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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Hübsche Bogenlampe

Wie Algerien zum zweiten Mal den Afrika-Cup gewann
Von André Dahlmeyer
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Bitte lächeln: Algeriens Riyad Mahrez (M.) mit Großkopferten aus der Politik und vom FIFA-Zirkus

Am Freitag ging im Cairo International Stadium der 32. Afrika-Cup zu Ende, in diesem Fall Coupe d’Afrique des Nations 2019, denn die Nickeligkeiten im Finale zwischen Senegal und Algerien wurden geflissentlich auf französisch ausgetragen, weshalb der afrikanische Fußballverband CAF kurz vor dem Match noch mal eben den Schiri auswechselte, damit der auch mitschnacken konnte. Der Südafrikaner Victor Miguel de Freitas Gomes wurde durch einen Herrn aus Kamerun namens Alioum Alioum ausgetauscht. Victor Gomes hatte im April vergangenen Jahres einen Bestechungsversuch (in Höhe von 30.000 US-Dollar) vor einem von ihm geleiteten Match im CAF-Konföderationspokal zwischen Plateau United (Nigeria) und USM Algier (Algerien) angezeigt. Monsieur Alioum wiederum verdient sich seine Schrippen auch als Oberst der Luftwaffe Kameruns, dessen Hauptstadt zwischen 1884 und 1919 Berlin hieß.

Am Afrika-Cup partizipierten erstmals 24 Nationalmannschaften des Kontinents, auf dem der Mensch erfunden wurde. Titelverteidiger Kamerun sowie Klassenstreber und Gastgeber Ägypten waren bereits in den Achtelfinalspielen mit Pauken, Trompeten und auch einigen Vuvuzelas (fiesen Krachmaschinen) auf der Strecke geblieben. Wer nicht vom Weg abkommt, verbleibt dort für gewöhnlich. Die sympatischste Truppe des Wettbewerbs, die »Barea« (Buckelrinder), wie die madegassische Auswahl (die erstmals teilnahm) auch genannt wird, kam im Viertelfinale gegen die Tunesier unter die Räder – jene Tunesier, die es geschafft hatten, sich in der Gruppenphase fast schon paraguayisch sieglos als Gruppenzweiter zu qualifizieren. Tunesien – Afrikameister 2004 und Weltranglisten-25ster – unterlag am Ende im Spiel um Platz drei dem dreimaligen Meister Nigeria (Weltranglistenplatz 45), gecoacht von dem Deutschen Gernot Rohr, mit 0:1. Den einzigen Treffer hatte der in China kickende Odion Ighalo bereits nach drei Minuten besorgt.

Senegal hatte 2002 schon einmal im Finale gestanden, aber gegen Kamerun verloren. Für Algerien war es das dritte Endspiel. 1980 waren die »Wüstenfüchse« klar an Nigeria gescheitert, 1990 im eigenen Land war es wieder gegen die »Super Eagles« gegangen – da hatte es gereicht.

Für die Algerier lief nach dem Anpfiff alles rund. Nach einem Ballgewinn an der Mittellinie wurde Baghdad Bounedjah die Kugel durchgesteckt, und der ehemalige Torschützenkönig der tunesischen Liga, seit einigen Jahren in beim in der Qatar Stars League spielenden Al-Sadd Sport Club in Doha angestellt, zog kurz vorm Halbmond ab, und vom linken Botten des Schalker Abwehrhünen Salif Sané aus entstand eine hübsche Bogenlampe, die nicht nur Tormann Amigo Gomis, sondern auch Milliarden TV-Zombies vor ihren Flachbildschirmen übermannte. Eins zu null für Favorit Algerien, gerade mal zwei Minuten aufgewärmt.

In der Folge verwaltete der Weltranglisten-68ste diese Führung. Die »Löwen von Teranga«, die bis dahin in den sechs Turniermatches lediglich einen Gegentreffer kassiert hatten (justament im verlorenen Gruppenphasenmatch gegen Algerien), konnten ihre wenigen Chancen nicht nutzen. Sadio Mané von Champions-League-Gewinner FC Liverpool tauchte nicht auf. Und nicht ohne Grund wurde der in Saudi-Arabien kickende algerische Tormann Raïs M’Bolhi zum wertvollsten Spieler des Finals bestimmt. Nach einer Stunde war den Senegalesen per Videoauswertung ein zunächst gegebener Handpenal aberkannt worden.

Nach 29 Jahren gewann Algerien zum erst zweiten Mal den Africa-Cup. In Algier, Paris, London et cetera knallten die Korken. Ich fragte mich, was Mehdi Charef da wohl dachte. Darauf einen Tee im Harem des Archimedes. Ganz ohne Harkis.

Erstaunlich waren die 32 Fouls der Algerier im Finale. Und dass dem Senegal der Fair-Play-Preis verbraten wurde. Bei der WM in Russland war Senegal punkt- und torgleich an Japan und der Quali fürs Achtelfinale gescheitert, wegen zweier dubioser Fair-Play-Punkte.

Indes, der Senegal (Weltranglistenrang 22) ist auf einem guten Weg. 2012 schaffte die Elf es ins Viertelfinale der Olympischen Spiele von London. Und seit vor vier Jahren Nationalidol Aliou Cissé, Abwehrchef der WM 2002, den Franzosen Alain Giresse als Trainer ablöste, weht deutlich ein neuer Wind durch ihren Fußball.

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