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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Die menschliche Kreatur

Die radikale Schweizer Künstlerin Miriam Cahn wird 70
Von Hannes Klug
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Auch im schönsten Meeresleuchten kann man ertrinken: »BLAU« (2018), ein Kommentar Miriam Cahns zur Situation an Europas Grenzen

Miriam Cahns Bilder sind Erkundungen in Grenzbereiche. Die Körper, die im Mittelpunkt ihrer Arbeiten stehen, wirken oft reduziert, kaum noch als menschliche Formen erkennbar, und doch werden sie gerade hierdurch zu Bedeutungsträgern verdichtet: zu zerbrechlichen Einheiten, oft einzeln, nur selten im familiären Verbund, in die sich Verwundbarkeit und Schmerz einschreiben.

Von Beginn an ist für die Schweizer Künstlerin das Private politisch, das Persönliche allgemein. Nur dadurch, dass die Körper auf ihren Bildern nackt – oder wie sie es lieber nennt: »entblößt« – sind, sagt sie, könnten sie Verletzungen und Entstellungen sichtbar machen. Kleider verhüllen, die Haut kommuniziert mit der Außenwelt und dadurch auch mit dem Betrachter. Im Gemälde »schnell nach rechts!« (2005/2017) streckt im Vordergrund ein Kind angesichts einer unklaren Bedrohung verzweifelt den Arm in diese Richtung aus. Wie oft bei Miriam Cahn bevölkern verirrt wirkende, fragile Gestalten Landschaften, die ins Unbestimmte zerfließen. In diesen kaum von Zivilisationszeichen markierten, amorphen Räumen gibt es keinen Halt, wirken die Menschen verloren und schutzlos. Ihre Münder sind aus den Gesichtern ausgekratzt, ihre Posen schamvoll, ratlos oder ergeben. Durch das Fehlen einer konkreten Verortung erscheinen Cahns Bilder elementar und weisen direkt ins finstere Herz menschlicher Existenz.

Das Leiden und der Schmerz ziehen sich deutlich durch das Werk der Künstlerin, die am 21. Juli ihren 70. Geburtstag feiert. Sie dominieren eine konsequente künstlerische Biographie, die über Jahrzehnte ein unverwechselbares Werk hervorgebracht hat, dessen Energiequellen nicht zuletzt in Empörung und Wut zu finden sind. »Das zornige Schreiben« heißt eine Publikation, die dieses Jahr erschienen ist und Briefe, Reflexionen und Notizen aus ihrem Leben versammelt:

ich wurde künstlerin / lernte alles / vergass alles / alles alles alles / den begriff kunst / das künstlerbild / und sämtliche gestaltungs- und technikprinzipien // künstlerin sein / ist das grosse privileg / alle und alles zu vergessen / die arbeit kunst neu zu erfinden / ich / lerne indem ich vergesse / ich / arbeite laufend / und vergesse laufend was ich tue

Unter dem Titel »Ich als Mensch« ist derzeit im Münchner Haus der Kunst eine Werkschau zu sehen, die fünf Jahrzehnte von Miriam Cahns Schaffen umspannt. Im Zentrum der Kunst von Miriam Cahn stehen Protest, Aktivismus, Feminismus und eine ungeschönte Sicht aufs menschliche Befinden, das bei ihr zuallererst ein weibliches ist. »mein frausein ist mein öffentlicher teil« hieß eine illegale Street-Art-Reihe, bei der sie 1979 Brückenpfeiler unter der Autobahn in Basel bemalte. Sie musste sich deshalb vor Gericht für die Zerstörung öffentlichen Eigentums verantworten. Mann und Frau, das waren die Gegenpole, die ihren Arbeiten zunächst eine Richtung gaben, die sich im Laufe der Zeit aber in eine nach allen Seiten offene Gender-Diversität auflösten. Angelehnt an die Performance- und Videokunst der 60er und 70er Jahre fertigte Cahn anfangs unter vollem Körpereinsatz riesige, düster wirkende Kohle- und Kreidezeichnungen an, auf dünnem Pergamentpapier ebenso filigran wie brachial. »Reingehen, machen, rausgehen«, sagt sie heute über ihre damalige Arbeitsweise. Bloß nicht zurücktreten, schauen, verbessern – dieser männlich-künstlerische Genieduktus. Sie arbeitete auf dem Boden, selbst für die größten, bis zu sieben Meter breiten Formate brauchte sie nicht länger als ein bis zwei Stunden, erzählt sie vergangenen Freitag beim Rundgang durch die Münchner Ausstellung. Miriam Cahn wirkt redselig und aufgeräumt und erzählt freigebig davon, wie sie sich etwa 1982 von der »Documenta 7« zurückzog, nachdem der damalige Leiter Rudi Fuchs von einer Rauminstallation kurzerhand einfach die Hälfte – und zwar ausgerechnet die »weibliche« – entfernen ließ, während die »männliche« Hälfte der Bilder hängen bleiben sollte.

