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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 15 / Geschichte
Deutsche Revolution 1848/49

Letztes Gefecht

Mit dem Fall der Festung Rastatt am 23. Juli 1849 endete die deutsche Revolution von 1848/49
Von Gerhard Feldbauer
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Die Geschlagenen. Gefangene Revolutionäre in den Kasematten der Festung Rastatt 1849 (Illustration von Otto E. Lau, in: Wilhelm Blos: Die deutsche Revolution, Stuttgart 1893

Im Frühjahr 1849 hatte die deutsche Revolution eine letzte Chance. Nach Niederlagen in Dresden, Breslau und im Rheinland war die im Mai in Baden und der Pfalz ausgebrochene Erhebung zunächst erfolgreich. Fast die gesamte badische Armee und die pfälzischen Soldaten schlossen sich dem Aufstand an. Zum ersten Mal entstand ein Revolutionsheer. Da die Volksmassen noch eindeutig zur Seite der Revolution neigten, bestand die Möglichkeit, den Erfolg über die Landesgrenzen zu tragen. Obwohl sich im Juni die günstigen internationalen Bedingungen durch die Niederlage der demokratischen Partei in Paris, den Stillstand der Revolution in Ungarn und die italienischen Rückschläge in Rom und Piemont verschlechterten, war die Niederlage in Baden keineswegs unausweichlich. Um die Revolution voranzutreiben, hätte es vor allem der militärischen Offensive bedurft.

Finale im Südwesten

Am 28. März 1849 hatte die Frankfurter Nationalversammlung eine Reichsverfassung verabschiedet. Sie verzichtete auf eine demokratische Republik und sah eine konstitutionelle Monarchie in Form eines Bundesstaates mit erblicher Kaiserwürde vor. Es war eine sehr gemäßigte liberale Verfassung, die in Form des Kompromisses mit der herrschenden Feudalkaste die Interessen der Großbourgeoisie sichern sollte. Sie enthielt als Ergebnis der vorangegangenen revolutionären Kämpfe eine Reihe fortschrittlicher Artikel, sah eine politische Zentralgewalt vor und konnte so der Bourgeoisie und ihren Produktivkräften Raum zur Entfaltung, damit aber auch der entstehenden Arbeiterklasse günstigere Entwicklungsbedingungen schaffen. Die Feudalreaktion mit Preußens Wilhelm IV. als oberstem Repräsentanten wies die Reichsverfassung trotz ihres Kompromisscharakters zurück. Der radikaldemokratische Flügel mit den Volks- und Arbeitervereinen forderte daraufhin, sie mit militärischer Gewalt durchzusetzen.

Marx und Engels appellierten an die Einsicht der demokratischen Abgeordneten, dass es für das Parlament nur einen Weg zur Verteidigung der Revolution und der eigenen Existenz geben konnte: die Revolutionsarmee nach Frankfurt zu rufen und an die Spitze des bewaffneten Aufstandes zu treten. Sie fanden kein Gehör. Als nach ihrem Verbot am 19. Mai die letzte Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung erschienen war, brachen Marx und Engels nach Südwestdeutschland auf, um die Forderungen des radikaldemokratischen Flügels der Bewegung zu vertreten. Durch Hessen, wo Preußen bereits ein Armeekorps zur Niederschlagung des Aufstandes zusammenzog, reisten sie weiter und führten in Mannheim, Karlsruhe und Ludwigshafen Gespräche mit den Vertretern der kleinbürgerlichen Demokraten. Auch hier ergebnislos, denn die befanden sich bereits im Schlepptau der liberalen Bourgeoisie, die zur Konterrevolution überlief.

Während Marx nach Paris reiste, um die dortige Situation zu analysieren, begab sich Engels zur Revolutionsarmee. Er lehnte einen Posten in der provisorischen Regierung ebenso wie im Oberkommando der Revolutionsarmee ab und schloss sich dem Freikorps von Oberst August Willich an. Militärische Kenntnisse besaß Engels seit seiner Zeit als Einjährig-Freiwilliger in der preußischen Garnison in Berlin. In der Revolutionsarmee kämpften die Mitglieder des Bundes der Kommunisten Wilhelm Liebknecht, Johann Philipp Becker, der die Badische Volkswehr kommandierte, Joseph Moll, der als Kanonier der Besançoner Arbeiterkompanie in der Schlacht an der Murg fiel, Fritz Anneke sowie die Setzer und Arbeiter der verbotenen Neuen Rheinischen Zeitung. »Die entschiedensten Kommunisten waren die couragiertesten Soldaten«, vermerkte Engels.

