brocken« des Profits, den der Imperialismus abwirft.

Ähnlich verhält es sich in den reformistischen Gewerkschaften. Auch sie haben das Ziel, die Lohnknechtschaft überhaupt loszuwerden, längst aufgegeben. Damit zusammenhängend fehlt ihnen auch jede Organisation von Kämpfen entlang der globalen Produktionsketten. Ihre Leitlinie ist Standortpolitik für ein »starkes Deutschland«. Wie deutlich diese Position, die dem Klasseninteresse der Arbeiteraristokratie entspricht, vertreten wird, formulierte der Gewerkschafter Michael Ebenau schon im Jahr 2000 anlässlich einer DGB-Kommission zu »Rechtsextremismus«: »Das Eintreten für einen starken ›Standort Deutschland‹ im internationalen Konkurrenzkampf ohne die Thematisierung internationaler Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse und ihrer Folgen für die Menschen außerhalb der kapitalistischen Wirtschaftszentren ist ein ungewolltes, aber gleichwohl vorhandenes Scharnier für die rassistische Ideologie rechter Gruppen und Organisationen: ›Arbeit zuerst für Deutsche‹«.¹³

Einheit der Klasse herstellen

Zur Zeit Lenins wie heute sind Opportunismus und Sozialchauvinismus insofern internationale Phänomene, als sie in allen entwickelten kapitalistischen Nationen als wichtige gesellschaftliche Kraft, meist in Form einer »bürgerlichen Arbeiterpartei« (Lenin) existieren. Dass dennoch solche Zusammenhänge häufig in klassentheoretischen Debatten fehlen und der Begriff der »Arbeiter­aristokratie« zumindest in der deutschen Diskussion kaum eine Rolle spielt, liegt an den teilweise sicher unbequemen Konsequenzen einer solchen Sicht auf die Klasse.

Zum einen ergäbe sich die Notwendigkeit, die Kritik an der »imperialen Lebensweise« in den Klassendiskurs einzubeziehen. Das Konsumniveau nicht nur der herrschenden Klasse (das sowieso nicht), sondern auch das der Arbeiteraristokratie in den imperialistischen Zentren ist nicht global verallgemeinerbar. Dementsprechend kann Sozialismus nicht einfach als quantitatives Mehr von dem, was der Kapitalismus einem als wünschenswert verkauft, gelten. Sozialismus bedeutet damit – antikoloniale Bewegungen wie die kurdische oder die zapatistische haben darauf hingewiesen – gerade für die »bevorrechteten« Schichten der westlichen Arbeiterklasse nicht unbedingt einen Zuwachs an Konsummöglichkeiten. Vielmehr müsste – ohne in irgendwelche primitivistischen oder fortschrittsfeindlichen Romantizismen zu verfallen – überlegt werden, wie ein Bruch mit kapitalistischen Konsum- und Lebensnormen aussehen kann.

Zum zweiten müsste jede tatsächlich linke Programmatik von der Zerschlagung der globalen Ausbeutungsverhältnisse ausgehen – also antiimperialistisch und internationalistisch in einem viel tieferen Sinne als die lediglich nachrangigen »Solidaritätserklärungen« mit anderen Kämpfen sein. Der Bruch mit Opportunismus und Sozialchauvinismus wäre eine Voraussetzung zur Entwicklung einer solchen Programmatik und der Herstellung der globalen Einheit der Klasse.

Und zuletzt wäre wahrscheinlich in den entwickelten imperialistischen Nationen die Klasse, die in erster Linie für dieses Vorhaben zu gewinnen wäre, eben nicht der gewerkschaftlich organisierte im »Normalarbeitsverhältnis« von Tarifverhandlung zu Tarifverhandlung mobilisierbare Facharbeiter. Zwar ist jedes sozialistische Programm letztlich ein Programm für die gesamte Menschheit, aber die Frage, welcher Teil der Bevölkerung am ehesten für den Kampf mobilisierbar ist, wird dadurch nicht obsolet. In den imperialistischen Hauptländern spricht vieles dafür, dass das genau jene wachsenden Teile prekarisierter – häufig migrantischer und weiblicher – Schichten der Klasse sind, die heute meist durch das Raster sozialdemokratischer Inte­grationsversuche fallen.

