Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 16 / Sport
Tennis

Der Sieg des Maschinellen

Die Zukunft heißt Computertennis: Wimbledon geht an den Rasencyborg Novak Djokovic
Von Peer Schmitt
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Hat mindestens zwei Generationen Nachwuchsspieler auf dem Gewissen: Tennisterminator Novak Djokovic

Es war Fabio Fognini in einer seiner berüchtigten Schimpfkaskaden, der über die diesjährigen Championships in Wimbledon das wohl krasseste Urteil fällte. Mitte des zweiten Satzes seines Drittrundenmatches gegen den nicht weniger berüchtigten US-amerikanischen »Journeyman« Tennys Sandgren wetterte er plötzlich scheinbar wider jede Vernunft (auf Italienisch) los: »Ist es denn fair, hier spielen zu müssen? Verdammte Engländer, verdammte Engländer. Ich wünschte, eine Bombe würde in diesem Club explodieren. Una bomba deve scoppiare qua …«

Fognini, in Wimbledon an zwölf gesetzter Weltranglistenzehnter, brachte mit dieser durchaus missverständlichen Redewendung zum Ausdruck, dass er nicht übermäßig glücklich darüber war, sein Match auf einem windigen, ungemütlichen Außenplatz absolvieren zu müssen. Es war der verzweifelte Zorn der dominierten Fraktion unter den Privilegierten.

Wenn im Verlauf eines Grand-Slam-Turniers etwas Aufregendes passiert, dann meistens in der ersten Woche. In der zweiten Woche normalisieren sich die Verhältnisse: Die Altherrenriege der »Big three« Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer dominiert, die anderen schauen chancenlos zu.

Seit der Hüftverletzung von Andy Murray (der in der Doppelkonkurrenz antrat und zudem, als PR-Gag, zusammen mit Serena Williams im gemischten Doppel, beides mit mäßigem Erfolg) ist an der Seite der »Großen drei« ein Schattenplätzchen frei geworden. Im diesjährigen Halbfinale wurde es von einem echten Nachwuchstalent, dem lediglich 31jährigen Roberto Bautista Agut, eingenommen, der freilich Djokovic in einem der ödesten, maschinellsten Rasenmatches der jüngeren Vergangenheit in vier Sätzen unterlag. Im direkten Anschluss revanchierte sich Federer bei Nadal für seine Halbfinalniederlage bei den French Open, ebenfalls in vier Sätzen. Eigenartig, dass Federer in diesem Match ausgerechnet die längeren Ballwechsel dominierte. Stellenweise zeigte diese Begegnung bereits eine Art Computerspieltennis mit seltsamen Spins und scheinbar unmöglichen Winkeln. Zwei ältere Herren präsentierten die nähere Zukunft des Sports.

Nadal wiederum hatte bereits in der zweiten Runde gegen Nick Kyrgios das beste Match der ersten Woche geliefert. Der Australier scheiterte an seinen Konzentrationsmängeln. Kyrgios personifiziert den berechtigten Zorn der Jungen, zugleich aber auch ein von der Übermacht der Großen drei verursachtes, gewaltiges Phlegma. So hatte Wimbledon 2019 die Aura des Unvermeidlichen.

Ein öde vorhersehbares Turnier wurde schließlich durch das spektakuläre Endspiel zwischen Federer und Djokovic halbwegs gerettet. Zumindest war es rekordverdächtig lang. Djokovic gewann nach vier Stunden und 57 Minuten mit 7:6, 2:6, 7:6, 4:6, 13:12 seinen insgesamt fünften Wimbledon-Titel, seinen dritten in einem Endspiel gegen Federer. Nebenbei war es das erste Match in der Geschichte von Wimbledon, in dem die neue Tie-Break-Regel bei 12:12 im fünften Satz griff. Es dauerte geschlagene zwei Stunden und 57 Minuten, bis Djokovic bei 2:5 im vierten seine allererste Breakchance bekam. Es folgte der bis dahin längste Ballwechsel des Matches – 35 Schläge Computerspieltennis. Federer gewann ihn, um danach doch zum ersten Mal sein Aufschlagspiel abzugeben, was allerdings relativ bedeutungslos war, er führte im Satz bereits mit Doppelbreak.

Statistisch war Federer in praktisch jeder Kategorie der bessere Spieler: Mehr Gewinnschläge (94 zu 54), besserer Aufschlag, besserer Return. Doch entschieden wurde dieses Match durch unerzwungene Fehler in den drei Tie-Breaks. Federer: 11, Djokovic: null!

Und dennoch hatte Federer nach zwei Assen in Folge bei 8:7, 40:15 zwei Matchbälle. Den ersten vergab er mit einer ins Seitenaus verschlagenen Vorhand, den zweiten wehrte Djokovic nach einem zu kurzen Angriffsball des Schweizers mit einem Vorhand-cross-court-Passierschlag ab. Dieser Passierschlag im richtigen Augenblick gewann im Grunde Wimbledon 2019.

Es war der Sieg des Maschinellen über das Merkwürdige und die Nervenschwäche.

Es gab einen Ballwechsel in dem Match, nach dem Djokovic seiner Verwunderung Ausdruck verlieh, wie die von Federer knapp an der Grundlinie beinahe als Halbflugball mit einem extremen Spin die Linie entlang gespielte Vorhand technisch überhaupt möglich sein konnte. Grimassierend parodierte er den merkwürdig »gebrochenen« kurzen Schwung des Unterarms bei Federers Schlag.

Djokovic hingegen wurde schon von seinem Viertelfinalgegner, dem trotz guter Form absolut chancenlosen David Goffin, schlicht als »Maschine« bezeichnet. Die offizielle Wimbledon-Website nennt ihn »Cyborg of the lawns« (Rasencyborg). Doch wie sie auch heißen, die Dominanz der »Big three« hat bereits jedwede Hoffnungen von mindestens zwei Generationen an Tennisspielern zerstört. Dieser 33jährige serbische Cyborg ist kein Bote einer frohen Zukunft.

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