Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 8 / Ansichten

Totalitäre Verheerungen

Sächsische CDU verhöhnt Faschismusopfer
Von Sebastian Carlens
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Gift aus der Fälscherküche der sächsischen Union: Screenshot vom 21. Juli 2019

Im Freistaat Sachsen könnte sich entscheiden, wie die BRD in Zukunft mit ihren Faschisten umgehen wird. Nirgendwo sonst ist die AfD derart geistesverwandt mit der regionalen CDU. Die »Alternative« ist hier eine Ausgründung, eine zweite Filiale der Union. Dementsprechend hart sind die Bandagen, mit denen beide Parteien im Vorfeld der Landtagswahlen am 1. September in den Ring steigen. Welche Taktik Michael Kretschmers Truppe einschlägt, wird dabei immer deutlicher: die rechten Mitbewerber nicht nur rechts überholen, sondern – und hier zeigt sich das demagogische Talent der Christdemokraten, von denen sich die AfD-Leute einige Scheiben abschneiden können – die »Alternative« in die linke Ecke stellen.

Auf der Webseite der sächsischen CDU wurde am Samstag veröffentlicht: »Sozialismus hat nur für Leid gesorgt. Egal, ob national oder real existierend.« Garniert ist der Beitrag mit zwei Bildern: Dem ausgebombten Dresden im Jahr 1945 – und einer leicht maroden Straße mit lange nicht renovierten Häusern. Das also soll alles »Sozialismus« sein: Der Untergang der Elbmetropole im alliierten Feuersturm des Zweiten Weltkrieges ebenso wie ein gewisser Sanierungsstau an Gründerzeit-Altbausubstanz in Görlitz im Jahr 1990.

Man kann auf Anhieb kaum sagen, was perverser ist: der nachträgliche Kniefall vor der lügnerischen Begabung der Nazifaschisten, die auch dank ihres »sozialistischen« Etikettenschwindels an die Macht gelangt waren. Der mehr als bizarre Vergleich zwischen bröckelnden Fassaden, die es natürlich auch im Westen gab und gibt, und den Verwüstungen eines Krieges, der aufgrund der verbrecherischen Politik einer deutschen Regierung losgetreten wurde. Die geschichtsvergessene Gleichsetzung der rassistischen Ausrottungspläne der Nazis mit der dem Antifaschismus verpflichteten DDR – die nie einen Krieg führte und von den überlebenden Opfern der deutschen Faschisten aufgebaut worden war. Oder die implizite Verächtlichmachung der Millionen Opfer des Naziregimes: Denn die DDR hat Akten-, das »Dritte Reich« aber Leichenberge hinterlassen.

Die sächsische Linke weist diese Vergangenheitsklitterung natürlich von sich, wird sie doch zum totalitären Milchbruder der AfD gestempelt: Das »sozialistische Experiment« der Nazis und der real existierende Sozialismus der Linke-Vorgängerpartei SED sollen schließlich beide in ein Trümmermeer geführt haben. Der sächsische Linken-Spitzenmann Rico Gebhardt quengelte am Sonntag: »Wir würden mit der CDU gerne über die reichlich aktuellen Verheerungen des real existierenden Kapitalismus sprechen.«

Ob das die richtigen Gesprächspartner sind? Mit diesem Kapitalismus hat auch Die Linke ihren Frieden gemacht, die Verheerungen inklusive. Für Sachsen aber gilt: Wer diese CDU nicht – gleichermaßen und mit gleicher Entschlossenheit – wie die AfD bekämpft, der hat schon verloren.

Debatte

  • Beitrag von Jan Ralske aus Berlin (22. Juli 2019 um 10:57 Uhr)
    https://twitter.com/wobbley_bobbley/status/1152581111395934209
  • Beitrag von josef witte aus Hefei, VR China (22. Juli 2019 um 16:38 Uhr)
    Wie immer ist auch dieser Kommentar von Sebastian Carlens von pointierter Schärfe und Klarheit. Den Seitenhieb auf den Spitzenkandidaten der Linken verstehe ich allerdings nicht. Das Verb »quengeln« beschreibt gewöhnlich das anklagende und nervtötende Geheule von Kindern, die unbedingt etwas haben wollen, weshalb man im Einzelhandel die Verkaufsregale, vollgepackt mit Süßigkeiten, Kaugummi usw., die kurz vor der Kasse aufgebaut sind, auch Quengelregale nennt. Sollte sich Rico Gebhardt also auf ähnliche Weise um Zustimmung und Anerkennung bei der CDU bemühen, dann hat er wohl mediale Dresche verdient. Aber das Zitat: »Wir würden mit der CDU gerne über die reichlich aktuellen Verheerungen des real existierenden Kapitalismus sprechen«, gibt das beim besten Willen nicht her. Das kann man auch ebensogut als klare Kampfansage interpretieren. Solidarische Kritik an der Linken ist gut und notwendig, aber sie sollte auch fundiert sein.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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  • Roland Winkler, Aue: Kampf dem Faschismus Es geht nicht nur um die AfD, das ist wohl wahr, auch wenn Sachsens CDU angeblich in großer Angst und Sorge darüber ist und der T-online-Newsletter das thematisiert in der Meinung von Tatjana Heid. D...
  • Norbert Staffa, Großolbersdorf: Billigste Schlammschlacht Sachsens CDU sitzt im Glashaus – wirft aber trotzdem mit Steinen! – Er ist ein echter Politikprofi, der Generalsekretär der sächsischen CDU, Herr Alexander Dierks. Zweifelsohne ein Barde gegen alles w...

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