Männliche Zeichen, das waren für sie »alle Außenweltzeichen plus Krieg und Handel«. Stur, wie sie selbst sagt, folgte sie diesem Schema, immer auch angetrieben von der Notwendigkeit, die Verhältnisse klar zu benennen. Dazu gehört auch der freizügige Umgang mit Wörtern wie »wichsen« und »ficken« und die offen obszöne, lust- wie schmerzvolle Darstellung weiblicher wie männlicher Sexualität. »Man muss die Worte nutzen, wie sie sind. Manche sagen, die Frau ist näher an der Natur, näher an der Erde – das ist alles scheiße. Ich bin dagegen, dass man das sentimentalisiert. Mich interessiert, wie sich das sozial auswirkt. Der einzige Unterschied zwischen Frauen und Männern ist, dass Frauen Kinder kriegen können«, erklärt sie im von ihr »Sexraum« genannten letzten von fünf Ausstellungsräumen.

Dahinter gibt es noch Super-8-Filme zu sehen, die sie in den 80er Jahren drehte und die sich auf reduktive Weise mit der Natur beschäftigen, mit Bäumen, Fischen oder Blumen. In ihren Werkreihen »Mit geschlossenen Augen (M. G. A.)« und »Lesen in Staub (L. I. S.)« widmet sie sich auch malerisch Tieren und Pflanzen:

die bewegung der pflanzen kann ich nur sehen, wenn ich mit geschlossenen augen zeichne: ich schliesse die augen und ahme die bewegungen der pflanzen nach. dabei verirre ich mich auf dem papier. beim öffnen der augen ist die arbeit fertig (...) im kreidestaub lesend, tasten sich meine hände an die tiere und frauen heran. so leuchten jeden tag die tiere und frauen verschieden. »leuchten« ist verwandt mit »strahlen, verstrahlt«

Das Leuchten, das Strahlen kann vieles sein – vielleicht ein Lachen, das bei Miriam Cahn in vielen Varianten vorkommt: als fröhliches, fast beseeltes, selbst wenn der dazugehörige Körper angespannt zurückschaut wie in ihrem Bild »abbau« aus dem Jahr 2017. Doch es gibt auch ein verzerrtes, gequältes Lachen, ein »lachen bei gefahr« (2018) und ein »lachenmüssen«, das eng verwandt ist mit dem »flüchtenmüssen«, dem »tötenmüssen« oder auch dem »atmenmüssen«, wie andere Bilder von ihr heißen: Es folgt einem kreatürlichen Zwang und markiert eine Dissonanz zwischen innen und außen, zwischen Befinden und Welt.

Bereits in den 1980er Jahren malte Miriam Cahn in kritischer Empörung grellbunte Aquarelle, die explodierende Atombomben darstellten und eine Umwertung durch den Betrachter einforderten, der sich womöglich zuerst der Sinnlichkeit der zerfließenden Wasserfarben ergeben hatte. Was hier strahlt, das ist nicht zuletzt die atomare Kettenreaktion, die »bewegung der farben (atombomben)«, wie es in einem Texteintrag heißt:

ich schleudere das wasser mit den farben: gelb, magenta, cyan das papier empor (wie eine nuklearexplosion), sie fliessen wieder herunter (wie ein fallout), entgleiten meiner kontrolle und vermischen sich (verseuchung)

Erschütternd ist auch Cahns Bilderserie »Mare Nostrum«, die etwa im Bild »BLAU« (2018) im schönsten Meeresleuchten Ertrinkende zeigt, die unter der Wasseroberfläche in die Tiefe sinken – ein Kommentar zur Situation an Europas Grenzen.

Der Kurator Adam Szymczyk, der Miriam Cahn 2017 erneut zur »Documenta« einlud, schreibt im Katalog zur Münchner Ausstellung, das Interesse der Künstlerin gelte »dargestellten Lebewesen – Menschen und Tieren –, deren durch die anhaltende Allgegenwart von Krieg, Vertreibung, Gewalt und Tod bedrohte Existenz in einem permanenten Zustand des Exils erfasst wird«. Er sieht dies auch durch die jüdische Herkunft der Künstlerin und deren Identifikation mit der jüdischen Geschichte begründet. »Wenn ich Müller geheißen hätte, wäre das vielleicht anders gekommen«, schrieb sie einmal. Miriam Cahn malt weiterhin, wie sie sagt, »schöne Bilder mit grausamen Inhalten«. Heute, mit 70 Jahren, ist sie vielleicht unmittelbarer und radikaler denn je.

Miriam Cahn, »Ich als Mensch«, bis 27. Oktober, Haus der Kunst, München

Miriam Cahn: Das zornige Schreiben. Hatje-Cantz-Verlag, Berlin 2019, 298 Seiten, 25 Euro

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