Auch darauf wies im übrigen schon Lenin hin. Mit Bezug auf eine Bemerkung von Friedrich Engels schrieb er im Oktober 1916, es sei gerade nicht die in der »bürgerlichen Arbeiterpartei und alten Trade Unions« verfangene »privilegierte Minderheit« des Proletariats, die man ins Augen fassen müsse, sondern die »unterste Masse«, die von »bürgerlicher Ehrbarkeit« nicht angesteckt ist. Und er schließt: »Das ist das Wesen der marxistischen Taktik!«

Anmerkungen

1 www.dissentmagazine.org/article/condition-­working-class-shenzhen-peasant-workers- authoritarian-consumerism und https://www.marxist.com/china-working-conditions-­continue-to-deteriorate-but-working-class-beginning-to-stir.htm

2 www.akweb.de/ak_s/ak612/08.htm

3 www.zeitschrift-luxemburg.de/neue-klassenpolitik-­imperiale-lebensweise/

4 www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2017/mai/­unsere-schoene-imperiale-lebensweise

5 Kritik (die auch nur teilweise greift) hier: https://www.­zeitschrift-luxemburg.de/warum-die-imperiale-­lebensweise-die-klassenfrage-ausblenden-muss/ und hier: https://kritisch-lesen.de/rezension/ohne-imperialismus-keine-imperiale-lebensweise

6 zitiert in: Lenin: Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, W. I. Lenin Werke (LW), Band 23, S. 106

7 ebd. S. 108

8 »Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale«, LW, Band 22, S. 111

9 ebd.

10 Marxismus und Reformismus, LW, Band 19, S. 363

11 Lenin: Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, LW, Band 23, S. 114 f.

12 www.die-linke.de/partei/grundsatzdokumente/­programm/

13 zit. n. Stefan Dietl: Die AfD und die soziale Frage, Münster 2018, S. 119

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (25. Juli 2019 um 23:15 Uhr)
    Sind die Zeugen Jehovas neuerdings in die marxistische Bewegung integriert? Zeichnet sich dieser Artikel nicht durch eine zitatenreiche, tiefgläubige und scheinbar radikale Kapitalismus- bzw. Imperialismuskritik aus, die trotz großen Bemühens im Schlagwortregister steckenbleibt und aber auch gar nichts zur besseren Erkenntnis der aktuellen Weltlage beiträgt?
    Weltweiter Kapitalismus ist m. E. nicht gleichzusetzen mit Imperialismus, der sich eben dadurch auszeichnet, dass eine Nation eine andere Nation ausbeutet und politisch unten hält. Vielleicht sollte der Autor beim Frühstück noch einmal genauer hinschauen: Die griechischen Oliven haben einen Markennamen wie Dittmanns, die Orangenmarmelade stammt von Schwartau, der Tee von Liptons oder Messmer, die Schokolade und der Kakao sind von Nestlé oder Toblerone usw. Der Aufbau von eigenständigen verarbeitenden Industrien, die Bildung von Kapital in den Ländern, die jahrhundertelang nur als Rohstoff- bzw. Menschenlieferanten für Europa und Nordamerika dienten, ist aktuell und täglicher Klassenkampf dieser unterdrückten Völker, antiimperialistischer Kampf.

    Nicht wegen der Glitzerkinkerlitzchen aus Shenzhen fahren die USA eine zunehmend und brandgefährliche Strategie gegen China, sondern weil von diesem Land die aktuell wirkungsvollste und effektivste Befreiung der Länder der südlichen Hemisphäre vom alten und neuen Imperialismus ausgeht. Außerdem hat sogar Trump kapiert, wofür die Entwicklung Chinas steht – für die über den Kapitalismus hinausweisende Entfaltung der Produktivkräft, und das ist, soweit ich Marx verstehe, der Motor der menschlichen Geschichte überhaupt.
    • Beitrag von David S. aus J. (26. Juli 2019 um 15:48 Uhr)
      Wie ich finde, eine idealistische Sichtweise. Die Entwicklung der Produktivkräfte mag der Motor der Geschichte sein, profitiert aber automatisch immer die Arbeiterklasse davon? Was ist mit der materiellen Basis? Wie soll die Gesellschaft in China einfach auf sozialistisch umspringen, wenn kapitalistische Verhältnisse herrschen, wie oben beschrieben? Die Entwicklung des Kapitalismus in egal welchen Land ist kein Antiimperialismus! Wie soll sich die Arbeiterklasse in einem solchen Land (ob asiatisch oder afrikanisch) verhalten? Füße stillhalten? Nicht murren, nicht streiken? Zusammen mit den Kapitalisten den Kapitalismus voranbringen? Von den Krümeln der Kapitalisten leben, die gerade einen strategischen Sinn sehen, sich eine Mittelschicht zu erschaffen, wie im westlichen Imperialismus. Wenn’s dann so weit ist, wird auch gekürzt und gespart, wenn man ehrlich auf China und Co. schaut, erkennt man, dass diese »neoliberale« Politik auch dort angewandt wird.
  • Beitrag von Reiner A. aus N. (27. Juli 2019 um 00:00 Uhr)
    Der Artikel ist sehr gut und wichtig. Er behandelt ein Kernproblem des grundlegenden Mangels an internationaler proletarischer Solidarität, der unsere Gegenwart so fatal kennzeichnet, seine Ursachen und Konsequenzen.

