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Aus: Ausgabe vom 24.07.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Deutscher Adel

Von Arnold Schölzel
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Auf den Hund gekommen: Deutscher Adel, hier Maja Prinzessin von Hohenzollern auf einer Hundemesse

Wer nach den Ursprüngen des biologistischen Rassismus sucht, der seit dem 19. Jahrhundert in Europa und speziell in Deutschland zum Kern reaktionärer, gegenrevolutionärer Ideologie wurde, wird beim Adel fündig. 1843 notierte der 25jährige Karl Marx, wenn die Geburt wie bei einem König jemandem »unmittelbar eine Stellung gebe«, dann sei beim Adel »der Stolz auf das Blut, die Abstammung, kurz die Lebensgeschichte ihres Körpers« natürlich. Es sei »diese zoologische Anschauungsweise, die in der Heraldik die ihr entsprechende Wissenschaft besitzt. Das Geheimnis des Adels ist die Zoologie.« (MEW, Band 1, Seite 311)

Es war daher kein Zufall, dass die deutschen Faschisten ihren Wahn vom »reinen Stammbaum«, den sogenannten Ariernachweis, direkt dem völkischen, d. h. auf »Blut und Boden« gegründeten, und rassistischen »Nachweisprinzip des Adels« entnahmen. Die 1874 gegründete, bis 1945 bestehende »Deutsche Adelsgenossenschaft« (DAG) verlangte den »Ariernachweis« seit 1918. 1933 waren folgerichtig unter den NSDAP-Mitgliedern Adlige »eindeutig überproportional vertreten«, so der Historiker Stephan Malinowski 2003. Da sie auch in Reichswehr, ­Diplomatie und Justiz eine führende Rolle spielten (das gilt analog bis heute), galt das auch für die elitären Widerstandskreise bis hin zu dem des 20. Juli 1944.

Das adligem Selbstverständnis entspringende Prinzip von »Blut und Boden«, das 1913 für das deutsche Staatsbürgerschaftsgesetz bestimmend war, ist bis heute als Rechtsgrundlage nicht völlig beseitigt. Die BRD erkannte daher nie die DDR-Staatsbürgerschaft an, sondern betrachtete deren Einwohner oder auch Ausgewanderte als »Deutsche«, sprich: »Arier«, in diesem Sinn.

Die Stammbaumzoologie wird von der Nachfolgeorganisation der DAG, dem 1949 gegründeten, in Marburg ansässigen »Deutschen Adelsrechtsausschuss«, bis heute betrieben. Laut Satzung begutachtet und entscheidet er ohne Antrag »a. Zugehörigkeit zum historischen Adel, b. Recht zur Führung adeliger Namen und Titel, einschließlich der Erstgeburtstitel und aller Adoptionsfälle innerhalb des Adels, c. Fragen der Heraldik«. Er repräsentiert aber nicht alle Inhaber eines »von« im Namen. Deren Zahl lag 1919 bei 60.000, was damals einem Promille der Bevölkerung entsprach, als durch Artikel 109 der Weimarer Verfassung die Adelsvorrechte abgeschafft wurden. Eine »Abschaffung des Adels« wurde mehrheitlich abgelehnt, dessen Besitztümer blieben erhalten. Der von der KPD in Gang gebrachte Volksentscheid zur Fürstenenteignung erbrachte 1926 zwar eine Mehrheit, aber nicht das nötige Quorum. Nach 1945 wurden adlige Liegenschaften im früheren Ostpreußen, östlich der Oder im heutigen Polen sowie in der Sowjetischen Besatzungszone enteignet. In den Westzonen blieben sie ebenso wie die Besitztümer der meisten Monopolkapitalisten unangetastet. Adlige sind in Westdeutschland bis heute nach der Bahn AG und den beiden großen christlichen Kirchen die größten Grundbesitzer (immer noch aktuell ist die »Rangliste der 400 großen alten Vermögen« in Bernt Engelmanns Buch »Das Reich zerfiel, die Reichen blieben«, Hamburg 1972 und Berlin/DDR 1974).

Die Besitzansprüche speziell des »alten« deutschen Adels sind nicht begründet. Sie beruhen auf Legenden, Urkundenfälschung, Gewalt und Betrug. Die reale Geschichte des deutschen Adels besteht in dem seit dem 14. Jahrhundert in Ostdeutschland einsetzenden »Bauernlegen«, d. h. der Einführung von Leibeigenschaft und Frondienst als angeblich schon immer existierend. Dies und die wirtschaftliche Krise des Adels war Hintergrund für die oben erwähnte rassistische Ideologie. Während die Enteignung der Kleinbauern in Großbritannien Teil der relativ raschen »ursprünglichen Akkumulation« des Kapitals war, zog sich der Prozess in Deutschland über Jahrhunderte hin. Lenin sah darin einen eigenständigen, verlangsamten Weg zur Entwicklung des Kapitalismus, den er »preußisch-junkerlich« nannte.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Armin Christ: Irrtum In Deutschland gilt für die Staatsbürgerschaft das Blutrecht, d. h. deutsch ist, wer von deutschen Eltern abstammt. Im Gegensatz dazu gilt in Frankreich Recht von Blut und Boden; d. h. französisch ist...

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