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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 6 / Ausland

Zwei »Targets« an einem Tag

Tag 5 (1. Juli): Eine gelungene und eine vereitelte Rettung
Von Valerio Nicolosi, TPI
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Das Rettungsschiff »Open Arms« am 1. Juli

Wir schreiben den 1. Juli. An diesem Tag gab es zwei »Targets«, wie man in der Fachsprache die Fälle von Suchen und Helfen nennt. Beide sind unterschiedlich ausgegangen.

Ein kleines Fischerboot mit etwa 30 bis 40 Personen bewegte sich auf uns zu und bat um Hilfe. An Bord befanden sich mehrere Frauen, darunter eine Schwangere kurz vor der Niederkunft, sowie vier Kinder, unter anderen ein Neugeborenes, das die Mutter gerade stillte. Sie waren nervös und schrien, sie zeigten auf die Schwangere und sagten uns, dass sie sich seit drei Tagen auf See befanden. Sie kamen aus Libyen und hatten ihre Vorräte aufgebraucht.

Die Kinder waren schutzlos der Sonne ausgesetzt und hatten keine Möglichkeit, sich zu bewegen. Man hatte sie am Bug untergebracht, weil dies der Teil des Bootes ist, in den kein Wasser eindringt. Wenn es keinen Platz gibt, um sich zu bewegen, leiden die Kinder unter den Konsequenzen. Auf den Holzbooten passiert das vor allem denjenigen, die sich im Inneren befinden, in der »zweiten Klasse« des Bootes der Hoffnung – einer Hoffnung, nach der von Verzweiflung getriebenen, jahrelangen Flucht durch Afrika jetzt nicht zu ertrinken. Es sind die Kinder, deren Anblick einem das Herz und den Magen verkrampfen lässt.

Cristina, die Bordkrankenschwester, hatte die stillende Frau durch ihr Fernglas entdeckt und gab uns Bescheid. Ich ging zum Heck, und als wir näher kamen, sah auch ich sie. Sie stillte ihr Baby und sah uns ängstlich an.

Ich denke an den Titel der Zeitung Libero über Vater und Sohn, die vor wenigen Tagen in Nordamerika ums Leben kamen, als sie einen Fluss durchquerten. Ich denke an die vielen Kinder, die in diesem Teil des Meeres ums Leben kamen – und dann denke ich an diejenigen, die fordern, man solle die Grenzen dichtmachen, sich aber gleichzeitig »Lebensschützer« nennen, weil sie gegen Schwangerschaftsabbrüche sind. »Open Arms«, »Sea-Watch«, »Mediterranea«, »Ärzte ohne Grenzen«, »Emergency« und alle anderen humanitären Organisationen sollten Lebensschützer genannt werden, denn sie kümmern sich um das Leben der Menschen, retten es manchmal und verbessern es auf jeden Fall.

Wir befanden uns in der Nähe der italienischen SAR-Zone (Search and Rescue, Suche und Rettung), so dass wir ihnen zunächst Wasser und Nahrungsmittel gaben, eine ärztliche Kontrolle durchführten und vor allem mit der Schwangeren sprachen. Dann blieben wir auf Sicherheitsabstand, bereit, zu helfen, sobald es eine Notlage gäbe. Wenig später griff die italienische Küstenwache ein. Es gab einen Moment der Spannung mit den Zöllnern, die den Bug ihres Motorschiffes gegen die »Open Arms« richteten und dann den Kapitän anschrien: »Was machst du, kommst du mit dem Bug auf uns zu?« Es war ein Akt der Nervosität, wohl infolge des Manövers der »Sea-Watch 3« im Hafen von Lampedusa. Als suchten sie einen Vorwand, um wieder einmal auf die NGO einzudreschen.

Morgens, als wir noch mit dem ersten »Target« beschäftigt waren, hörten wir ein Funkgespräch zwischen den Behörden in Lampedusa und einem tunesischen Fischerboot über ein zweites »Target«. Es verlief etwa so:

Fischerboot (in holprigem Französisch): »Lampedusa, wir sind ein tunesisches Fischerboot, und wir haben ein treibendes Boot mit sechs Personen an Bord gesichtet.«

Lampedusa (auf Italienisch und in schlechtem Englisch): »Wo haben Sie das Boot mit Illegalen gesichtet?« Als handelte es sich nicht um Menschen, sondern um etwas anderes, als gäbe es die Kategorie »Illegale«.

