Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Handelsstreit

Chinas Wirtschaftswachstum im 30-Jahre-Tief

Robuster Inlandskonsum konnte tiefgreifende Abkühlung verhindern
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China verlässt sich immer mehr auf die Kaufkraft der eigenen Bevölkerung

Chinas Wirtschaft ist im zweiten Quartal so wenig gewachsen wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. Angesichts des Handelsstreits mit den USA legte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt um 6,2 Prozent zu, wie die Nationale Statistikbehörde (NBS) am Montag mitteilte. Damit bewegt sich China allerdings innerhalb des von der Führung in Beijing für dieses Jahr prognostizierten Wachstumskorridors. Im ersten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gewachsen. Für das Gesamtjahr hat die Regierung ein Wirtschaftswachstum zwischen 6,0 und 6,5 Prozent im Vergleich zu 2018 veranschlagt. Im vergangenen Jahr hatte China sein BIP um 6,6 Prozent gesteigert – das war der geringste Anstieg, seit die NBS zu Beginn des langen Aufwärtstrends Chinas 1992 mit der Aufzeichnung ihrer BIP-Daten begonnen hatte.

«Chinas Wirtschaft steckt in einer Abwärtsspirale», sagt Wirtschaftsprofessor Huang Weiping von der Volksuniversität (Renmin Daxue) in Beijing am Montag der dpa. China arbeitet derzeit an einem umfassenden Strukturwandel für das Wachstumsmodell des Landes. Die investitionsgestützte, staatlich forcierte Expansionspolitik der vergangenen Jahrzehnte soll in ein stärker konsumgestütztes Modell übergehen. Die Regierung in Beijing hatte das abflauende Wachstum zuletzt etwa mit Steuersenkungen zu stützen versucht. Dank des robusten Inlandskonsums konnte die Volksrepublik jedoch eine tiefgreifende Abkühlung verhindern, was dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping einen gewissen Spielraum im Handelsstreit mit den USA einräumt.

Das wirtschaftliche Umfeld sei sowohl im Ausland als auch in China »kompliziert«, gab der Sprecher der NBS, Mao Shengyong, am Montag zu. Die weltweite Konjunktur verlangsame sich, während sich Instabilität und Unsicherheiten vergrößerten. Die zu Beginn des Jahres beschlossenen Steuersenkungen hätten jedoch zur Ankurbelung der Binnenwirtschaft beigetragen, und die Probleme mit dem Handel konnten so ausgeglichen werden, sagte der Sprecher am Montag. »Chinas Wirtschaftswachstum hängt immer mehr von der Inlandsnachfrage ab, insbesondere vom Verbrauch«, so Mao.

US-Präsident Donald Trump begrüßte die jüngsten Anzeichen für eine Verlangsamung des chinesischen Wirtschaftswachstums und schrieb am Montag auf Twitter, dass »die Zölle der Vereinigten Staaten einen großen Einfluss auf Unternehmen haben, die China verlassen wollen, um in nicht zollbelastete Länder zu gehen«. Trump wirft China unfaire Handelspraktiken zu Lasten von US-Unternehmen und den Diebstahl geistigen Eigentums vor. Er hat deshalb eine Strafzollspirale in Gang gesetzt, die inzwischen einen großen Teil aller Importe aus China in die USA betrifft. »Tausende von Unternehmen verlassen das Land. Aus diesem Grund möchte China einen Deal mit den USA machen und wünscht, es hätte den ursprünglichen Deal überhaupt nicht gebrochen«, so der US-Präsident. »In der Zwischenzeit erhalten wir Zölle in Milliardenhöhe aus China und in der Zukunft möglicherweise noch viel mehr.« (AFP/dpa/jW)

Debatte

  • Beitrag von josef witte aus Hefei, VR China (15. Juli 2019 um 22:22 Uhr)
    Ist den amerikanischen Trump-Twitter-Lesern nicht klar, dass Zölle von Importeuren auf Waren gezahlt werden und dass sie diese an den Kunden weiterreichen, die amerikanischen Kunden demnach die Zeche zahlen?

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