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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Vogelschau

Der kommende Aufstand

Minima ornithologica: Ein Storch hat genug, und wir schon lange
Von Jürgen Roth
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Denk mal drüber nach: Was sucht ein Storch auf einer Laterne?

Wer in seinem Übermut, in seiner Hybris nach der Sonne greift, darf Ikarus genannt werden.

Außer einer Mönchsgrasmücke singt Anfang Juli kein Vogel mehr, und im Deutschlandfunk Kultur läuft am Morgen ein Beitrag über das Projekt ICA RUS.

In hymnischem Tonfall hebt der Autor an (und er wird den Gestus des Triumphierens nicht ablegen): »Irgendwo in Asien. Ein Schwarm Weidenammern macht sich auf den Weg Richtung Europa. Sobald die Singvögel ihre Reise begonnen haben, erhalten Biologen Informationen über den Gesundheitszustand der einzelnen Tiere – über ihre Herzfrequenz und ihre Körpertemperatur – und damit letztlich auch darüber, ob sie Krankheitsträger sind. Diese Art der Früherkennung klingt genauso wünschenswert wie utopisch – und soll doch künftig wahr werden.«

ICARUS steht für »International Cooperation For Animal Research Using Space«. Projektleiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ist Friedhelm Claasen. Der feine Herr erklärt, was für Sender, die die Signale an die Internationale Raumstation ISS übertragen, an den fliegenden Tieren angebracht werden: Die »haben nur eine ganz kleine Batterie, so etwas, was in Ihrer Armbanduhr vielleicht drinsteckt, so eine ganz kleine Knopfzelle; und natürlich auch noch die Oberfläche mit Solarzellen belegt, um nachtanken zu können.«

Begeistert unterstützt wird dieses Schandwerk der endgültigen wissenschaftlichen Exploitation und Niederwerfung der Natur vom ehrenwerten Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, zumindest von dessen Direktor Martin Wikelski. »Das übergeordnete Ziel ist, dass wir ein globales Beobachtungssystem für das Leben an sich bekommen«, erläutert er. »Und die beste Methode, so etwas zu machen, ist, dass wir die Lebewesen selber abfragen. Und wenn wir Zigtausende von Spürhunden draußen haben, dann können wir verstehen, wie es dem Leben auf der Erde wirklich geht.«

Das ließe sich zwar leicht in Erfahrung bringen, ginge man mal raus und hielte die Augen offen, doch dergleichen muss ein Professor für Biologie und Ornithologie heute offenbar nicht mehr tun, denn er hat ja Besseres zu tun – nämlich Vögel zu subalternen Spitzeln zu degradieren.

»Das ist wie, als wenn ein Schulkind einen kleinen Tornister mitnimmt, so kann dann eben auch ein Vogel oder eine Fledermaus oder ein anderes Tier einen Sender mit sich tragen«, jubelt Wikelski und fährt fort: »Bei der Dachs­ammer – das ist eine amerikanische Ammernart, die auch weite Strecken zieht – haben wir es einfach aufgeklebt, auf den Rücken, auf die Federn drauf. Und zwar sind das Sender, die eigentlich nur zwei Wochen oder so auf der Ammer draufbleiben sollen, und dann fallen die wieder ab.«

Fürder wird auch dieser Mangel behoben sein: »Wenn das Tier größer wird in Zukunft, kommt der Sender in den Ring. Also zum Beispiel beim Storch würde in Zukunft so ein ICA RUS-Sender einfach nur in den Ring integriert, das heißt, der Storch merkt da überhaupt nichts davon. Beim Storch zum Beispiel ist der dann überm Knie. Und da sitzt einfach in diesem Plastikring der Sender mit drin.«

Sofern man der Kreatur nicht den Hals umdreht, geht es ihr nun vollumfänglich instrumentell an den Kragen. Diese perversen Herrschaftsphantasien kommentiert Götz Eisenberg, der uns den Link zu dem Hörfunkbeitrag vom 8. Juli schickte, durch eine kleine Geschichte:

»Freunde und Bekannte hatten mir schon davon berichtet. Ich wollte es nicht glauben, bis ich es heute gesehen habe – mit eigenen Augen, wie man so sagt. Als ich von Heuchelheim kommend nach Gießen hineinfuhr, saß auf einer Laterne vor der Konrad-Adenauer-Brücke über die Lahn ein Storch. Regungslos hockte er dort. Es wirkte, als wäre er eine Skulptur, als wäre der große Vogel von einem Künstler gefertigt und dort plaziert worden. In der Lahnaue Richtung Wißmar hatte ich im Frühjahr verschiedentlich Störche gesehen, die durch die Wiesen staksten und nach Fröschen und Mäusen Ausschau hielten. Was aber sucht ein Storch auf einer Laterne eingangs der Stadt – über einer vielbefahrenen und lärmenden Straße? Es gibt einen wunderbaren Film des schwedischen Regisseurs Roy Andersson, der ›Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach‹ heißt. Ich nehme an, dass auch unser Storch auf dieser Laterne sitzt und über alles mögliche nachdenkt. Vielleicht handelt es sich um eine Storchdemonstration gegen den Klimawandel und die Naturzerstörung. Das wilde Tier, das der Storch ja immerhin ist, hockt auf der Laterne über einem nie endenden Strom von Autos, die in die Stadt hinein- und aus ihr herausrollen, um die Autofahrer stumm auf diesen täglichen Wahnsinn und seine Folgen hinzuweisen und sie aufzufordern, ihre Autos stehenzulassen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad in die Stadt zu kommen.«

Sicher ist: Das alles wird, wie es Elias Canetti ersehnte, im Aufstand der Tiere und des Lebendigen insgesamt enden – oder in der Auslöschung all dessen, vermutlich in letzterem.

In der Serie Minima ornithologica:

Vermutlich ist es so, dass Vögel keine Karriere machen, sondern in Ruhe gelassen werden wollen. Bisweilen wollen sie sich auch zeigen.

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