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Alles zum Freundschaftspreis

Von Gabriele Damtew
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Kuchen, Grillgut und der jüngste Coup von TeBe-Boss Jens Redlich (Christian Rudolph erzählt, die Autorin lauscht und schreibt)

Fast wäre ich ins schwarze Fußballsommerloch gefallen. Zum Glück »rief« am Samstag die Wrangelritze, der Kunstrasenplatz des Kreuzberger Fußballvereins Hansa 07 Berlin. Der heißt seiner Lage wegen so – hineingepresst in den Wrangelkiez unweit des Schlesischen Tores. Doch betritt man ihn, öffnet sich der Blick ins Grüne. Und noch weiter, denn ein großes Banner spricht Klartext: »Catenaccio gegen Rassismus«; der italienische Riegel mal als Balsam für die Augen. Ein würdiger Austragungsort für das Turnier um den neunten Alfred-Lesser-Pokal, das zuletzt von der Abteilung »Tennis Borussia Aktive Fans« (TBAF) immer im Mommsen­stadion, der Heimstätte von TeBe im wilden Westen, organisiert wurde. Aufgrund des Boykotts der TBAFs jedoch nicht mehr dort stattfindet. Aber noch immer ist es ein Wettbewerb für befreundete Fangruppen, das den Mitbegründer von Tennis Borussia ehrt, der 1933 als Jude gezwungen worden war, seinen geliebten Verein zu verlassen.

Ich bin spät dran, der plötzliche Starkregen ist schuld, aber auf dem Platz wird eisern weitergespielt – Fußball kennt kein Wetter. Und schon stehen die Finals im schönsten Sonnenschein an. 18 Gruppen waren am Start, angetreten in gemischten Teams. Ich mische mich unter die Kickerinhas (bitte portugiesisch aussprechen). Felicia, rotblondes Haar, klarer Blick, noch außer Atem, klärt mich auf: Sie seien ein Frauenverein aus Neukölln, der gerade sein zehnjähriges gefeiert habe, auf dem Platz von Tasmania trainiere und neue Mitglieder suche. Feministisch, links, offen. Platz fünf immerhin, im Verbund mit den Fans von Türkiyemspor, wacker geschlagen gegen die fast nur männlichen Teams. Das Endspiel heißt Rijkaard Jugend/Champions ohne Grenzen/Gesellschaftsspiele versus Black Corner/Tasmanische Teufel. Endstand: 1:2. Der Zusammenschluss aus Eisbären-Eishockeyfans (können auch Fußball) und Tasmania-Anhängern war einfach besser. Was die Verlierer beim Bier lustig miteinander hadern lässt.

Die Harmonie und Solidarität dieses Turniers macht die Kontroverse zwischen der Fanbase von TeBe mit dem selbstherrlichen Vorstandsvorsitzenden und Geldgeber Jens Redlich um so deutlicher. Auf seiten der aktiven Fans steht die Liebe zu ihrem Verein: Hier wird aus eigener Tasche bezahlt und gestemmt, selbstgebackener Kuchen, Grillgut, Getränke; alles zum Freundschaftspreis. »Herzensangelegenheit«, sagen Daniel, der für die Logistik zuständig ist, und Stephan vom Grill, der in der Maiausgabe der Straßenzeitung Motz einen erhellenden Artikel zur Fankultur bei TeBe geschrieben hat. Christian Rudolph erzählt mir vom neuesten Coup Redlichs. Der habe eine Crowdfunding-Aktion für die Jugendarbeit von TeBe initiiert, allerdings über sein privates PayPal-Konto. Was dann eben kein Crowdfunding mehr ist, aus Sicht Redlichs aber super als Spende von der Steuer absetzbar. Transparenz sieht anders aus. Harte Zeiten für Menschen, die ihren Verein lieben, denen aber immer mehr das Mitspracherecht entzogen wird. Jetzt schon in den Unterklassen.

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