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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 2 / Inland
Antifaschistischer Protest

Klare Kante

Tausende bei Demonstrationen gegen Neonazis in Kassel und Halle
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Großaufgebot gegen Kleinstpartei: Demonstranten in Kassel gaben am Sonnabend ein deutliches Zeichen

Tausende Menschen sind am Sonnabend in Kassel und Halle an der Saale auf die Straße gegangen, um Neonazis den Weg zu versperren. 15.000 Demonstranten kamen laut Veranstalter in Kassel zusammen, die gegen einen Aufmarsch der faschistischen Kleinstpartei »Die Rechte« protestierten. 120 Neonazis sollen es dem Vernehmen nach am Ende gewesen sein. In einer Mitteilung zeigte sich das Kasseler »Bündnis gegen rechts« zufrieden mit dem Verlauf. Man habe in den Tagen zuvor »riesigen Druck und eine starke Gegenwehr aufgebaut«, hieß es am späten Sonnabend. Das Fazit: »Wir haben den Nazis die Plätze in Kassel genommen!«

Der angekündigte Aufmarsch war in zweierlei Hinsicht eine Provokation. Zum einen wurde mit dem 20. Juli als Termin der 75. Jahrestag des gescheiterten Attentats von Militärs auf Adolf Hitler ausgewählt, zum anderen mit Kassel der Ort, an dem der CDU-Politiker Walter Lübcke erschossen wurde, mutmaßlich von dem Neonazi Stephan Ernst. Der Umstand, »dass Neonazifreunde von Stephan Ernst ihn und seine Helfer für den Mord an Walter Lübcke ehren wollten«, habe die Menschen in Kassel wütend gemacht, heißt es weiter in der Mitteilung des antifaschistischen Bündnisses. Daher sei die Beteiligung am Sonnabend so groß ausgefallen.

Kritik äußerten die Antifaschisten an den »umfangreichen Absperrmaßnahmen«, durch die »das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen« gekommen sei. Polizeieinsätze hätten den Ablauf von Kundgebungen und Demonstrationen erschwert. Dies dürfe nicht »zur Regel werden«. Nach Angaben der Deutschen Presseagentur seien sich Neonazis und Gegendemonstranten zeitweise bis auf wenige Meter nahe gekommen. Nach Polizeiangaben wurden 31 Personen zeitweise fest- oder in Gewahrsam genommen, unter anderem wegen Verstößen gegen das Vermummungsverbot oder wegen Zeigens von Symbolen verfassungswidriger Organisationen. Mit Blick auf den rechten Aufmarsch und den Mord an Lübcke sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD), es sei »widerlich und scheinheilig, wenn ausgerechnet die, die den Hass schüren, nun wenige Wochen nach diesem unfassbaren Verbrechen durch Kassel marschieren«.

Zeitgleich zum Aufmarsch in Kassel hatte die faschistische »Identitäre Bewegung« zu einer Kundgebung in Halle an der Saale aufgerufen. Auch hier zeigte sich ein klares Bild: Mehr als 3.000 Gegendemonstranten stellten sich etwa 200 »Identitären« in den Weg, wie das Bündnis »Halle gegen rechts« am späten Sonnabend mitteilte. Drei Protestzüge sowie eine Fahrraddemo habe man unter dem Motto »Identitäre stoppen! Für Solidarität ohne Grenzen« auf die Straße bekommen und damit die Neonazis blockiert, hieß es weiter. »Das war eine klare Ansage an die Faschisten«, sagte Bündnissprecher Valentin Hacken. Die Veranstaltung der »Identitären« war am Nachmittag von der Versammlungsbehörde abgesagt worden. Die Polizei sprach von Sicherheitsbedenken. (dpa/jW)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Matthias Bartsch, Lichtenau: Mutig und heldenhaft Klar festzuhalten ist, dass die Frauen und Männer, die, genannt oder ungenannt, im Großen wie im Kleinen, Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten bereit waren, mutig und heldenhaft gehande...

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