Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. August 2019, Nr. 190
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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der Arbeiterbewegung

Wacklige These

Neues Heft von Arbeit – Bewegung – Geschichte zu Rosa Luxemburg und aktueller Geschichtskultur
Von Rainer Holze
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Um ihr Erbe wird weiterhin gestritten: Rosa-Luxemburg-Denkmal in Zwickau

Unter den Beiträgen der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Arbeit – Bewegung – Geschichte fordert der unter dem Titel »Rosa Luxemburgs Allianz mit der SPD-Bürokratie: Eine Kritik ihrer Politik in Polen, 1893–1918« veröffentlichte Aufsatz von Eric Blanc am stärksten zur Diskussion und zur Entgegnung heraus. Der Autor möchte mit seinem Beitrag der aus seiner Sicht weit verbreiteten Idealisierung Rosa Luxemburgs – viele Autoren würden sie »heutzutage allzu unkritisch als eine humanistische, undogmatische und demokratische Alternative zu Sozialdemokratie, Leninismus und/oder Stalinismus« sehen – entgegenwirken. Dabei fällt der für einen aktuellen Aufsatz bemerkenswerte Umstand ins Auge, dass er sich nicht mit den relevanten neueren Forschungsergebnissen zu Rosa Luxemburg – etwa von Annelies Laschitza, Feliks Tych (1929–2015) und Holger Politt – auseinandersetzt, sondern nur auf die Biographie von John P. Nettl aus dem Jahre 1966 Bezug nimmt, die siebenbändige Luxemburg-Werkausgabe nicht heranzieht und manche der Rosa Luxemburg unterstellten Stellungnahmen nicht mit Äußerungen von ihr selbst belegt. Insgesamt vermisst der Rezensent eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem komplizierten Wechselverhältnis zwischen sozialen und nationalen Fragen in der Strategie und Taktik der sozialdemokratischen Parteien zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Sehr zu begrüßen ist, dass die Redaktion der Zeitschrift die neue Rubrik »Geschichtskultur« installiert hat. Mit ihr, heißt es im Editorial, möchte sie »der breiteren Verankerung von Geschichte in Kultur und Gesellschaft gerecht werden«. Vorgestellt werden sollen hier fortan die Ziele und die Arbeit verschiedener Geschichtsinitiativen, selbstverwalteter Archive und unabhängiger Projekte. Eröffnet wird die Rubrik mit einer ausführlichen Ausstellungsrezension von Anja Thuns über den Berliner Themenwinter »100 Jahre Revolution – Berlin 1918/19«. In diesem historischen Kontext ist auch der Beitrag von Vincent Streichhahn (»Die revolutionäre deutsche Linke und der Kometenschweif der russischen Oktoberrevolution«) angesiedelt, in dem gezeigt wird, dass die Bezugnahme auf die Bolschewiki, ob abgrenzend oder zustimmend, das entscheidende Merkmal für die Politikentwicklung in der USPD darstellte. Aus Platzgründen kann hier nur noch auf einige weitere inhaltsreiche Beiträge verwiesen werden: die biographische Skizze von Mareen Heying über die Beziehung des kommunistischen Paares Klara Matthies und Karl Schabrod unter den Bedingungen der Diktatur des deutschen Faschismus 1933 bis 1945, die Untersuchung von Eric Böhm über die Kommunikation des DGB rund um den 17. Juni 1953 sowie Joachim Brenners Betrachtung der Publikationen Edmund Fischers als Ausdruck eines Antifeminismus in der frühen deutschen Sozialdemokratie.

Arbeit – Bewegung – Geschichte. Zeitschrift für historische Studien. Nr. 2/2019, Metropol, Berlin 2019, 180 Seiten, 14 Euro, Bezug: Metropol-Verlag, Ansbacher Str. 70, 10777 Berlin

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