Zahlenmäßig unterlegen

Nachdem die konterrevolutionäre Bourgeoisie eine Offensive der Revolutionstruppen verhindert hatte, traten diese in mutigen Gefechten der in Baden einfallenden 60.000 Mann starken preußischen Interventionsarmee entgegen und stellten sich am 28./29. Juni an der Murg unterhalb der Festung Rastatt mit noch 13.000 Mann den 40.000 Preußen zur letzten erbitterten Schlacht. Gestützt auf die weitreichende Festungsartillerie, konnten sie sich lange Zeit trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit halten. Die Preußen wagten »keinen ernstlichen Frontalangriff, sondern schlugen uns durch feigen Verrat, indem sie das neutrale, uns verschlossene württembergische Gebiet verletzten«, schrieb Engels. Dadurch konnten sie den rechten Flügel General Ludwik Mieroslawskis zerschlagen. Während sich ein Teil der Truppen nach der Niederlage in die Festung Rastatt begab, zogen sich etwa 7.000 Mann nach Süden zurück.

Um die Zivilbevölkerung vor dem Artilleriebeschuss zu bewahren, kapitulierte die Festung am 23. Juli. Der preußische Befehlshaber, General Georg Graf von der Groeben, ließ sofort den Festungskommandanten Oberst Gustav Tiedemann und 27 seiner Offiziere standrechtlich erschießen. Hunderte starben in den Kasematten der Festung ohne medizinische Hilfe an Typhus, Unzählige wurden heimlich ermordet. Tausende fielen im ganzen Land dem Terror der Feudalreaktion zum Opfer, Zehntausende wurden gerichtlich verfolgt. Nach dem Ende der Badischen Revolution verließen etwa 80.000 Menschen, circa fünf Prozent der dortigen Bevölkerung, ihre Heimat. Die revolutionären Kämpfer würdigend, schrieb Engels in seiner »Reichsverfassungskampagne«: »Das deutsche Volk wird die Füsilladen und die Kasematten von Rastatt nicht vergessen; es wird die großen Herren nicht vergessen, die diese Infamien befohlen haben, aber auch nicht die Verräter, die sie durch Feigheit verschuldeten«.

Adjutant der Revolution

Zum Militär war er übrigens wie geschaffen: helles Auge; rascher Überblick, rasches Wägen auch der kleinsten Umstände, rascher Entschluss und unerschütterliche Kaltblütigkeit.« So urteilte Wilhelm Liebknecht über Engels, der als Stabschef und Adjutant im Freikorps Willich diese Eigenschaften glänzend unter Beweis stellte (in: »Mohr und General. Erinnerungen an Marx und Engels«, Berlin/DDR 1964, S. 425).

In mehreren Gefechten und in der Schlacht bei Rastatt stand er immer in vorderster Linie und kommandierte selbst Einheiten. Bei Rinntal habe Engels als Kommandeur eines Seitendetachements mehrere Stunden zeitweise im dichtesten Feuer gestanden. »Sein Eifer und sein Mut wurden von seinen Kampfgenossen ungemein lobend hervorgehoben«, schrieb die Revolutionsteilnehmerin Franziska Anneke in ihren »Memoiren einer Frau aus dem Badisch-Pfälzischen Feldzug« (Newark/New Jersey 1853). Anneke war in zweiter Ehe mit dem ehemaligen preußischen Leutnant Fritz Anneke, der die pfälzische Artillerie kommandiert hatte, verheiratet, und war selbst Meldereiterin im Freikorps von Oberst Willich gewesen. Beide emigrierten nach der Niederlage in die USA, wo Franziska eine bekannte Vorkämpferin der Demokratie- und Frauenbewegung wurde (siehe die Biographie von Karin Hockamp: »Von vielem Geist und großer Herzensgüte«, Bochum 2012).

Als es an der Murg bei Bischweiler zum ersten Gefecht kam, begab Engels sich dorthin. »Unsre Tirailleure wurden von einem heftigen Feuer empfangen. Es waren preußische Schützen, die ihnen gegenüberstanden, und unsre Arbeiter hatten den Spitzkugelbüchsen nur Musketen gegenüberzustellen. Sie gingen aber, unterstützt von dem rechten Flügel unserer Schützen, der zu ihnen stieß, so entschlossen vor, dass die kurze Entfernung sehr bald, namentlich auf dem rechten Flügel, die schlechtere Qualität der Waffe ausglich und die Preußen geworfen wurden«. Nach der Niederlage kommandierte Engels die Nachhut des Freikorps Willich, die den Übertritt der noch 7.000 Mann zählenden Revolutionsarmee am 12. Juli bei Lottstetten in die Schweiz deckte.

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