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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Luftverschmutzung

Giftige Gase in Schulen

Umweltskandal in Malaysia: Fabriken sollen Schulkinder vergiftet haben. Behörden wollen illegale Betriebe stillegen
Von Thomas Berger
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Notversorgung einer Schülerin am 25. Juni in Pasir Gudang (Malaysia)

Malaysias Behörden haben am Donnerstag drei illegale Fabriken im südlichsten Bundesstaat Johor nahe der Grenze zu Singapur geschlossen, nachdem Hunderte Schulkinder in der Region an Schwindelgefühl, Übelkeit mit Erbrechen und Kopfschmerzen erkrankt sind. Noch immer halten die Razzien in diversen Betrieben der Industriestadt Pasir Gudang an, mit denen mutmaßlichen Vergiftungen auf den Grund gegangen werden soll. Denn auch nach der Reinigung eines Flussabschnitts des Kim Kim kam es nach der Wiederöffnung mehrerer tageweise geschlossener Bildungseinrichtungen erneut zu Beschwerden mit den gleichen Krankheitssymptomen. Inzwischen wird auch überlegt, potentiell gefährliche Fabriken generell umzusiedeln. Solche, die nicht über notwendige Genehmigungen verfügen, sollen rigoros stillgelegt werden.

Die aktuellen Vorfälle hatten in der zweiten Junihälfte begonnen, nachdem Schüler über Schwindelgefühl und Übelkeit geklagt hatten. Am 25. Juni wurde daraufhin eine dreitägige Schließung der Bildungseinrichtungen angeordnet. Zudem stießen die Behörden zumindest scheinbar auf die Ursache der Beschwerden. Mitarbeiter einer Fabrik sollen toxische Substanzen in den Kim Kim River entsorgt haben. In Zusammenhang mit der Verschmutzung des Flusses waren neun Verdächtige von der Polizei festgenommen worden. Nach einer Reinigungsaktion des betroffenen Abschnitts meinten die zuständigen Behörden das Problem erst einmal aus der Welt geschafft zu haben. Doch nur wenige Stunden nach Wiederöffnung der Schulen hatten erneut mehrere hundert Kinder die gleichen Beschwerden wie zuvor. Inzwischen sind mindestens 1.000 Schüler von den genannten Symptomen betroffen. Inzwischen wurden an 85 Bildungseinrichtungen in der Stadt selbst und im Umkreis von 13 Kilometern um Pasir Gudang Messungen zur Luftqualität durchgeführt. Insgesamt 50 toxische Gase konnten damit ermittelt werden.

101 Kinder mussten infolge der Luftvergiftung in den lokalen Kliniken behandelt werden. Lediglich bei drei Kindern im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren hielten die Ärzte eine stationäre Aufnahme für geboten, so die umgehend von der Zeitung New Straits Times verbreitete Mitteilung von Mohammed Khuzzan Abu Bakar, dem Chef der lokalen Gesundheitsbehörde. Trotz gewisser Erleichterung über den geringen Behandlungsbedarf – auch musste niemand in die Intensivstation gebracht werden – ist die Beunruhigung bis in Malaysias Zentralregierung groß. Da es sich um Kinder aus mehreren Schulen handelt, muss aber tiefgehender geprüft werden, um die Ursachen der erneuten Gesundheitsbeschwerden herauszufinden. Gleichwohl haben die Ereignisse nun auch dafür gesorgt, dass die Regierung einen größeren Maßnahmeplan entwickeln will.

Die Region Johor ist eigentlich in erster Linie für seine Strände und teils noch intakten Regenwald bekannt. Das vor 100 Jahren gegründete und heute etwa 50.000 Einwohner zählende Pasir Gudang ist allerdings eine richtige Industriestadt, wo das Einholen notwendiger Genehmigungen und das Erfüllen konkreter Auflagen bisher offenbar nur lax kontrolliert wurden. Neben der Logistiksparte, dem Schiffbau sowie Lagerung und Handel mit Palmöl von umliegenden Plantagen bildet der petrolchemische Sektor ein wichtiges Wirtschaftssegment. Etlichen Betrieben könnte nun die Umsiedlung, wenn nicht sogar das komplette Aus drohen. Dies hatte Umweltministerin Yeo Bee Yin bereits in einer Erklärung am 4. Juli angekündigt. Auch in den vergangenen Tagen ließen die Behörden keinen Zweifel an momentan ernsthaften Bemühungen aufkommen. Eine Taskforce, geleitet von Mitarbeitern des regionalen Umweltamtes, hat bis zum Donnerstag bereits 248 Betriebe einer ersten Überprüfung unterzogen. Dabei stieß sie auch auf jene drei illegalen Fabriken, deren umgehende Stillegung verfügt wurde. Vertreter der Stadtverwaltung hätten das Einstellen der betrieblichen Operationen überwacht und eine Versiegelung der Anlagen vorgenommen, heißt es. Auch die Stromzufuhr wurde gekappt.

Die Razzien sollen auch in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Besonders im Visier sind illegale Anlagen, die Plastik und Ölprodukte recyceln und feste Abfälle verarbeiten. Doch auch Unternehmen mit behördlicher Genehmigung müssen darauf gefasst sein, dass ihre jeweilige Tätigkeit näher unter die Lupe genommen wird. Bei den knapp 250 bisherigen Inspektionen wurden 125 Auflagen erteilt. Die meisten betreffen die ordnungsgemäße Entsorgung fester Abfallstoffe, es gab aber auch einige hinsichtlich Abgasausstoß und Abwässer. Derweil ziehen mindestens 160 Familien mit von Vergiftungserscheinungen betroffenen Kindern vor Gericht. Da­runter ist ein Junge, bei dem zusätzlich Spasmen aufgetreten sind. Bei dem Zwölfjährigen ist Myokymie diagnos­tiziert worden, die möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass er den schädlichen Substanzen ausgesetzt war.

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