Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 24.07.2019, Seite 10 / Feuilleton

Höchst, Lambert, Hohmann

Von Jegor Jublimov
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Regisseur des Undergrounds: Lothar Lambert, der heute seinen 75. Geburtstag feiert

Bis zu seinem Tode prägte Siegfried Höchst drei Jahrzehnte lang das Theater, aber auch Film und Fernsehen in der DDR. Nach dem dreijährigen Dienst in der NVA studierte der gebürtige Ostpreuße Schauspiel in Berlin, spielte hier am Deutschen Theater (DT), war Regisseur an der Volksbühne, und dazwischen hatte er wichtige Stationen in Potsdam, Schwerin und Karl-Marx-Stadt. Unter seinen relativ wenigen Filmen ragen Heiner Carows zu Unrecht vergessene DFF-Produktion »Jeder hat seine Geschichte« (1965), Rolf Losanskys Lustspiel »Im Himmel ist doch Jahrmarkt« (1969) und die hintergründige Komödie von Iris Gusner »Kaskade rückwärts« (1984) mit Höchst als verschmitztem Eisenbahner heraus. Wichtiger waren jedoch seine Theaterinszenierungen, die Offenbarungen glichen, etwa am DT Federico García Lorcas »Doña Rosita bleibt ledig« (1971; zusammen mit dem Bühnenbildner Horst Sagert) oder Gerhart Hauptmanns »Schluck und Jau« (1984; zusammen mit Gert Hof). Höchst holte sich immer wieder starke Partner, weil er durch eine langjährige Alkoholabhängigkeit stark gefährdet war. Mit nur 52 Jahren wurde sie ihm endgültig zum Verhängnis. Am Sonntag wäre er 80 Jahre alt geworden.

Schon heute feiert Lothar Lambert den 75. Zwar kennt man ihn auch von der Leinwand, weil er gelegentlich in seinen eigenen Filmen mitspielte, aber er war vor allem als Regisseur des Undergrounds auf vielen Festivals der Welt vertreten, allein 17mal auf der Berlinale (in Nebensektionen). Der Westberliner aus Rudolstadt hat eine deutliche Liebe zum Osten, weshalb seine Filme oft in der Weißenseer Brotfabrik am Caligariplatz Premiere feiern – so auch morgen sein 40. und womöglich letzter Film »Oben rum, unten rum«, in dem er in vielen kleinen, oft schmutzigen Geschichten von Außenseitern der Gesellschaft, die auch sexuell selbstbestimmt leben wollen, erzählt. Am Montag wird Lambert dann direkt an der ehemaligen Grenze am Potsdamer Platz im Arsenal mit der Aufführung einer restaurierten Fassung von »Fucking City« (1981) geehrt.

Sowohl Kolumnisten als auch Regisseure geben sich gern mal ein russisches Pseudonym. Lew Hohmann heißt eigentlich Hans-Jürgen, was freilich weniger interessant klingt. An der TH (Karl-Marx-Stadt) studierte er Maschinenbau, fühlte sich aber zur Kunst hingezogen, wurde nach abgebrochenem Studium Beleuchter im Opernhaus, um dann in Babelsberg Filmregie zu studieren. Aus trockenen Aufträgen machte er im Defa-Dokumentarfilmstudio kleine Satiren, beispielsweise »Warum sich der 60. Jahrestag der Oktoberrevolution nicht für die Wodkawerbung in der Bundesrepublik eignet« mit Straßeninterviews in der BRD. Zum Luther-Jubiläum präsentierte er einen Trickfilm, und mehrere, sehr ernsthafte Filme drehte er über Friedrich Wolf und dessen Söhne, auch noch, als er ab 1991 Geschäftsführer der Firma Tele Potsdam war. Am Montag ist Lew Hohmann 75 geworden.

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