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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 8 / Abgeschrieben

Kommunisten blockieren Fliegerhorst

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Blockade eines Eingangstors zum Fliegerhorst

Mit einer internationalen Friedenskundgebung gegen Atomrüstung endeten am Samstag abend die Aktionstage von DKP und SDAJ im rheinland-pfälzischen Büchel mit mehr als 100 Teilnehmern. Die DKP erklärte dazu am Samstag:

Auf dem Fliegerhorst in Büchel lagern 20 US-Atombomben, die modernisiert werden sollen. Die Aktionstage fanden im Rahmen der 20wöchigen Aktionspräsenz der Friedensbewegung in Büchel statt, die angesichts der drohenden Kündigung der INF-Verträge von wachsender Bedeutung sind. (…)

Am Freitag in aller Frühe blockierten die Kommunisten mehrere Stunden zeitgleich zwei Tore des Fliegerhorstes der Bundeswehr (…). Die Abläufe im Fliegerhorst wurden dadurch empfindlich gestört. Die Blockade der dritten und letzten Zufahrt wurde mit Polizeigewalt verhindert. Die Sitzblockade wurde innerhalb kurzer Zeit geräumt, und es wurden Platzverweise ausgesprochen. (…) Nach drei erfolgreichen Blockadeaktionen von DKP und SDAJ in den vergangenen Jahren hat die Polizei, die in der Öffentlichkeit behauptet zu deeskalieren, massiv aufgerüstet und eine andere Gangart eingeschlagen. Auch das Internationale Friedenscamp, das zeitgleich mit den DKP-Aktivitäten auf der »Friedenswiese« gegenüber dem Fliegerhorst stattfand, war von Schikanen, wie der Verweigerung der Zufahrt zum Camp, betroffen. Die Polizeipräsenz rund um den Fliegerhorst war deutlich höher als in den Vorwochen, ein neuer Sicherheitszaun wurde errichtet. »All das können wir durchaus als einen Erfolg unserer Arbeit in den vergangenen Jahren verbuchen – und der Arbeit der Friedensbewegung insgesamt«, sagte Tobias Kriele, Landessprecher der DKP Rheinland-Pfalz.

http://blog.unsere-zeit.de

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Das Internationale Friedenscamp, das zeitgleich mit den DKP-Aktivitäten auf der Friedenswiese gegenüber dem Fliegerhorst stattfand

Sven Felix Kellerhoff, »leitender Redakteur Geschichte«, veröffentlichte in der vergangenen Woche in der Tageszeitung Die Welt einen Artikel über die Schlacht am Kursker Bogen vom Juli 1943. Darin behauptete Kellerhoff: »Bei Prochorowka gab es weder einen sowjetischen Sieg noch überhaupt eine gewaltige Panzerschlacht. In Wirklichkeit fuhren auf dem Acker westlich des heutigen Denkmals mehr als 200 Panzer des sowjetischen 29. Panzerkorps eine Art unfreiwilligen Kamikaze-Angriff.« Die Botschaft der Russischen Föderation in Berlin reagierte am Freitag mit einer Pressemitteilung auf diesen Beitrag:

Mit Befremden haben wir den Artikel »›Der Sieg‹ der Roten Armee, der in Wirklichkeit eine Niederlage war« in der Welt vom 9. Juli aufgenommen. Darin wird versucht, die Panzerschlacht im Juli 1943 bei Kursk, die zu einem Meilenstein des Zweiten Weltkriegs wurde und dessen Fortgang unmittelbar beeinflusste, als katastrophale Niederlage der Roten Armee zu bezeichnen.

Der Autor setzt sich über die allgemein bekannten Fakten zum Scheitern der Wehrmacht-Operation »Zitadelle« und zur infolge der Kursker Schlacht endgültig eingeleiteten Kriegswende hinweg. Bedrückend ist der Versuch, jene Ereignisse zu relativieren und die entscheidende Rolle der Roten Armee bei der Niederschlagung des Hitler-Regimes herunterzuspielen. Um so inakzeptabler und unfassbarer ist es, wenn im Beitrag dazu aufgerufen wird, das bei Prochorowka befindliche Ehrendenkmal für die in der Panzerschlacht gefallenen Sowjetsoldaten abzureißen.

Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und dessen Ergebnisse dürfen nicht revidiert werden. Alle Versuche, die historischen Fakten umzuschreiben, die damaligen Ereignisse zu falsifizieren, den entscheidenden Anteil der Völker der Sowjetunion an der Zerschlagung des Nationalsozialismus und der Befreiung Europas herunterzuspielen, sind unwürdig.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus Berlin (15. Juli 2019 um 03:35 Uhr)
    Die Kritik der Botschaft der Russischen Föderation auf den grotesken Welt-Artikel (9. Juli) des »Historikers« S. F. Kellerhoff über die größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges im Kursker Bogen ist m. E. zu zurückhaltend.
    Man hätte diesen Geschichtsumschreiber mit seiner in typisch Timothy-Snider-Manier vorgetragenen Darstellung der Panzerschlacht am 12. Juli ’43 bei Prokhorowka entschiedener durch Aufführung folgender konkreter Fakten unmissverständlich in die Schranken weisen sollen:
    1. Die sowjetische Rüstungsindustrie hatte die faschistische schon Anfang 1943 quantitativ weit in den Schatten gestellt (qualitativ bereits 1941 v. a. durch die Kampfpanzer T-34, KW1). Allein 1943 wurden in der SU ca. 25.000 Kampffahrzeuge produziert, im vom Hitler beherrschten Europa von ’41 bis ’45 ca. 26.000 Kampfpanzer!
    2. Nach den meisten Darstellungen – prallten ca. 1.500 Kampffahrzeuge zusammen. Die Deutschen verloren ca. 350, die Russen ca. 500 Kampfpanzer. Der Ausgang dieser Panzerschlacht war letztlich irrelevant, weil:
    a) am 12. Juli der mächtige deutsche Panzerkeil im Norden des Kursker Bogens in den sowjetischen Verteidigungstellungen ausgeblutet war und nunmehr in einer rasanten Gegenoffensive Richtung Orel von drei Fronten der Roten Armee zerschlagen wurde.
    Selbst ein erfolgreicher dt. Vorstoß nach Kursk (völlig unsinnig in Sputnik diskutiert) war damit völlig gegenstandslos (s. entsprechende Karten). Starke Reserven (Steppe-Front) waren auch vorhanden.
    b) Das Ergebnis der Schlacht am Kursker Bogen vom 5. Juli bis 23. August 43 kann nur im Zusammenhang beurteilt werden:
    Die besten dt. Panzerdivisionen hatten riesige Verluste in den tiefgestaffelten Verteidigungstellungen. Die neuen Panzer (Tiger, v. a. Panther) waren nicht frontreif und blieben massenhaft liegen. Am 3. August dann die erfolgreiche Gegenoffensive im Süden, am 23. die Befreiung Charkows. Die hohen sowj. Verluste konnten – im Gegensatz zu den unersetzlichen deutschen – schnell ersetzt werden (s. o.).
    Bei der letzten Großoffensive im Osten (Zitadelle) wurde der mächtigen faschistischen Panzerwaffe endgültig das Rückgrat gebrochen, das Ostheer ausgeblutet. Das war bisher eindeutige Ansicht – nicht nur von Militärhistorikern.
    Diese »Kellerhoff-Snider-Geschichtsumschreibung« ist ein weiterer, besonders dreister Versuch, den Hauptanteil der Sowjetunion im Kampf gegen den Hitler-Faschismus nicht nur zu marginalisieren, sondern auch lächerlich zu machen und die Erinnerung daran auszulöschen.

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