    Einerseits die privilegierten Existenzbedingungen von Industriearbeitern und Arbeiterinnen in den Ländern des hochentwickelten Imperialismus des »globalen Nordens« – andererseits die von schärfster Ausbeutung, Unterdrückung und Verelendung bestimmten Existenzbedingungen von Industriearbeitern und Arbeiterinnen in den vom Imperialismus ausgebeuteten Ländern des »globalen Südens«.

    Eine Stärke des Artikels sehe ich darin, dass anhand von knappen Beispielen des Faktischen (globale Produktionsketten, Shenzhen, Bangladesh usw. – zu erinnern wäre auch an die Lage der Industriearbeiter und Arbeiterinnen an den verlängerten Werkbänken in Lateinamerika und Osteuropa) ganz entscheidende klassenpolitische Probleme dargestellt werden: z. B. der von »nationalem« Egoismus verengte Blick großer Teile des Industrieproletariats, der Arbeiteraristokratie und der Gewerkschaftsbürokratie in den hochentwickelten Ländern des Imperialismus. Die negativen Folgen für den internationalen proletarischen Klassenkampf, die mit dem eigenen objektiven Klasseninteresse des Proletariats auch dieser Länder letztlich unvereinbar sind, werden klar benannt.

    Dass der Autor seine Argumentation mit theoretischen Erkenntnissen begründet, die schon mehr als 100 Jahre alt sind, ist inhaltlich vollauf gerechtfertigt, wenn man anerkennt, dass der Marxismus auch heute noch die Idee und das Programm des Kommunismus von der Utopie zur Wissenschaft entwickelt hat. Darin liegt eine weitere Stärke dieses Artikels, dass die sozialen Ursachen der schrecklichen Gleichgültigkeit privilegierter proletarischer Schichten gegenüber Leid und Elend der ungeheuren Masse des in ferne Gebiete »ausgelagerten« Weltproletariats deutlich gemacht werden und dass Lenins Analyse von Sozialchauvinismus, Opportunismus und Reformismus noch stets ein geeignetes Werkzeug zum Verständnis dieser herben Wirklichkeit ist.

    Ich empfehle den Artikel allen Leuten, insbesondere Arbeitern und Arbeiterinnen in diesem Lande, die diese unfassbaren Zustände nicht nur beklagen wollen, sondern nach Wegen bewusster, entschiedener und organisierter internationaler Solidarität gegen alle Erscheinungsformen des Imperialismus suchen. Mit dem Ziel, die verfluchte Macht des »Teile und herrsche« zu brechen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Liveübertragung einer Ansprache von Chinas Präsident Xi Jinping ...
    11.06.2018

    Eine ernste Partei

    Egon Krenz hat seine Sicht auf die Volksrepublik China zusammengefasst
  • Nach dem Ende der sozialistischen Staaten waren jene, die sich a...
    03.02.2018

    Marx als Produkt

    Welche Wandlungen erfuhr das Denken des vor 200 Jahren geborenen Philosophen und Kritikers?
  • 01.11.2017

    Kanonendonner aus Petrograd

    Revolution? Die ist noch lange nicht vorbei: China ist Erbe des Roten Oktober – und assistiert dem Imperialismus beim Untergang

Regio: