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Gelungene Kommunikation

Von Helmut Höge
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Von Normopathie spricht man bei Personen, die sich vor ihrer Neurose schützen, indem sie sich als normal begreifen, es bezeichnet eine zwanghafte Anpassung. Mit diesem Begriff lassen sich vielleicht auch die ganzen Startupper verstehen. Berlin wird als Start­up-Hauptstadt bezeichnet. Hinter jeder neuen App steht ein Startup, auch hinter jedem neuen Delivery Service, der einem Fastfood – eine Pizza oder einen Hamburger – noch fast warm ins Haus oder in den Co-Working-Space bringt. Meistens handelt es sich bei den Startuppern und ihren Kunden um Hipster, die gepflegte Bärte tragen, dazu teure Turnschuhe und T-Shirts.

Auch die vielen aufdringlich bunten Fahrräder und E-Roller, die überall in den Straßen herumstehen oder -liegen, sind insofern Startups, als die Konzerne, denen sie gehören, ihre dafür extra in Steueroasen gegründeten GmbHs als solche bezeichnen. Früher musste man bloß in einem der Cafés am Kreuzberger Paul-Linke-Ufer sitzen, dann dauerte es nicht lange, bis ein Araberjunge einem fürs selbe Geld, allerdings in bar, ein Fahrrad anbot – mit dem sozial beruhigenden Hinweis: »Garantiert in Zehlendorf geklaut«.

In den U-Bahnhöfen wirbt jetzt ein Startup mit einer Internetadresse (fiverr.com), unter der man von Freelancern (Selbständigen) Content (Inhalte) für seinen Blog oder seine Firmenwebpage bekommen (kaufen) kann. Nehmen wir an, ich hätte als alter weißer Mann einen Internetblog, in dem es um Demenz geht, also alles rund um den Gedächtnisschwund, aber mir fällt schon nach dem 18. Eintrag nichts mehr ein. – Dann wende ich mich in meiner Not im Internet an diese Startup-Adresse und suche mir in ihrer Datenbank einen passenden Content-Lieferanten aus. Möglichst eine junge Frau, die noch einen klaren Kopf hat. Der sage ich: Schreib mir doch bitte einen Blogeintrag zum Thema Demenz, aber nichts, was schon in den vorangegangenen 28 Einträgen steht. Sie wird pro Blogeintrag bezahlt (über fiverr.com) und verlangt vielleicht noch einen Aufschlag, wenn ich ihren Content unter meinem Namen veröffentliche, sie also quasi als Ghostwriter fungiert.

Ich nehme weiter an, dass sie, um diese Contents für mich zu verfassen, im Internet unter dem Stichwort »Demenz« googelt und dann das, was sie dort interessant findet, copied and pasted – so machen es jedenfalls die meisten Studenten für den Content ihrer Hausarbeiten. Die Freelancer, die sich für den Content von anderen anbieten, arbeiten ja auch meist zu Hause oder in einem Co-Working-Space, wenn sie sich die 300 Euro leisten können, die so ein Space (ein Schreibtisch mit Computer, Internetanschluss und Telefon) monatlich kostet. Das Schöne an diesem ganzen Ringelreigen rund um die neue Startup-Internetadresse ist, dass wir dabei alles richtig machen: Das Startup sammelt Freelancer (und kassiert Gebühren), der Freelancer hat Aufträge, der Demenzblog einen fortlaufenden Content und der Co-Working-Space-Betreiber seine Großraumbüros ausgelastet. Eine runde Sache. Jedenfalls dann, wenn so viele Leute den Blog anklicken, dass immer mehr Pharmafirmen neben oder unter dem Content Anzeigen für ihre Medikamente gegen Demenz plazieren und ordentlich dafür zahlen. Dann kann ich den Freelancer bezahlen und er oder sie den Co-Working-Space sowie, falls nötig, auch das Startup-Unternehmen, das uns zusammengebracht hat. Man erkennt darin leicht das Modell einer gelungenen Kommunikation, ein Netzwerk geradezu, ausgehend von einer innovativen Schwarmintelligenz (und nicht von bloß gedankenlosen Nachahmern).

Zum Vergleich ein Kommunikationsbeispiel aus der vorelektronischen Zeit: 1962 veröffentlichte der revolutionäre schwarze Psychoanalytiker Frantz Fanon, dem ein befreundeter weißer Kritiker vorwarf, dass er keine Lehranalyse absolviere, um sich von seiner Normopathie zu heilen, einen Beitrag zum algerischen Befreiungskampf, der ihn berühmt machen sollte: »Die Verdammten dieser Erde«. Der von Frankreichs Präsident De Gaulle als neuen »Voltaire« charakterisierte Schriftsteller Jean-Paul Sartre schrieb in einem Vorwort dazu: »Einer Europäer erschlagen, heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrigbleibt ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.« Letzterer, ein vielleicht noch junger Algerier, lebt heute in einem freien (entkolonisierten) Land, das den Islam als Staatsreligion in seiner Verfassung festgeschrieben hat und am Export seines Erdöls und Erdgases so viel verdient, dass es alle jungen Algerier halbwegs bei Laune halten kann. Diese sitzen nun in ihren Internetcafés und suchen nach einem befriedigenden Content (etwa »algerian free porno videos«). Man könnte das glatt für eine Revolution auf dem Kommunikationssektor halten.

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