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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Kinder auf Gruppenfoto

»Krieg und Gewalt gezielt verharmlost«

Friedensinitiative hält das Einbinden von Kindern in den Militärbetrieb für einen Skandal
Von Susan Bonath
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Transparent in Wolmirstedt/Sachsen-Anhalt beim 250. Friedensweg und dem gleichzeitigen Ostermarsch 2014

Für das Gruppenfoto für die Altmark-Zeitung, veröffentlicht am 16. Juli, hatten sich alle in Reih und Glied positioniert: Einige Dutzend Kinder winken in die Kameras. Dazu ein paar Lehrer, wohl auch Eltern und etwa 15 uniformierte Bundeswehrsoldaten. »Die Kinder fanden es klasse«, titelte das Blatt mit einem Zitat von Silvia Lehmann, die die Grundschule in Letzlingen leitet.

Peter Haese spricht dagegen von einem »Skandal«. Er ist Mitglied der Bürgerinitiative »Offene Heide«, die sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert für eine zivile Nutzung des Militärgeländes in der Colbitz-Letzlinger Heide einsetzt. Seit vielen Jahren bekomme er mit, wie die Bundeswehr mit Hilfe von Politik und Behörden in das zivile Leben der Einwohner in den Anrainergemeinden des Truppenübungsplatzes Altmark eingebunden wird, sagte er im Gespräch mit jW. Dass sie schon Grundschüler vereinnahmt, hält er für unverantwortlich. »In einem Alter von sieben oder auch zehn Jahren kann ein Kind doch noch gar nicht einschätzen, womit es da zu tun hat, worauf die Soldaten dort vorbereitet werden und dass sie bei ihren Einsätzen vielleicht sogar Kinder töten«, so Haese. Auf diese Weise, meint er, »werden Krieg und Gewalt gezielt verharmlost«.

Die Aussagen der Stadt Gardelegen als Schulträger und des Bildungsministeriums von Sachsen-Anhalt kann er nicht nachvollziehen. Dort hieß es, es handele sich lediglich um Sport, Spiel und Spaß. Von einem Überrumpeln mit erwünschten politischen Meinungen könne keine Rede sein. »Selbstverständlich werden Kinder dort indoktriniert, wenn auch nicht offen«, mahnte er. Schließlich mimten dort Soldaten in Uniform kinderliebe Betreuer und stellten den Soldatenberuf als Abenteuer dar. »Letztlich verfolgen sie damit nur ein Ziel: Sie wollen die Kleinen frühzeitig begeistern.« Haese beklagte zudem ein mangelndes Bewusstsein bei den Eltern. Zum einen liege das wohl daran, dass einige von ihnen in der strukturschwachen Region selbst bei der Bundeswehr oder beim GÜZ-Betreiber, der Rüstungsfirma Rheinmetall, angestellt seien. Zum anderen verglichen viele die Aktionen mit der vormilitärischen Ausbildung in der DDR. »Sie sehen einfach den Klassencharakter nicht, also dass es sich um eine imperialistische Armee handelt«, glaubt er.

Haeses Mitstreiter Malte Fröhlich geht noch weiter zurück. »Möglicherweise wollen sich die Alteingesessenen der Region gar nicht mit dem Thema Militär auseinandersetzen, weil ihre Eltern dort schon unter den Nazis gearbeitet haben«, spekulierte er im Gespräch. Auf dem Gelände des heutigen GÜZ testete die Wehrmacht von 1933 bis 1945 ihre Waffen. »Doch wer seine Kinder heute arglos der Bundeswehr überlässt, der muss sich doch fragen: Tut sie das aus reinem Altruismus, weil die Schule so schlecht ausgestattet ist?« Dann, so Fröhlich, müsse man doch eher dafür sein, den Bildungsetat aufzustocken und den Werbeetat der Bundeswehr herunterzufahren.

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