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Schneller geht’s nicht

Von Rafik Will
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So nah dran wie niemand sonst: Reporter von Radio Corax berichten aus Halle (hier 2015)

In einem Hörspiel gibt es nichts zu sehen. Das kann man als Mangel empfinden. Aber die aufs Akustische reduzierten Mittel bieten erzählerische und darstellerische Möglichkeiten, die im Film nicht zur Verfügung stehen. Ein Beispiel dafür ist Christoph Schlingensiefs Stück »Rocky Dutschke ’68« (WDR 1997; Di., 20 Uhr, DLF), das den »Prix Futura 1998« erhielt. »Live geschaltet aus drei Studios« sind diverse Redakteure, ein steppender Wolf Biermann und Heiner Müller, der über sein »inneres Säuern« sinniert. Am Ende gibt es eine Leiche.

In die Fantasy-Welten des Traumhörspiel führt dann Yukio Mishimas  »Das Traumkissen« (RB 1958; Mi., 22 Uhr, DLF Kultur) nach einer Vorlage des No-Theaters, das von verzauberter Bettwäsche handelt. Die neue Ausgabe der »Kurzstrecke« (Eigenproduktion/DLF Kultur 2019; Ursendung Do., 22 Uhr, DLF Kultur) bietet dagegen wieder Hörspiel, Klangkunst und Feature im Dreierpack. Das Feature kommt diesmal von Miri Pelzmann und untersucht laut Programmankündigung den »Fahrstuhl als Realitätstransformator«.

Wie wichtig das niedrigschwellige Echtzeitmedium Radio sein kann, zeigte sich am vergangenen Samstag, als in Halle das freie Radio Corax den ganzen Tag über die Aktionen gegen eine Demo der »Identitären Bewegung« informierte. Der Sender hielt die Hörerinnen und Hörer mit Liveschaltungen und Berichte von Reporterinnen und Reportern immer auf dem aktuellen Stand der Ereignisse. Schneller und direkter als mit UKW-Radio geht’s nicht. Eine Zusammenfassung der Berichterstattung findet sich unter der Rubrik »Nachhören« auf radiocorax.de.

Ist es ein Verbrechen, jemandem den Kopf abzuschlagen, der diesen gerne separat von seinem Körper eingefroren wissen möchte? Natürlich ist es das. Ein solcher kurioser Fall wird in Michael Essers »Extropia« (WDR 2001; Fr., 19 Uhr, WDR 3 und Sa., 17 Uhr, WDR 5) aufgearbeitet. Und während sich Martina Groß mit  »Mississippi revisited – Auf den Spuren der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung« (WDR/DLF 2019; Fr., 20 Uhr, DLF) in die US-Südstaaten begibt, würdigt Manfred Bauschulte Herman Melville:  »Oh Bartleby! Oh Menschheit! Die Lange Nacht über den amerikanischen Schriftsteller Herman Melville« (DKultur/DLF 2017; Sa., 0 Uhr, DLF Kultur und 23 Uhr, DLF). Zum anstehenden 200. Geburtstag des Schriftstellers werden auch Hörfunkinszenierungen seiner Werke gesendet, unter anderem Klaus Buhlerts »Moby-Dick oder Der Wal. Adventure Cut« (BR 2005; So., 14 Uhr, HR 2 Kultur). »Adventure Cut« heißt die Version, weil ihr eine zehnteilige Fassung (BR 2002) zugrunde liegt. Sie läuft am Sonntag um 15 Uhr auf Bayern 2 an und wird im Wochenabstand fortgeführt. Wiederholt wird jeweils montags um 20 Uhr.

Ein Sci-Fi-Stück über eine extraterrestrische Strafkolonie kommt mit Friedrich Dürrenmatts »Das Unternehmen der Wega« (BR/SDR/NDR 1954; Sa., 15 Uhr, Bayern 2). Um den leider allzu realen Massenselbstmord der Sekte der Jones-People geht es in James Restons Feature »Unser Vater, der du bist in der Hölle« (NPR/SFB 1988; Sa., 18 Uhr, DLF Kultur).

Zur Auflockerung Musik: Bianca Ledewig spricht in der Sendung  »Sound Get Mashup: Utopie und Apokalypse in der Popmusik – Breakcore und Gabba in Berlin« (Fr., 22 Uhr, FSK) über ihr gleichnamiges Buch. Und zum Abschluss Adorno: Christoph Spittler sucht »Das richtige Leben im falschen. Theodor W. Adorno im Praxistest« (DLF 2019; So., 20 Uhr, DLF).

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