Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Kerben im Fleisch

»Vater unser«: Angela Lehners Romandebüt ist ein beeindruckendes Psychogramm
Von Werner Jung
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»An den Ballen kleben Baumnadeln. Ich streiche sie weg. Sie hinterlassen kleine Kerben in seinem Fleisch. – In einer Stunde werden sie nicht mehr da sein.«

Eine unzuverlässige Erzählerin spricht in »Vater unser«. Zumindest wird das im Klappentext zum Romanerstling der jungen Österreicherin Angela Lehner (Jg. 1987) behauptet. Das stimmt allerdings nur vordergründig, denn tatsächlich berichtet diese Eva sehr zuverlässig und genau davon und darüber, was es mit ihr und ihrer Familie auf sich hat. Messerscharf vermag sie zu beobachten, gekonnt und trefflich zu beschreiben, was ihr und der Umwelt zustößt – und weiß doch nicht, wie dies alles zusammenhängt.

Ausgangspunkt des Romans ist Evas Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt, in der sich ihr jüngerer Bruder Bernhard immer wieder wegen akuter Essstörungen aufhalten muss. Warum? Weil sie, wie sie dem behandelnden Psychiater Korb augenzwinkernd mitteilt, eine ganze Kindergartengruppe erschossen haben will. Doch ihr eigentlicher wunder Punkt ist die desolate Familienstruktur: ein Vater, der einmal als das »Geschwür« bezeichnet wird, der sich unter Alkohol über die Kinder hergemacht und früh schon die Familie wegen einer anderen Frau sitzengelassen hat. Bernhard hat das alles nicht ausgehalten, ist, wie seine Schwester auch, schwer traumatisiert – und kotzt und scheißt sich das Leben aus dem Leib. In Eva, immer schon die Aufmüpfige, Vorlaute, aber auch die Lügnerin (aus Anpassung?), wächst die Wut. Es keimt der Gedanke, sich zu rächen und den Erzeuger zu töten.

Die Geschwister brechen aus der Anstalt aus, begeben sich auf die Reise zum Vater, doch schaffen es nicht. Der Bruder stirbt völlig ausgehungert und wohl dehydriert im Wald, zumindest wirkt es so: »Bernhard. Er ist jetzt ganz still. Ich nehme seine Hand. An den Ballen kleben Baumnadeln. Ich streiche sie weg. Sie hinterlassen kleine Kerben in seinem Fleisch. – In einer Stunde werden sie nicht mehr da sein.«

Aber in diesem Text muss das nichts heißen. Denn um Realismus geht es Lehner nicht, vielleicht ums Spiel mit dessen Anmutungen. So tötet sich z. B. der behandelnde Psychiater Korb, um gegen Ende wieder putzmunter an der Seite von Evas Mutter aufzutauchen. Was ist wirklich, was ist möglich, was bloß eingebildet oder phantastisch? – Vielleicht bietet eine Passage den Schlüssel, in der es aus der Erzählerin herausbricht. Sie zeigt die Textur einer zutiefst verletzten Seele. Als »größte Strafe« empfindet Eva: »Dass ich jeden Moment meines Lebens mit mir selbst verbringen muss. Wie gern würde ich diesen Körper einfach ausziehen, ihn wie einen Pyjama abstreifen; ihn liegenlassen; neu anfangen. Leicht und frei. Und ich bedaure meine Familie, dass sie mich bekommen hat. Ich stelle es mir vor: Bernhard, die Mutter und der Vater am Frühstückstisch. Ich hebe die Fäuste und klopfe mir dreimal gegen die Schläfen, klopfe gegen herannahende Kopfschmerzen an.«

Angela Lehner: Vater unser. Hanser Berlin, München 2019, 284 Seiten, 22 Euro

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