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Aus: Ausgabe vom 17.07.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Raumfahrt

Von Jörg Kronauer
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Ab ins All. »Apollo 11« startet

»Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit«: Am 21. Juli 1969, vor fast genau 50 Jahren, betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Es war ein Ausnahmeereignis, das die Menschheit in seinen Bann schlug: 500 bis 600 Millionen, rund ein Sechstel der damaligen Erdbevölkerung, verfolgten auf flimmernden Fernsehbildschirmen Armstrongs erste tastende Schritte auf dem Erdtrabanten. Ein Gedanke, der seit Jahrhunderten so viele gefesselt, der seinen Niederschlag in Märchen, in Romanen gefunden hatte, wurde Wirklichkeit.

Dabei ging es auch bei der ersten Mondlandung, wie immer in der Raumfahrt, nicht nur um die Faszination, die das All und die Erkundung seiner fremden Weiten seit je ausüben. Es ging zugleich um mehr: um höchst profane irdische Staatenkonkurrenz. Mit der Mondlandung war es den USA gelungen, den Rückstand wettzumachen, in den sie zuvor geraten waren: Seit dem Start des Sputnik 1, des ersten Satelliten, am 4. Oktober 1957 und dem ersten Weltraumflug, den Juri Gagarin am 12. April 1961 unternommen hatte, hatte zuvor die Sowjetunion die Nase vorn gehabt. Das wog nicht nur wegen der Prestigewirkung schwer, sondern vor allem auch, weil die Raumfahrt regelmäßig wissenschaftlich-technologische Höchstleistungen erzwingt und damit den Staaten, die sich das teure Hobby leisten können, materielle Vorteile verschafft. Nicht umsonst hatten sich bereits am 14. Juni 1962 zehn westeuropäische Staaten zur European Space Research Organisation (ESRO) zusammengetan, um Satelliten zu bauen. Am 30. Mai 1975 folgte dann die Gründung der European Space Agency (ESA): Europa hatte seinen ökonomischen und politischen Aufstieg in die globale Führungsliga im Visier.

Seit ihrer ersten Blütezeit im Kalten Krieg hat sich die Raumfahrt, die Entwicklung ihrer irdischen Basis reflektierend, stark gewandelt. Neue Staaten erobern das All: China hat am 3. Januar 2019 mit der Landung der »Chang’e 4« auf der Rückseite des Mondes sein Meisterstück geliefert; Indien hat am Sonntag den Start der »Chandrayaan 2«, mit der die erste Landung am Südpol des Mondes gelingen soll, wegen technischer Schwierigkeiten kurz vor dem Abheben verschoben. Und: Zunehmend treten private Unternehmen an die Stelle staatlicher Organisationen. Die von Tesla-Chef Elon Musk gegründete »Space X« etwa schickt regelmäßig Trägerraketen in den Weltraum, dessen Nutzung längst satte Profite abwirft. Kommunikation, Navigation, natürlich auch Spionage: Ohne Satelliten läuft das alles nicht mehr. Zudem haben findige Kapitalisten den Abbau von Rohstoffen nicht nur auf dem Mond, sondern auch auf fernen Asteroiden im Blick. »Space X« will als Stützpunkt für profitable Tätigkeiten aller Art eine Basisstation auf dem Mars errichten. Deutsche Unternehmer diskutieren – Ordnung muss sein – über den Aufbau einer orbitalen Müllabfuhr; der Bundesverband der Deutschen Industrie erklärt den Weltraum in einem eigenen Strategiepapier zum »Zukunftsmarkt«.

Und, na klar: Wo es Märkte zu erobern gilt, da schicken Staaten ihre Streitkräfte hin. Die Zeiten, in denen es vor allem darum ging, Satelliten zur irdischen Kriegführung zu nutzen, sind vorbei. Die Vereinigten Staaten bauen ein eigenes Raumfahrtkommando auf; Frankreich zieht nun mit der Schaffung eigener Raumfahrteinheiten nach. Man müsse in Zukunft in der Lage sein, sich nicht nur »aus dem Weltraum«, sondern auch »im Weltraum zu verteidigen«, erklärte Präsident Emmanuel Macron am vergangenen Samstag: Das All sei ein »neuer Bereich der Konfrontation«. Gut möglich, dass man dereinst wieder Liveübertragungen menschlicher Mondlandungen sehen kann. Dann werden es vielleicht Bergbauingenieure oder Bundeswehrsoldaten in Kampfmontur sein.

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