Das Fischerboot gab die Koordinaten durch, und Lampedusa antwortete, sie sollten Malta anrufen, weil das in dessen SAR-Zone liege, obwohl sich das Gebiet in der Nähe der italienischen Insel befindet.

Wir notierten die Koordinaten und machten uns auf den Weg. Wir informierten die maltesischen Behörden über unsere Anwesenheit und über die Möglichkeit, mit qualifiziertem ärztlichen Personal einzugreifen. Dies wurde uns, wieder einmal, untersagt. Die maltesische Seenotrettungsleitstelle forderte uns auf, »die Lage zu untersuchen«, ohne jedoch einzugreifen.

Sechs Personen an Bord eines kleinen Bootes von höchstens vier Metern Länge, unter der prallen Sonne und mit verbrannter Haut. Die Männer sagten, sie kämen aus Algerien und seien seit Tagen auf See. Sie baten uns um Essen und Trinken und wollten zu uns an Bord kommen. Wir erklärten ihnen, dass dies nicht möglich sei, weil es die zuständigen Behörden verboten haben. In diesem Moment war es etwa 15.00 Uhr. Um 18.00 Uhr taucht ein Patrouillenboot der tunesischen Marine auf und teilt uns mit, sie würden die Männer aufnehmen und nach Tunesien bringen. Das war rechtswidrig, weil wir uns in der maltesischen SAR-Zone befanden und weil Tunesien laut internationaler Regeln kein sicherer Hafen ist.

Wir blieben mit unseren RIB, den schnellen Schlauchbooten, zwar in einem Sicherheitsabstand, aber doch in der Lage zu kontrollieren, was vor sich ging. Wir bekamen das erste Mal mit, dass die Tunesier außerhalb ihrer Hoheitsgewässer auf diese Art und Weise vorgingen.

Das Motorboot näherte sich dem kleinen Boot. Die Männer sprangen ins Wasser und riefen, dass sie nicht nach Tunesien wollten. Die Militärs entfernten sich sofort, und die Retter der »Open Arms« schritten ein, verteilten Schwimmwesten. Man teilte uns mit, was wir zu tun haben: Die Männer an Bord nehmen, sie wieder auf ihr kleines Boot bringen und auf Anweisungen aus Valletta warten. Das wiederholte sich mehrmals. Jedesmal, wenn sich die tunesischen Militärs näherten, sprangen die Menschen ins Wasser und riefen, dass sie nicht nach Tunesien wollten.

Um 20.00 Uhr kam eine absurde Anweisung: »Das tunesische Motorboot wird sie an Bord nehmen und an Malta ausliefern.«

Wir sind vor fünf Stunden hier angekommen, wir haben vier Retter und medizinisches Personal an Bord. Mit den Schlauchbooten hätten wir den maltesischen Schiffen entgegenfahren können. Irgend etwas stimmte hier nicht. Alles wird klar, als auch ein Flugzeug der italienischen Küstenwache beginnt, über uns zu kreisen. Italien, Malta und Tunesien waren dabei, sechs auf See treibende Personen zurückzuweisen, damit sie nicht nach Europa kommen.

Obwohl wir wütend waren, gehorchten wir den Befehlen, blieben aber in der Nähe, um sicherzugehen, dass alles »den Regeln entsprechend« vonstatten geht. Die NGO agieren auf See nicht nur als Retter, sondern sind auch an Ort und Stelle, um anzuprangern, wenn die internationalen Gesetze nicht befolgt werden. So, wie es hier der Fall zu sein scheint.

Um zwei Uhr nachts befanden sich die sechs Personen noch immer auf See, und niemand ist ihnen zu Hilfe gekommen. Die maltesischen Behörden teilten uns mit, dass wir uns aus der SAR-Zone entfernen müssten. Es sollte wohl niemand wissen, dass hier eine Zurückweisung im Gange ist.

Nachdem die libysche »Küstenwache« aus örtlichen Milizen organisiert und mit italienischen Fahrzeugen ausgestattet wurde, vollzieht sich die Externalisierung der Grenze in den europäischen Such- und Rettungszonen jetzt mit Hilfe Tunesiens. In den vergangenen Wochen haben viele Medien behauptet, Tunesien sei ein Land, »in dem die italienischen Rentner ihren Lebensabend verbringen«. Sie wissen wohl nicht, dass Tunesien internationalen Organisationen zufolge die Achtung der Rechte von Flüchtlingen nicht garantiert.

Übersetzung: Christiane Barckhausen-Canale

Unser Autor berichtet von Bord der »Open Arms«, die im Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten. Seine Beiträge für das italienische Onlineportal The Post International übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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