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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kommunisten totgeschwiegen

Ein US-Geheimdienstler verbreitete schon 1947 die Legende, nur die Verschwörer vom 20. Juli 1944 hätten in Deutschland wirksamen Widerstand gegen Hitler geleistet
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Stauffenberg »lehnte das verantwortungslose Spiel ab, das eine Einheitsfront des nachhitlerischen Deutschlands mit den Westmächten gegen die Sowjetunion betrieb, und forderte die Einschaltung der Kommunisten in die Aufstandsfront« – Bormann (l.), Göring (helle Uniform) am 20. Juli 1944 nach dem Attentat in der »Wolfsschanze«

Am 1. Juli 1947 veröffentlichte der Journalist und kommunistische Politiker Albert Norden (1904–1982) in der Weltbühne die Besprechung eines in den USA erschienenen Buches von Allen W. Dulles (1893–1969) über die Verschwörer des 20. Juli 1944. Dulles war von 1942 bis 1945 Deutschlandchef des US-Geheimdienstes OSS mit Sitz in der Schweiz, von 1953 bis 1961 leitete er die CIA. Norden schrieb u. a.:

Wenn ein Buch den anspruchsvollen Titel »Deutschlands Untergrund« (»Germany’s Underground«, New York 1947) trägt, dann erwartet der Leser, ein ungefähres Bild der Kräfte zu finden, die seit 1933 in Deutschland selbst den Kampf gegen die Hitler-Diktatur aufnahmen. Aber es scheint, dass diese frühzeitige Opposition gegen den Faschismus und ihr märtyrerreicher Weg weitgehend unbekannt sind, denn von ihr ist in dem Buch kaum die Rede. In seinem Mittelpunkt steht vielmehr das Komplott, das in dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 gipfelte.

Und das ist kein Zufall. Die Schichten, die vor und seit 1933 den Kampf gegen den Nazismus führten, waren vorwiegend Sozialisten und Kommunisten, die sich jenseits des Ozeans weitgehender Unbeliebtheit erfreuen, während die Kreise, die den Kern der Verschwörung vom 20. Juli bildeten, vorwiegend zu den konservativen Gesellschaftsgruppen gehörten, die ein gerüttelt Maß Schuld am Machtantritt des deutschen Faschismus trugen. (…) Während der ganzen Hitler-Ära bis zur Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg war Allen W. Dulles Direktor der amerikanischen und der englischen Schroeder-Bank, der ausländischen Finanzagentur des deutschen Stahl-Trusts, die auch direkte Aufträge von der Hitler-Regierung erhielt und deren englischer Zweig mit Dulles’ Zustimmung sich der »Anglo German Fellowship« anschloss, der politischen Propagandaorganisation für das »Dritte Reich« in England, deren Fäden Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop zog. Die geographisch und politisch in der Wall Street gelegene Rechtsanwaltsfirma Sullivan & Cromwell, deren Seniorchef John F. Dulles, der Berater Außenminister George C. Marshalls, und deren Mitglied Allen W. Dulles ist, vertritt die Schroeder-Bank in allen juristischen Fragen. (…)

Diese Tatsachen machen es verständlich, warum Dulles in seinem Buch so wenig über jene authentischen deutschen Antifaschisten zu sagen weiß, die allerdings zu einer Zeit agierten, als die Dulles noch mit den Nazi-Trusts profitable Geschäfte machten. Notgedrungen musste man die Freundschaft aufgeben, als Hitler Amerika den Krieg erklärte, und setzte nun die Hoffnung auf jene Kreise in Deutschland, die sich zwar der Nazigeister entledigen wollten, ohne aber an dem von diesen stabilisierten kapitalistischen System zu rütteln. Darum identifiziert Dulles den deutschen Untergrund mit der Affäre des 20. Juli. Nun wird dieser Tag zweifellos ein wichtiges Datum in der Geschichte der innerdeutschen Widerstandsbewegung bleiben – wenn auch wiederum nicht so entscheidend, wie gewisse Kreise glauben machen wollen, die den langjährigen Widerstand der deutschen Linken gegen den Faschismus ins Dunkel eines recht beredten Schweigens hüllen, damit der Stern der Verschwörer vom 20. Juli um so heller strahle.

Man verstehe uns recht: Wir verneigen uns mit dem schuldigen Respekt vor den Opfern Hitlers, auch wenn sie vorher Marschallstäbe von ihm entgegennahmen und erst dann von ihm abfielen, als Deutschlands militärische Niederlage besiegelt war. Aber das enthebt uns nicht der Pflicht zu untersuchen, warum die Männer des 20. Juli scheiterten, deren Chancen wahrhaftig größer waren als die irgendeiner anderen Antinazibewegung zuvor. (…) Die wichtigste Ursache des Versagens der Generale lag darin, dass sie gar nicht für ein neues Deutschland eintraten, sondern nur für eine andere Spielart des deutschen Imperialismus. Sie warfen Hitler nicht so sehr vor, dass er Krieg führte, als dass er ihn falsch führte und zu viel Feinde angenommen hatte. (…)

Oberst Stauffenberg fiel beträchtlich aus dem Rahmen der übrigen an der Verschwörung beteiligten Militärs. Wo diese oft nur an die Konservierung der Wehrmacht dachten und in den eroberten Ländern Faustpfänder gegenüber den Alliierten sahen, welch letztere man auseinanderzumanövrieren gedachte, wo sie, die Generale, eine militärische Atempause zu gewinnen trachteten und innenpolitisch eine konservative Regierungsform etablieren wollten, da hatte Stauffenberg eine ganz andere Konzeption. Er lehnte das verantwortungslose Spiel ab, das eine Einheitsfront des nachhitlerischen Deutschlands mit den Westmächten gegen die Sowjetunion betrieb, und er forderte mit einer Energie, die auch durch seine schwere Verwundung in Nordafrika nicht beeinträchtig worden war, die Einschaltung der Kommunisten in die Aufstandsfront.

Albert Norden: Die Bedeutung des 20. Juli. In: Die Weltbühne, Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft, Heft 13, Berlin, 1. Juli 1947

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